Nazi-Cheffahnder Jens Rommel "Früher galten nur Hitler, Himmler oder Göring als Täter"

Jens Rommel will NS-Täter finden, die bislang nicht belangt wurden: Im Interview spricht der neue Chef der Nazi-Fahnder in Ludwigsburg über die schwierigen Ermittlungen und das wichtige Urteil gegen Auschwitz-Buchhalter Gröning.

Behördenchef Rommel: "Auftrag, dass uns keiner mehr durchrutscht"
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Behördenchef Rommel: "Auftrag, dass uns keiner mehr durchrutscht"

Ein Interview von und


Er legt Wert auf die Feststellung, "weder verwandt noch verschwägert" zu sein mit dem berühmten Wehrmachtsoffizier Erwin Rommel. Aber die Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt Jens Rommel dennoch sehr: Der 43-Jährige ist neuer Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg, die seit 1958 mehr als 7500 Vorermittlungsverfahren eingeleitet hat - unter anderem gegen ehemalige KZ-Aufseher.

Rommel tritt damit die Nachfolge von Kurt Schrimm an, der im September nach 15 Jahren in den Ruhestand gegangen ist. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erläutert der Jurist, was künftig die wichtigsten Aufgaben seiner Behörde sein sollen - und wo er die größten Probleme dabei sieht.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten NS-Täter dürften inzwischen gestorben sein, wird Ihre Behörde überhaupt noch gebraucht?

Rommel: Wir haben weiterhin die Aufgabe, zu allen möglichen NS-Verbrechen Informationen zusammenzutragen, auch wenn der Tatort im Ausland liegt oder es noch keinen Beschuldigten gibt.

SPIEGEL ONLINE: Was aber, wenn diese Vorermittlungen kaum noch zu einer Anklage oder gar einer Verurteilung führen können?

Rommel: Mord verjährt nicht. Daher ist die Zentrale Stelle als Strafverfolgungsbehörde in der Pflicht, alles Verfolgbare auch heute noch aufzuklären. Der deutsche Staat hat auch moralisch den Auftrag, NS-Morde als staatliche oder zumindest staatlich geduldete Verbrechen so gut wie möglich aufzuklären.

SPIEGEL ONLINE: Im Juli wurde der 94-jährige ehemalige SS-Mann Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Mord in Auschwitz zu vier Jahren Haft verurteilt. War das nicht der mutmaßlich letzte Prozess dieser Art?

Rommel: Ich rechne mit weiteren Verfahren aufgrund unserer Vorermittlungen. Aber was davon noch zur Hauptverhandlung kommt, ist tatsächlich fraglich. Irgendwann wird es mit wachsendem Abstand schwierig, noch jemanden rechtskräftig zu überführen. Diesem Zeitpunkt nähern wir uns. Gröning wurde nach unseren Vorermittlungen verurteilt. Über seinen Revisionsantrag befindet gerade der Bundesgerichtshof. Dessen Votum wird sich entscheidend auf unsere Arbeit auswirken.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Rommel: Das anstehende Urteil hat Grundsatzcharakter: Hat Gröning allein durch seine Tätigkeit an der Rampe in Auschwitz-Birkenau Beihilfe zum Mord in rund 300.000 Fällen geleistet? Das wäre für uns ein Anlass, in den Akten über Konzentrations- und Vernichtungslager zu prüfen, wer noch in diese Kategorie fallen könnte.

SPIEGEL ONLINE: 2011 hat das Landgericht München den ehemaligen Wachmann John Demjanjuk wegen seiner Tätigkeit als Wachmann in einem Vernichtungslager verurteilt. War das nicht Signal genug?

Rommel: Ja, aber der Bundesgerichtshof konnte das Urteil nicht überprüfen, weil Demjanjuk zwischenzeitlich verstarb. Die erweiterte Einordnung als Gehilfe stammt aus dem Terrorprozess gegen Mounir al-Motassadeq, einen Komplizen des 9/11-Attentäters Mohammed Atta. Motassadeq wurde in Hamburg wegen Beihilfe zum Mord in 246 Fällen zu 15 Jahren Haft verurteilt. Das haben Grönings Richter auf Auschwitz-Birkenau übertragen: Als Gehilfe gilt, wer die Tat "objektiv fördert oder erleichtert", ohne dass der Beitrag für das konkrete Ergebnis ursächlich sein müsste, so steht es im Urteil.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Zentrale Stelle nicht früher auf die Idee gekommen, über diesen Hebel nach weiteren NS-Tätern zu fahnden?

Rommel: Der Begriff des Täters und des Gehilfen hat sich erst über die Jahrzehnte erweitert. Früher hat die Justiz nicht einmal Todesschützen verfolgt. Da galt nur die Führungsebene des NS-Regimes als Täter: Hitler, Himmler, Göring.

SPIEGEL ONLINE: Aber bereits 1966 wurde ein Buchhalter des Vernichtungslagers Sobibór für seine Verwaltungstätigkeit zu vier Jahren Haft verurteilt. Warum hat die Justiz diese Linie nicht durchgehalten?

Rommel: Das kann ich nicht beurteilen. Ich verstehe es jetzt jedenfalls als unseren Auftrag, dass uns keiner mehr durchrutscht, den wir eigentlich im Bestand haben. Sobald der Bundesgerichtshof das Urteil gegen Gröning bestätigt, können wir einen erneuten Suchlauf starten.

SPIEGEL ONLINE: Anstatt das eigene Material zu sichten, unternahmen Mitarbeiter der Zentralen Stelle aufwendige Dienstreisen, um in fernen Ländern nach Dokumenten zu suchen. War das gerechtfertigt?

Rommel: Ich bitte darum, solche Dienstreisen nicht in der Rückschau zu bewerten. Zu den Unsicherheiten eines Verfahrens gehört, dass man nichts findet. Ich werde auch in ausländischen Beständen suchen, wenn es Anhaltspunkte gibt. Der Schwerpunkt der Überlegungen soll aber auf den Unterlagen im eigenen Haus liegen.

SPIEGEL ONLINE: Nach erfolgreichen Vorermittlungen in Ludwigsburg landen alle Fälle bei der Staatsanwaltschaft. Wie gut ist die Zusammenarbeit?

Rommel: Das zweistufige Verfahren ist sicherlich nicht das effektivste. In der Regel freut sich eine Staatsanwaltschaft nicht, wenn sie NS-Verfahren auf den Schreibtisch bekommt, weil diese schwer zu führen sind. Ich bin mir aber sicher, dass die Staatsanwaltschaften mit ihrem Auftrag zur Strafverfolgung immer gesetzestreu umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Bundesjustizminister Heiko Maas hat der Justiz Versagen bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit attestiert. Teilen Sie dieses Urteil?

Rommel: Ich würde bei der Bewertung gerne noch das absehbare Ende der Ermittlertätigkeit und weitere Erkenntnisse der Forschung abwarten. Die Justizminister haben beschlossen, die Zentrale Stelle als Forschungszentrum zu erhalten - auch zur Aufklärung eines möglichen Versagens der Justiz. Ludwigsburg ist der Ort, der für Deutschlands strafrechtliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit steht - so wie es Nürnberg für die Alliierten war.

Mehr zum Thema in unserem Multimediaspezial zum Kriegsende

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