Jagd auf den Attentäter: Die verstörte Stadt

Aus Boston berichten und (Video)

SPIEGEL ONLINE

Boston ist nicht wiederzuerkennen: Wegen der anhaltenden Jagd auf Dschochar Zarnajew und mögliche Mittäter befindet sich die Stadt trotz der aufgehobenen Ausgangssperre im Ausnahmezustand. Viele Bürger sind verunsichert - und ein Automechaniker hatte eben noch Besuch vom mutmaßlichen Attentäter.

Plötzlich Geisterstadt. Bostons Straßen sind am Freitag über Stunden wie leergefegt. Geschäfte haben geschlossen, U-Bahnen und Busse stehen, Restaurants machen Einlasskontrollen. In manchen Gegenden gibt es kein Benzin, keinen Kaffee, keinen offenen Supermarkt. Vorsichtig lugen die Bewohner aus ihren Häusern, wenn draußen dennoch jemand vorbei geht. Die Angst ist da. Touristen sitzen in den Lobbys der Hotels fest, starren auf ihre Smartphones und den Fernseher mit der CNN-Übertragung an der Wand. Fassungslos.

Erst am Abend zeigen sich die Menschen wieder auf der Straße - denn da hat Massachusetts' Gouverneur Deval Patrick den sogenannten Lockdown auf einer Pressekonferenz aufgehoben: Die Leute können ihre Häuser wieder verlassen; der öffentliche Nahverkehr nimmt seinen Betrieb wieder auf. Doch in der entscheidenden Frage kann Patrick keine Entwarnung geben: Noch immer ist mindestens ein Verdächtiger auf der Flucht, schwer bewaffnet und gefährlich: der 19-jährige Dschochar Zarnajew; auf den Fahndungsbildern des FBI ist das der Junge mit der weißen Baseball-Kappe.

In den ersten Tagen nach den Bombenanschlägen ging ein Ruck von Solidarität und Widerstandsgeist durch Boston. Die Terroristen hätten sich die falsche Stadt ausgesucht, stellte US-Präsident Barack Obama fest. Seine Botschaft: Die Stadt als Essenz Amerikas; Boston, das sind wir alle. Bewusst reisten viele Marathonläufer noch nicht ab, zeigten sich mit ihren blauen Trainingsjacken immer wieder rund um Boylston Street, dem Anschlagsort.

Spurensuche in Watertowm und Cambridge

Doch seit der Nacht von Donnerstag auf Freitag, seit der nicht enden wollenden Jagd auf die mutmaßlichen Täter paart sich amerikanischer Widerstandsgeist mit tiefer Verstörung. Längst ist nicht mehr die Boylston Street das Epizentrum des Großraums Boston, sondern die direkten Nachbarstädte Watertown und Cambridge. Das Symbol der Gegenwehr, die blauen Jacken, sind vom Lockdown verdrängt worden.

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Großfahndung nach Bombenleger: Boston im Ausnahmezustand
In Watertown lieferten sich Polizei und Verdächtige in der Nacht ein Feuergefecht, bei dem der 26-jährige Tamerlan Zarnajew - auf den Fahndunsgsbildern mit schwarzer Mütze - tödlich getroffen wurde. Bruder Dschochar konnte vorerst entkommen, seit dem frühen Freitagmorgen durchkämmt die Polizei das Viertel. Möglicherweise, so heißt es, könne das noch bis zum Ende des Wochenendes dauern. Rund 10.000 Einsatzkräfte suchen nach dem 19-Jährigen, lokale Polizei, FBI, Militär - alle Sparten der Sicherheitskräfte sind vertreten (Verfolgen Sie die Entwicklung im Liveticker). Watertowns Hauptstraßen sind gesäumt von schwarzen SUVs, darin SWAT-Teams, Spezialeinheiten, die auf ihren Einsatz warten. Mit den aus dem Irak-Krieg bekannten Humvee-Fahrzeugen fährt die Military Police Streife.

Das andere Epizentrum ist das portugiesisch-brasilianische Viertel von Cambridge, in dessen Zentrum die Norfolk Street liegt. Dort haben die Brüder Zarnajew gewohnt, sie haben tschetschenische Wurzeln. "Dort, in dem gelben Gebäude", sagt Nachbarin Vanessa White und zeigt auf ein nicht ganz frisch wirkendes Holzhaus. Es sei ein so schönes Viertel hier, sagt die 35-Jährige, mit all den Künstlern und dem brasilianischen Flair. Und jetzt sowas. "Norfolk Street, oh Mann, als ich das im Radio gehört habe" - sie schüttelt den Kopf - "das ist hier!" Sie könne das gelbe Haus ja aus ihrem Küchenfenster sehen. Nun müsse sie allerdings schnell nach Hause, sagt White, ihre Katzen in Sicherheit bringen. Denn die Behörden haben eine "kontrolierte Sprengung" im Haus der Zarnajews angekündigt. Die Lage ist undurchsichtig.

Ständig auf den Fingernägeln gekaut

Um die Ecke steht Gilberto Junior. Der 44-Jährige ist vor zehn Jahren aus Brasilien gekommen, hat einige Tattoos am Hals und heute ziemlich viel geheult. Sagt er selbst. Deshalb trägt er jetzt eine große Sonnenbrille. Gilberto Junior macht sich Vorwürfe, denn er kannte die Brüder gut. Er war ihr Automechaniker. Hätte er sie stoppen können?

"Am Dienstag kam Dschochar noch bei mir vorbei", erinnert er sich. Das war einen Tag nach dem Bombenanschlag. Der Junge sei komisch drauf gewesen, "ich dachte, er wäre auf Drogen". Zarnejew habe ständig auf den Fingernägeln gekaut, seine Beine hätten gezittert: "Der war total nervös." Was er wollte? Einen Mercedes Kombi abholen, den er zwei Wochen zuvor wegen einer kaputten hinteren Stoßstange in Gilbertos Werkstatt gebracht hatte. Aber am Dienstag war der Wagen noch nicht fertig. "Aber Dschochar sagte, er benötige das Auto jetzt sofort." Da habe er ihm die Schlüssel gegeben und keine Rechnung gestellt.

Zwei Tage später, als er die Fahndungsbilder im Fernsehen gesehen habe, habe es ihm gedämmert, wen er da seit gut zwei Jahren regelmäßig als Kunden begrüßt hatte. Er habe ihn immer für "sehr nett und freundlich" gehalten. Man habe meist über Fußball und Girls gesprochen, nie über Religion. Ein gut aussehender Junge sei das. Aber jetzt? "Böse", sagt Gilberto, "böse und feige."

Er habe die Brüder Zarnajew für Kinder reicher Eltern gehalten, sagt der Mechaniker. Schließlich hätten sie ihm regelmäßig große Autos zur Reparatur vorbeigebracht: Mal einen Porsche Cayenne, mal einen Landrover, mal den M3 von BMW. Er habe das nicht hinterfragt, schließlich gebe es in Boston viele Kinder aus Übersee, die sich ein 100.000-Dollar-Auto leisten könnten. Auch Dschochars Schuhe seien ihm einmal aufgefallen, "so extravagant". Ein Kumpel, der was von Schuhen verstehe, habe ihn dann aufgeklärt: 900 Dollar hätten die wohl gekostet. Der Porsche, die Schuhe - das mag alles nicht so recht zusammenpassen mit dem Leben, das die Brüder nach Erzählung anderer Bekannter führten.

Auch in Sachen Religiosität gibt es Fragezeichen. Tamerlan zum Beispiel soll bei YouTube einige radikalislamistische Videos als Favoriten verlinkt haben; über Dschochar hingegen sagte eine Kommilitonin dem "Boston Globe", er sei "nicht so religiös" gewesen, vielmehr ein normales Stadtkind: "Er sagte nie irgendwas über Russland versus die USA."

Und so bleibt noch immer viel unklar. Auch dies trägt zu Verstörung und Verunsicherung unter Bostons Bürgern bei.

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1. In den USA
hans gruber 19.04.2013
hätte man die NSU Morde innerhalb einer Woche aufgeklärt! Oder glaubt einer das es bei denen auch 10 Jahre gedauert hätte?
2. Was bedeutet
lackehe 20.04.2013
Religionsfreiheit und was bedeutet ein Angriff gegen Personen, die ihre Religion ausüben (2:190).? Wir sollten wissen, dass es ein Kampf nach dem Koran ist, ein Kampf, der erst vorüber ist, wenn es keine Ungläubigen mehr gibt und Frieden dadurch einkehrt (2:193). Wenn man den Koran im Sinne der 2:191 richtig interpretiert (wozu auch das Töten als Lohn der Ableugner gehört). Wer also diese Religion erlaubt, in die Religionsfreiheit einbezieht, muss sich damit abfinden, dass diese Religion auch vertreten wird. Wer weiß, was er erlaubt, weiß auch um die Folgen, die nicht schön zu reden sind. Nebenbei, der zweite Täter befindet sich an bord eines Bootes. Spezialkräfte in Sachen Sprengstoff sind im Anmarsch. Ich will es wieder Live sehen, also bis dann.
3. Masse statt Klasse
O.Kenobi 20.04.2013
Was mich verstören würde, ist diese sprichwörtlich nutzlose Präsenz offensichtlich völlig überforderter Polizisten. Da fahren nicht enden wollende Kolonnen Polizeifahrzeuge in die abgesperrten Gebiete, gefolgt von Mannschaftswagen mit SWAT-Teams. Da stehen Gruppen von locker plaudernden Uniformierten zusammen, während neben ihnen Polizisten mit gezogenen Waffen und in geduckter Haltung vorbeischleichen als sei jederzeit mit Beschuss zu rechnen. Entweder sind die einen unbekümmert naiv oder die anderen hysterisch. Und am Ende finden diese bis an die Zähne bewaffneten Hundertschaften - nichts! Erst nachdem sie sich getrollt haben, entdeckt ein Nachbar das Objekt der Menschenjagd. Hier ist nicht mehr und nicht weniger passiert als eine absolut peinliche Selbstdarstellung der amerikanischen Uniformierten, die vielleicht Weltklasse sind, wenn es darum geht eine Show abzuziehen, die aber das, wofür sie da sein sollen, offensichtlich nicht auf die Reihe bekommen. Masse statt Klasse. Und dank CNN und CBS hat die ganze Welt zugesehen.
4. Ja, es geht auch anders
lackehe 20.04.2013
Zitat von O.KenobiWas mich verstören würde, ist diese sprichwörtlich nutzlose Präsenz offensichtlich völlig überforderter Polizisten. Da fahren nicht enden wollende Kolonnen Polizeifahrzeuge in die abgesperrten Gebiete, gefolgt von Mannschaftswagen mit SWAT-Teams. Da stehen Gruppen von locker plaudernden Uniformierten zusammen, während neben ihnen Polizisten mit gezogenen Waffen und in geduckter Haltung vorbeischleichen als sei jederzeit mit Beschuss zu rechnen. Entweder sind die einen unbekümmert naiv oder die anderen hysterisch. Und am Ende finden diese bis an die Zähne bewaffneten Hundertschaften - nichts! Erst nachdem sie sich getrollt haben, entdeckt ein Nachbar das Objekt der Menschenjagd. Hier ist nicht mehr und nicht weniger passiert als eine absolut peinliche Selbstdarstellung der amerikanischen Uniformierten, die vielleicht Weltklasse sind, wenn es darum geht eine Show abzuziehen, die aber das, wofür sie da sein sollen, offensichtlich nicht auf die Reihe bekommen. Masse statt Klasse. Und dank CNN und CBS hat die ganze Welt zugesehen.
[QUOTE=O.Kenobi;12541535]Was mich verstören würde, ist diese sprichwörtlich nutzlose Präsenz offensichtlich völlig überforderter Polizisten. Ein Streifenwagen hätte wohl genügt. während de Beifahrer die Menschen der anliegenden Häuser evakuiert, kann der Fahrer den Täter schon einmal zum Aufgeben auffordern. Wozu Blendgranaten und Hubschrauber? Im Streifenwagen sind doch Taschenlampen. Sollten noch Anhänger des Täters auftauchen, wird es etwas schwieriger, aber ein gut geschulter Polizist, wird die sicher auffordern, die Umgebung zu verlassen. Ja, ich sehe ein, das ganze scheint etwas beschränkt zu sein.
5. @ lackehe
cdu=rueckschritt 20.04.2013
Das Problem ist Dein arg beschränkter Horizont - wie Du gegen den Islam hetzt und die US-Hysterie feierst, ist Ausdruck typischen Systemlemmingtums. Die angeführten Suren kann man auch problemlos immateriell interpretieren - dann aber schrumpft das Feindbild und Du stehst allein auf weiter Flur; besser nicht...
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