Mysteriöser Tod eines Briten Politsekte soll Studenten in den Tod gehetzt haben

Ein Student wird von einem Auto überrollt, die Fahnder legen sich schnell fest: Suizid. Doch Recherchen der Mutter führten zu einer rechten Politsekte. Nun, zwölf Jahre nach dem Tod, ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen zwei Verdächtige.

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Jeremiah Duggan: Seine Mutter Erica stellte das Foto für die Veröffentlichung zur Verfügung
REUTERS

Jeremiah Duggan: Seine Mutter Erica stellte das Foto für die Veröffentlichung zur Verfügung


Der junge Mann wirkte verstört, als wäre er auf einem Drogentrip. Er ruderte hastig mit den Armen, rannte auf die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten. So schilderten Zeugen es später. Ein Peugeot konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen, rammte ihn auf die Fahrbahn. Dann überrollte ein VW Golf den Mann. Jeremiah Duggan, 22, starb am 27. März 2003, 6.10 Uhr in einem Wiesbadener Gewerbegebiet auf der Bundesstraße B455.

Der Tote hatte einen britischen Pass und studierte Literatur in Paris. Was in aller Welt trieb den jungen Mann an einem nasskalten Märzmorgen dazu, sich 550 Kilometer von Paris entfernt ohne ersichtlichen Grund in den einsetzenden Berufsverkehr zu werfen?

Für die Polizei war die Sache damals klar: Duggan muss psychisch labil gewesen sein. Suizid. Jeremiahs Mutter sah das von Beginn an anders. Sie berichtete von einem panischen, angsterfüllten Anruf ihres Sohnes, gerade mal eine Dreiviertelstunde vor dessen Tod. Die Wiesbadener Ermittler aber maßen dem Hinweis der Mutter keine große Bedeutung bei. Die Akte Duggan wurde bereits zweieinhalb Monate nach jenem Märztag geschlossen.

Ermittlungen gegen zwei Verdächtige

Inzwischen wissen auch die hessischen Kripobeamten, dass ihre Suizid-Diagnose womöglich voreilig war: Zwölf Jahre nach Duggans Tod liegen der deutschen und britischen Justiz eine ganze Reihe von Indizien für eine Straftat vor. Und alle führen zu einer obskuren Politsekte.

Nach den bisherigen Erkenntnissen spricht einiges dafür, dass Duggan erst geschlagen und dann auf die Straße gehetzt wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen zwei namentlich bekannte Personen - einen Franzosen und einen Deutschen - wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge. Sie sollen Anhänger der sogenannten LaRouche-Bewegung sein, einer internationalen rechtsextremen Gruppierung von Weltverschwörungsaposteln.

Nach den Erkenntnissen der Ermittler wollte sich der Literaturstudent Jeremiah Duggan in Paris gegen Bush und die Bomben auf Bagdad engagieren. Er geriet an Aktivisten, die sich um die Zeitung "Nouvelle Solidarité" gruppierten. Sie redeten über Solidarität, Humanismus und Kultur, das sprach den wachen und politisch interessierten Feingeist an.

Was Duggan offenbar nicht wusste: "Nouvelle Solidarité" ist einer der vielen wohlklingenden Namen, mit denen sich eine obskure Politiksekte schmückt, deren selbst ernannter Führer Lyndon LaRouche ist, ein heute 92-jähriger Verschwörungstheoretiker aus den USA. In Deutschland fungiert sie unter dem Namen BüSo, Bürgerrechtsbewegung Solidarität, angeführt von LaRouches Ehefrau Helga Zepp-LaRouche.

LaRouche sieht sich als Opfer einer Verleumdungskampagne

Die LaRouche-Bewegung, so der Berliner Antisemitismusforscher Günther Jikeli, sei immer wieder "durch antisemitische Verschwörungstheorien aufgefallen". Sie greife immer wieder aktuelle Themen auf, verbinde sie mit Untergangszenarien und erkläre sie mit angeblichen dunklen Machenschaften insbesondere der Wall Street, des britischen Königshauses und jüdischer Persönlichkeiten.

Das geistige Zentrum in Deutschland nennt sich Schiller Institut und veranstaltet regelmäßig Konferenzen und Symposien. Wie im März 2003 zum Irakkrieg im hessischen Bad Schwalbach. Duggan war extra aus Paris angereist. Und auch nach der Konferenz blieb er in Hessen, in den Wiesbadener Räumen der LaRouche-Bewegung. Duggan sollte als Mitglied rekrutiert werden, so zumindest sagten es Zeugen später aus. Demnach wurde er intensiv befragt und dabei psychisch massiv unter Druck gesetzt. "Freak Out" nennen sie diesen Teil der Rekrutierung innerhalb der LaRouche-Bewegung.

Der Student soll sich dabei zum Judentum bekannt und eingeräumt haben, als Kind an einer Therapie in der Tavistock-Klinik teilgenommen zu haben. Diese psychotherapeutische Einrichtung in London gilt - warum auch immer - LaRouche und seinen Jüngern als ein Hort der Manipulation: Dort finde "Gehirnwäsche" statt im Auftrag der Weltverschwörer aus US-Geheimdiensten, Umweltschützern und dem britischen Königshaus.

Duggan soll danach drangsaliert, als "Verräter" und "Spion" beschimpft und geschlagen worden sein, berichten Zeugen. Die Peiniger sollen dabei jene Männer gewesen sein, die von der Staatsanwaltschaft Wiesbaden inzwischen verdächtigt werden, Duggan - wenn auch nicht vorsätzlich - letztlich in den Tod gehetzt zu haben. Die Beschuldigten schweigen bisher. Die LaRouche-Bewegung weist jeden Verdacht von sich, mit dem Tod des Engländers etwas zu tun zu haben. Sie sieht sich als Opfer einer "eindeutig politisch motivierten, ausländisch gesteuerten Verleumdungskampagne".

Die Recherchen der Mutter

Es war nicht die hessische Polizei, sondern Duggans Mutter Erica, die in jahrelanger Recherche die Zeugenaussagen zusammengetragen hat. Letztlich überzeugte sie die Gerichte. Am 14. Dezember 2012 ordnete das Oberlandesgericht Frankfurt die Wiederaufnahme der Ermittlungen an. Es liege ein Anfangsverdacht für eine Körperverletzung mit Todesfolge vor. Schließlich kam Ende März dieses Jahres ein Gericht in London zu dem Schluss, dass der Körper von Jeremiah Duggan "eine Reihe von unerklärlichen Verletzungen" aufgewiesen habe, die nicht von den tödlichen Kollisionen mit den Autos stammen könnten.

Der Richter des Coroner Court, der über ungeklärte Todesfälle befindet, äußerte sich in seinem knappen Beschluss auch zu den möglichen Hintergründen von Duggans Tod: "Die Methoden der rechtsextremen Organisation" sprächen dafür, dass Duggan als "Risiko für Mitglieder der Organisation" angesehen worden sei.

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