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Mutmaßlicher Kino-Mörder: Verstörende Minuten vor Gericht

Von , Washington

Benommen, abwesend, nicht von dieser Welt: Der erste öffentliche Auftritt des mutmaßlichen Mörders von Aurora wirkt zutiefst befremdlich. Politiker wollen seinen Namen vergessen machen, das Land soll im Schmerz zusammenrücken. Doch das ist eine Illusion.

James Holmes dämmert vor sich hin. Der Blick ins Nichts, irgendwo nach unten, wo seine Hände in Handschellen in seinem Schoß liegen. Die Augenlider sinken herab, er runzelt die Stirn, öffnet die Augen wieder, ganz weit. Hin und her geht das, auf und zu. Der 24-Jährige mit den orange gefärbten Haaren wirkt benommen, abwesend. Er scheint nicht von dieser Welt. So wie die Tat.

Am Freitagmorgen wurden in einem Kinosaal zwölf Menschen getötet, mehr als 50 verletzt. Der Student James Holmes ist der mutmaßliche Täter. Er soll sich vor der Leinwand von Saal neun des Kinos Century 16 in Aurora aufgebaut, dann mit einem Sturmgewehr, einer Jagdflinte und zwei Handfeuerwaffen auf die Menschen geschossen haben. Kaltblütig. Bei seinem Auto auf dem Kino-Parkplatz haben sie ihn festgenommen, Holmes hat sich nicht gewehrt.

Amerikas Schock bekommt ein Gesicht

Und jetzt sitzt er hier, vor seinem Richter. Es ist ein erster, rein förmlicher Termin, es gibt noch keine Anklage, nichts. James Holmes sitzt da und schweigt. Der Richter verordnet am Montag, dass Holmes keinen Kontakt haben darf zu Zeugen oder Opfern. Dem Beschuldigten fallen die Augen zu.

Nimmt er Medikamente? Ist er psychisch gestört? All das ist noch unklar. Und die Behörden in Aurora wollen nicht zu viel preisgeben von dem, was sie jetzt schon wissen.

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Kino-Attentat: James Holmes vor Gericht
Im Saal sitzen Angehörige der Opfer. Auch sie achten kaum auf den Richter. Sie starren Holmes an. Nur kurz ist der Auftritt. CNN überträgt live, aber es gibt Tonstörungen. Wortlos flimmert minutenlang dieser verstörende Mensch über die Bildschirme. Amerika hat nun das Gesicht zum Schock. Holmes trägt dunkelrote Gefängnisklamotte, darunter eine Schutzweste. Obwohl er in Isolationshaft sitzt, haben sie Sorge, dass ihn Mithäftlinge erstechen könnten. Holmes' Verbrechen stellt ihn auch in der Gefängniswelt auf die unterste Stufe.

In einer Woche soll Anklage erhoben werden, sagt Staatsanwältin Carol Chambers. Ihre Behörde müsse nun die große Menge an Beweisen prüfen, der Prozess beginne möglicherweise erst in einem Jahr. Die Todesstrafe? Gibt es in Colorado, 1997 wurde der letzte Verurteilte hingerichtet. Chambers gilt als hart, während ihrer Laufbahn hat sie schon mehrfach die ultimative Strafe gefordert. Natürlich will sie das jetzt nicht ausschließen. Letztlich hänge ihre Entscheidung aber auch von den Gesprächen mit den Opfern ab, sagt sie.

Im kalifornischen San Diego tritt kurz darauf eine Anwältin von Holmes' Familie vor die Presse: Man werde seine Person oder die Beziehung zu seiner Familie zum jetzigen Zeitpunkt nicht kommentieren, sagt sie. Es gehe Holmes' Familie "so gut wie unter diesen Umständen möglich". Mit ihren Herzen seien sie bei den Opfern.

Dem Beschuldigten keine Bühne bieten

Die Opfer und nicht Holmes sollen nun im Vordergrund stehen, sie und nicht der mutmaßliche Täter sollen in Erinnerung bleiben - das haben sich die Menschen in Aurora bei ihrem Gedenken am Wochenende vorgenommen. Und so will es auch die Politik halten. "Ich weigere mich, seinen Namen zu sagen", so John Hickenlooper, der Gouverneur des Rocky-Mountain-Staates: "Wir werden ihn einfach 'Verdächtiger A' nennen."

Genau dieser Linie folgte auch der US-Präsident, der am Sonntag nach Colorado reiste, um Angehörige und Opfer zu besuchen. Barack Obama sprach von Holmes nur als dem "Straftäter, der diesen teuflischen Akt begangen hat". Er habe während der vergangenen Tage eine Menge Medienaufmerksamkeit erhalten, "diese Aufmerksamkeit wird abnehmen". Und am Ende würden allein "die guten Menschen erinnert, die von dieser Tragödie betroffen waren".

Die No-Name-Disziplin vom Präsidenten bis hinab zu den lokalen Behörden wirkt zumindest jetzt noch wie ein Gegenentwurf zu den Auftritten, die dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik möglich waren. Er wusste die Ermittlungen und den Gerichtssaal als Bühne für seine Propaganda zu nutzen. Ein Sprecher der Gruppe der Überlebenden stellte zuletzt bitter fest: "Ihm zuzuhören, macht uns krank."

Spürbar sind die Amerikaner in den letzten Tagen zusammen gerückt. Dieses politisch auf Konsens ausgelegte und dennoch tief gespaltene Land hat sich übers Wochenende Ruhe erlaubt. Mitt Romney, der republikanische Präsidentschaftskandidat, hat Obama für seinen Besuch in Aurora gelobt ("richtige Sache"); der Präsident seinerseits hat seine Anzeigenkampagne in Colorado für die gesamte Woche ausgesetzt. Schon nennt die "Washington Post" Obama den "Healer in Chief".

Es besteht kaum Hoffnung

Und die Zeitung fragt hoffnungsvoll: "Werden die Wahlkampfteams jetzt ihren Ton ändern?" Hatten nicht Romney und Obama mit ganz ähnlichen Worten auf die Katastrophe reagiert, mit ihren Gefühlen als Eltern? Hatte nicht Obama gesagt, dass letztendlich nicht die kleinen, banalen Dinge zählen sollten, "die uns so oft beschäftigen"?

Klingt alles hübsch. Dennoch besteht kaum Hoffnung, dass ausgerechnet das Kino-Attentat von Colorado die USA versöhnen könnte.

Erstens: Weil es bei all den Amokläufen vorher nicht funktioniert hat; weil etwa die viel gelobte Versöhnungsrede Obamas nach dem Massaker in Arizona im Januar 2011 verpufft ist. Und zweitens, weil es einen simplen Praxistest gibt, an dem Republikaner und Demokraten auch dieses Mal schon wieder gescheitert sind: die Verschärfung der laschen Waffengesetze. Selbstverteidigung schön und gut - aber braucht der Mensch dafür wirklich ein Sturmgewehr?

Jeff Shesol, einst Redenschreiber für Bill Clinton und in den Tagen der Columbine-Tragödie 1999 an dessen Seite, lobt Obama in der "Washington Post" für seine Trauerrede. Die aber sei auch nicht so schwierig. Komplizierter sei die politische Frage, die aus dem Ganzen folge: "Sollen wir das einfach so hinnehmen, eine solche Schießerei alle ein, zwei Jahre?"

Obama hatte im Wahlkampf 2008 versprochen, die Waffengesetze wieder zu verschärfen. Romney hat das als Gouverneur in Massachusetts sogar getan. Und nun? Nichts.

Von keinem der beiden ein Wort.

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