Aurora-Opfer Jessica Ghawi: Die Frau, die nur einmal davonkam

Jessica Ghawi war auf dem Weg, sich mit ihrer Arbeit in den Medien einen Namen zu machen. Stattdessen berichten Medien jetzt weltweit über sie: als tragisches Opfer des Mörders bei der "Batman"-Premiere in Aurora. Mit einer Geschichte, die ihresgleichen sucht.

Jessica Ghawi: Die 25-Jährige überlebte einen Anschlag, den zweiten nicht Zur Großansicht
AFP/ KSAT TV

Jessica Ghawi: Die 25-Jährige überlebte einen Anschlag, den zweiten nicht

"Am Samstag habe ich begriffen, wie zerbrechlich das Leben ist. Ich sah die Opfer eines sinnlosen Verbrechens. Ich wurde daran erinnert, dass wir nicht wissen, wann oder wo unsere Zeit auf dieser Erde endet. Wann oder wo wir unseren letzten Atemzug tun."

Die Frau, die das am 5. Juni schrieb, war 25 Jahre jung. Kollegen beschreiben sie als motiviert und engagiert, aber auch als fröhlich und immer für einen Lacher zu haben. Am 20. Juli saß sie in Aurora, Colorado, im Kino Century 16, um den neuen Batman-Film zu sehen. Ihr Leben endete kurz nach Mitternacht, als sie von einer tödlichen Kugel in den Kopf getroffen wurde.

Mit ihr starben elf weitere Menschen, 38 wurden teils erheblich verletzt. Darunter ihr Freund Brent Lowak, 27, der eine Rückenverletzung durch eine Kugel davontrug, die offenbar nach dem Aufprall zerbrach: Lowak erlitt zusätzlich innere Verletzungen durch wanderndes Schrapnell. Die beiden sollen versucht haben, sich noch gegenseitig zu helfen. Demnach trug Ghawi, die sich als Hommage an ihre Großmutter als Reporterin Jessica Redfield nannte, zunächst nur eine Beinverletzung davon. Dann, erzählte Lowak seinem Vater später, wurde sie abrupt still und er sah, dass sie in den Kopf getroffen war. Lowak gelang es, aus dem Kino zu entkommen.

Nur rund sechs Wochen zuvor war Ghawi, die von allen Freunden und Kollegen als überaus lebenslustig geschildert wird, schon einmal Zeugin eines sinnlosen Gewaltexzesses geworden. Ein Erlebnis, das sie offensichtlich bis ins Mark erschütterte.

Am 2. Juni 2012 ging Jessica Ghawi ins Eaton Center von Toronto. Sie sei auf einer "Mission" gewesen, schrieb sie später, einer selbstgesetzten: Einkaufen und Sushi essen. "Und wenn ich auf einer Mission bin, kann mich normalerweise nichts davon abbringen."

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Kino-Attentat: Die Tragödie von Aurora
An diesem Tag aber setzte sie sich nur kurz in das von ihr gewählte Sushi-Restaurant. Spontan verging ihr die Lust, und sie wechselte hinüber zu einem Fast-Food-Restaurant, um einen Burger zu essen. Um 18.20 Uhr zahlte sie ihre Mahlzeit. Dann, schrieb sie, habe sie plötzlich ein Engegefühl in der Brust gespürt, ein Unwohlsein, sie wollte nur noch an die Luft. Um 18.23 Uhr eröffnete der 23-jährige Christopher H. das Feuer auf einen Gang-Rivalen. Seine Schüsse töteten zwei Menschen und verletzten sechs weitere teilweise schwer. Ein Mann starb laut Ghawi an dem Tisch, an dem sie gesessen hatte.

In ihrem Blog beschreibt sie Tage später, wie sie nach der Schießerei wieder ins Gebäude geht, begreift, wie knapp sie davongekommen ist. Ihr Ton ist teils reportierend, teils erschüttert. Sie spricht nicht von Schicksal, ist nur noch immer fassungslos, was ihr da passiert ist: "Ich wünschte, ich könnte dieses seltsame Gefühl loswerden. Dieses Gefühl, wie gesegnet ich bin. Dasselbe Gefühl, das mich dazu gebracht hat, das Eaton Center zu verlassen. Das Gefühl, das mir möglicherweise das Leben gerettet hat."

In der Nacht zum 20. Juli hatte sie dieses Gefühl nicht. Sie sitzt mit ihrem Freund Brat im Kino, voller Vorfreude. Sie twittert scherzend mit Freunden, noch wenige Minuten vor den Schüssen. Dann verstummt sie.

Sechs Wochen zuvor schrieb sie über den Wahnsinn von Toronto: "Wer würde in eine Einkaufspassage mit Tausenden unschuldigen Menschen gehen und das Feuer eröffnen? Ist dies wirklich die Welt, in der wir leben?"

pat

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