Italien Tod eines falschen Mädchens

Es geht um Sex mit Transsexuellen und Kokainorgien, um Erpressung und Mordvorwürfe: Ein Prostitutionsskandal hat den Oppositionspolitiker Piero Marrazzo zu Fall gebracht. Von der Affäre könnte zur Abwechslung mal Premier Berlusconi profitieren.

DPA

Aus Rom berichtet


"Ich glaube keine Sekunde daran, dass Brenda sich das Leben genommen hat", sagt Vladimir Luxuria und schlägt die schlanken, gut trainierten Beine elegant übereinander. Gerade ist die zierliche Schöne in der beliebten Talkshow "Porta a Porta" beim öffentlich-rechtlichen Sender Rai Uno aufgetreten, um über den rätselhaften Tod der brasilianischen Prostituierten zu sprechen.

Luxuria trägt ein enges schwarzes Kleid mit großzügigem Ausschnitt, über dem eine Silberkette baumelt. Während des Gesprächs tauscht sie kichernd süffisante Textmeldungen mit einem Bewunderer aus - was nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass die studierte Literaturwissenschaftlerin eine ernstzunehmende Größe im Land ist. Die 44-Jährige ist die berühmteste Transsexuelle Italiens - und dazu ehemalige Parlamentsabgeordnete, Ex-Hure und Reality-TV-Star. Sie kennt die Szene.

"Unabhängig davon, wie die offiziellen Obduktionsergebnisse lauten werden: Ich bin überzeugt davon, dass Brenda ermordet wurde", erklärt Luxuria resolut. Sie weiß viel über das Milieu, die Preise - und die mächtigen Männer, die sich in den schäbigen Vororten von Rom mit Frauen vergnügen, die nicht immer welche waren oder erst noch welche werden wollen.

"Es gibt viele VIPs in Italien, die mit Transsexuellen verkehren. Ich selbst war einmal mit einem sehr berühmten Mann zusammen - so etwas ist hier keine Seltenheit", erklärt die ehemalige Abgeordnete der kommunistischen Nachfolgepartei "Rifondazione Comunista". Oft habe sie sich im Parlament buchstäblich auf die Zunge beißen müssen, wenn sich notorische Kunden von Prostituierten als besonders moralisch gebärdeten. "Die Heuchelei ist einfach unerträglich", klagt sie.

Der Politiker zog sich zunächst in ein Kloster zurück

Doch hier geht es nicht um heimliche Besuche zu später Stunde: Brenda Ballentines wurde am Freitag tot in ihrer ausgebrannten Einzimmerwohnung in der Via dei due Ponti im Norden Roms gefunden. Die mannsgroße, langhaarige Brasilianerin mit dem beeindruckenden Dekolleté war eine von vielen Migrantinnen in der Gegend, die sich ihren Lebensunterhalt mit Prostitution verdienen. Und die durch Zufall an einen berühmten Kunden geriet, der ihr möglicherweise zum Verhängnis wurde.

Der ehemalige Präsident der Region Lazio, Piero Marrazzo von der Oppositionspartei PD, war im Oktober in die Schlagzeilen geraten, als herauskam, dass vier Carabinieri ihn erpresst hatten - mit Videoaufnahmen, die den Politiker beim intimen Tête-à-tête mit einer Transsexuellen namens Natalì zeigen. Marrazzo leugnete zunächst, stand dann aber zu seiner "privaten Leidenschaft" und trat von seinem Amt zurück. Er zog sich ins Kloster von Montecassino zurück, von wo aus er Anfang der Woche sichtlich angeschlagen in den Schoß der Familie zurückkehrte.

"Marrazzos Problem waren weniger die Transsexuellen als die Tatsache, dass er seinen Kokainkonsum offenbar nicht unter Kontrolle hatte", vermutet Antonio Padellaro, Herausgeber der neuen Tageszeitung "Il Fatto quotidiano" und ein journalistisches Urgestein in Italien. Es sei ein offenes Geheimnis, dass viele ranghohe Politiker im Land die Droge nähmen. "Marrazzo hat geglaubt, er sei unantastbar und könne sich alles leisten - das war ein Fehler."

Aufnahmen ihres Kunden - die "Rentenversicherung" der Hure Brenda

Seinem Anwalt gegenüber hatte Marrazzo zunächst alle Vorwürfe von sich gewiesen. Schließlich musste der Vater von drei Töchtern unter dem Druck der Öffentlichkeit zugeben, sich mit Prostituierten getroffen zu haben - auch mit Brenda, in ihrem ersten Leben ein Mann namens Wendell Mendes Paes. Bekannte erklärten, sie habe Aufnahmen von Marrazzo und anderen VIP-Kunden auf ihrem Handy gespeichert und dies als ihre "Rentenversicherung" bezeichnet. Bei einem Überfall zwei Wochen vor ihrem Tod wurde eines ihrer Mobilfunkgeräte gestohlen.

Laut ersten gerichtsmedizinischen Untersuchungen starb Brenda an einer Rauchvergiftung und wies keine äußeren Verletzungen auf. Im Waschbecken der Wohnung entdeckte die Polizei den Computer der Transsexuellen, auf dem trotz Wasserschadens zahlreiche Dokumente erhalten blieben - Bilder, Videos und Nachrichten. Über die Inhalte wurde bislang nichts bekannt.

Gab Brenda den Erpressern Hinweise?

Sehr schnell tippten die Ermittler auf Selbstmord. Nachbarinnen und Kollegen sagten in Interviews, dass Brenda nach der Affäre Marrazzo Suizidgedanken gehabt und außerdem ausgiebig Alkohol, Kokain und Beruhigungsmittel konsumiert habe. Sogenannte Freundinnen von Brenda traten in Talkshows auf - ihre Berichte sind widersprüchlich und nicht immer glaubhaft.

So erklärte Marrazzos langjährige Bekannte Natalì in der Sendung "Porta a Porta", dass es sich bei dem Video von ihr und dem Politiker um eine Fälschung handele und es die große Menge Kokain, die darin vorkommen soll, nie gegeben habe. Für ihre tote Kollegin Brenda hat die Prostituierte wenig warme Worte übrig - sie soll maßlos und im Suff aggressiv gewesen sein, Kunden beraubt und Kolleginnen angeschnorrt haben.

Unter den Huren herrscht jetzt die nackte Angst, viele fürchten um ihr Leben. Zu Recht, denn es darf vermutet werden, dass die Damen aus Misstrauen gegenüber den Behörden nicht alles sagen, was sie wissen.

Die Nachbarin und Freundin von Brenda, "China", erklärte im Fernsehen, Brenda habe 30.000 Euro von Marrazzo bekommen - eine Behauptung, die der Anwalt des Ex-Präsidenten der Region Lazio vehement bestreitet: "Die wenigen Male, die Marrazzo zu den Prostituierten ging, hat er höchstens tausend Euro bezahlt", sagte Luca Petrucci.

Auch die Transsexuelle Luxuria zweifelt an solchen Berichten: "Brenda lebte trotz illustrer Kunden in ärmlichen Verhältnissen, hielt sich mühsam mit Prostitution über Wasser." Wer als Migrantin ohne Aufenthaltsgenehmigung in Rom lebe, sei leicht erpressbar. "Es ist gut möglich, dass Brenda selbst den Carabinieri, die Marrazzo erpresst haben, den Tipp gegeben hat, wo er gemeinsam mit Natalì anzutreffen ist", so Luxuria.

"Ich habe halb Rom in der Hand, ich weiß Dinge …"

Mit Brendas Tod bekam auch das Ableben des 36-jährigen Dealers Gianguarino Cafasso eine völlig andere Bedeutung. Der 120 Kilo schwere und diabeteskranke Rauschgifthändler soll zahlreiche Transsexuelle der Szene mit Kokain und anderen Drogen versorgt haben und ein guter Freund von Brenda gewesen sein.

Cafasso hatte Mitte Juli zwei Journalistinnen des "Libero" kompromittierendes Videomaterial, auf dem Piero Marrazzo zu sehen war, zum Kauf angeboten. Schon damals habe er Angst bekundet und sich verfolgt gefühlt, berichteten die beiden Frauen: "Ich nehme das Geld und hau dann ab", sagte er den Reporterinnen. "Wenn ich hierbleibe, machen die mich kalt. Ich habe halb Rom in der Hand, ich weiß Dinge …", orakelte der Pusher laut "Repubblica". "Ich kann sie alle ruinieren, ich habe Kunden unter den Politikern, wenn ich euch das erzähle …"

Am 12. September war Gianguarino Cafasso tot. Er starb in einem billigen Hotel an der Via Salaria - an Herzversagen, wie es zunächst hieß. Jetzt ergab ein toxikologisches Gutachten, dass das Kokain, das er vor seinem Tod konsumierte, mit großen Mengen Heroin gemischt worden war. Cafassos Gefährtin Jennifer aus Brasilien sagte später aus, man habe das angebliche Kokain bei einem afrikanischen Dealer gekauft. "Es roch seltsam, ich habe es probiert und es war sehr bitter. Deshalb habe ich es nicht genommen", erklärte die Transsexuelle. Cafasso hingegen langte zu - und starb noch in der Nacht.

Der Gewinner heißt Berlusconi

"Es gibt viele ungeklärte Fragen zum Tod von Cafasso", musste selbst Staatsanwalt Giancarlo Capaldo zugeben. Die Mitarbeiter des forensischen Instituts in Rom suchen nun nach Spuren eines tödlichen Drogencocktails auch im Körper der toten Brenda. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass jemand eine Überdosis Drogen in ihr Schlafmittel getan hat", sagt Luxuria. "Irgendjemand wollte um jeden Preis vermeiden, dass Brenda seinen Namen nennt." Der Fall Marrazzo habe gezeigt, wie schnell man aus dem Olymp der Macht abstürzen könne: "Das Ende der Karriere ist für einen Politiker das Schlimmste."

Jenseits der ungeklärten Fragen, Gerüchte und Vermutungen darf eines als sicher gelten: Der Gewinner des haarsträubenden Polit-Krimis ist bereits ausgemacht. Es ist - wie so oft - Premier Berlusconi, der mit Marrazzos Untergang seinen eigenen Mythos des hypervirilen Staatsmannes pflegt und gleichzeitig die Opposition diskreditiert sieht: Der Cavaliere amüsiert sich mit schönen und kostspieligen Eskort-Damen, während die Linke es mit schäbigen Transsexuellen treibt.



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