London - Der Missbrauchsskandal bei der BBC weitet sich aus. Nach den schweren Vorwürfen gegen den verstorbenen Moderator Jimmy Savile ("Top of the Pops") gab die britische Rundfunkanstalt bekannt, dass nun auch Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs und Belästigung gegen neun aktuelle und ehemalige BBC-Mitarbeiter untersucht werden.
Der Chef des Senders, George Entwistle, musste sich zwei Stunden vor dem Kultur- und Medienausschuss des britischen Parlaments verantworten und sagte, dass es sich um Vorwürfe gegen acht bis zehn Personen handele. Die Pressestelle der BBC teilte später mit, dass gegen neun Mitarbeiter ermittelt werde. Insgesamt sind bei dem Sender über 20.000 Menschen beschäftigt. Die Fälle, von denen bereits einige an die Polizei weitergeleitet worden seien, lägen demnach teilweise schon etliche Jahre zurück. Jedoch hätten sich alle Opfer gemeldet, nachdem der Skandal um Saviles sexuellen Missbrauch von Minderjährigen bekannt geworden war.
Entwistle sagte, es sei noch zu früh, von einem grundsätzlichen Problem bei der BBC zu sprechen. Allerdings werde der öffentlich-rechtliche Sender die Polizei unterstützen, sollten die Ermittler prüfen, ob es einen Pädophilen-Ring bei der BBC gab. Der Senderchef räumte ein, dass "es ein größeres kulturelles Problem bei der BBC gab", das dafür verantwortlich sei, dass Saviles Verhalten nicht geprüft wurde. Dem Sender wird vorgeworfen, den Fall vertuscht zu haben. Entwistle, seit Juli BBC-Chef, aber seit 23 Jahren bei dem Sender, sagte, dass der Fall zweifellos "Fragen des Vertrauens" in die BBC aufwerfen werde.
"Missbrauch in noch nie da gewesenem Ausmaß"
Anfang Oktober waren die Vorwürfe gegen den im vergangenen Jahr verstorbenen Savile öffentlich geworden. Der britische Sender ITV strahlte einen Film aus, in dem mehrere Frauen behaupteten, sie seien als junge Mädchen in den sechziger und siebziger Jahren von dem TV-Star missbraucht worden. Nach der Ausstrahlung der Dokumentation meldeten sich weitere angeblich Betroffene. Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen, Chefermittler Peter Spindler sagte, nach den Aussagen der Frauen sei es im derzeitigen Ermittlungsstand ziemlich klar, "dass Savile ein rücksichtsloser Sexualtäter war". Manche Missbrauchsfälle, von denen die Frauen auf ITV berichteten, sollen sich auf dem Gelände der BBC abgespielt haben.
Nicht nur deswegen befindet sich die BBC in Erklärungsnot. Britische Medien hatten berichtet, dass BBC-Journalisten der Nachrichtensendung "Newsnight" bereits im November 2011 ein Script zu einem Film geschrieben hatten. Darin kommen vier frühere Schülerinnen zu Wort, die behaupten, Savile habe sich an ihnen vergangen.
Die BBC hätte der erste Sender sein können, der umfangreich über die Schattenseite ihres Stars berichtet. Doch sie tat es nicht, der Bericht wurde gestrichen. Nun werden Mitarbeiter von "Newsnight" zitiert, die sagen: Der Leiter der Sendung, Peter Rippon, habe den Beitrag erst unterstützt, sich dann aber abrupt umentschieden. Druck von oben soll ihn zum Umdenken bewegt haben. Diesen Vorwurf wies Entwistle zurück. Die BBC habe umgehend nach dem Bekanntwerden des Skandals zwei unabhängige Untersuchungen eingeleitet und arbeite mit der Polizei zusammen. Der Sender tue alles, um herauszufinden, wie Savile zu solch einem Missbrauch in der Lage habe sein können.
Scotland Yard hatte kürzlich wegen des Verdachts auf "Missbrauch in noch nie da gewesenem Ausmaß" durch Savile Ermittlungen eingeleitet. Demnach gibt es Hinweise darauf, dass Savile rund 40 Jahre lang Kinder missbrauchte. Insgesamt soll es bis zu 200 mögliche Opfer geben.
max/AP/AFP
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