Drogenboss "El Chapo" gefasst "Misión cumplida"

Mexikos Drogenboss "El Chapo" Guzmán sitzt nach einem halben Jahr auf der Flucht wieder in Haft. Die große Nachricht wurde vom Präsidenten persönlich verkündet. Nur wie lange bleibt der Ausbrecherkönig diesmal im Knast?


Die große Nachricht behielt sich der Präsident selber vor. Es war nur ein kurzer Tweet, aber man spürte dahinter die Genugtuung. "Misión cumplida: lo tenemos". Auftrag erfüllt. Wir haben ihn. "Ich möchte die Mexikaner darüber informieren, dass Joaquín Guzmán Loera festgenommen wurde", schrieb Staatschef Enrique Peña Nieto am Freitag um 12.19 Uhr auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Es war das Ende einer Demütigung für den Präsidenten, die fünf Monate und 27 Tage dauerte.

Der meistgesuchte Drogenboss der Welt wurde nach ersten Angaben in der Küstenstadt Los Mochis im Bundesstaat Sinaloa im Nordwesten Mexikos festgenommen. Sinaloa ist der Heimatstaat Guzmáns und gilt als seine Hochburg. Von hier dirigiert sein "Sinaloa-Kartell" die weltweiten Geschäfte. Bei der Festnahme, die offenbar von mexikanischen Marine-Soldaten vorgenommen wurde, kamen mindestens fünf Leibwächter seines engsten Sicherheitsrings ums Leben. Erste Bilder zeigen den 57-Jährigen im Unterhemd und mit leerem Blick auf einem Autositz, später kursierten Videos, wie er mit freiem Oberkörper und einem Shirt über dem Kopf in einen Lear-Jet verfrachtet und in die Hauptstadt Mexiko-Stadt geflogen wird.

Peña Nieto bezeichnete die Festnahme in einer kurzen Ansprache im Nationalpalast am Nachmittag als "einen Erfolg für den Rechtsstaat". Geheimdienste, Sicherheitskräfte und die Justiz Mexikos hätten über Monate gemeinsam versucht, den Aufenthaltsort Guzmáns ausfindig zu machen. Mit ihm seien jetzt 98 der 122 meistgesuchten Kriminellen des Landes festgenommen oder getötet, betonte der Präsident. "Mexiko ist stolz auf seine Institutionen", schloss der Staatschef seine fünfminütige Ansprache an die Bevölkerung. Details der Festnahme gab er nicht preis. Er verriet auch nicht, ob "El Chapo" nun an die USA ausgeliefert werden soll.

Schon zweimal aus dem Gefängnis ausgebrochen

Guzmán, 57, war am 11. Juli 2015 bereits zum zweiten Mal in seiner Verbrecherkarriere aus einem Hochsicherheitsgefängnis entwischt. Er hatte über Monate in Komplizenschaft vieler Gefängnismitarbeiter in der Haftanstalt "El Altiplano" einen 1500 Meter langen Tunnel graben lassen, durch den er dann mit einem Motorrad floh. Damit hatte der Drogenkönig den gesamten Sicherheitsapparat Mexikos und vor allem die Regierung von Peña Nieto der Lächerlichkeit preisgegeben. Die USA hatten anschließend fünf Millionen Dollar (4,6 Millionen Euro) auf seine erneute Festnahme ausgesetzt.

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Drogenboss Guzmán: Ende einer Flucht
"El Chapo", "Der Kleine", war erstmals am 19. Januar 2001 die Flucht aus dem angeblich supersicheren Gefängnis "Puente Grande" im mexikanischen Bundesstaat Jalisco gelungen. Anschließend führte er dann 13 Jahre lang bis Februar 2014 gemeinsam mit Ismael Zambada, genannt "El Mayo" und Juan José Esparragoza, "El Azul", das größte und wichtigste Kartell Mexikos und dominierte das Organisierte Verbrechen des Landes nach Belieben.

Die Jahresumsätze des "Sinaloa"-Syndikats mit illegalen Geschäften liegen Experten zufolge im zweistelligen Milliardenbereich. Die Mafia soll für 25 Prozent der Drogenlieferungen in die USA verantwortlich sein. Guzmáns Macht und sein Einfluss lassen sich vergleichen mit denen von Pablo Escobar, dem Boss des kolumbianischen "Medellín-Kartells", der am 2. Dezember 1993 in Medellín erschossen wurde.

100.000 Tote in Mexikos Drogenkrieg

Guzmáns Organisation und die Erzfeinde der Mafia-Bande "Los Zetas" werden für die überwiegende Zahl der Gewalttaten in Mexikos bereits mehr als zehn Jahre dauernden Drogenkrieg verantwortlich gemacht. Den schweren Auseinandersetzungen sind seit 2001 mehr als 100.000 Menschen zum Opfer gefallen.

Die Nachricht von der Festnahme kommt aus Sicht der Regierung genau zum richtigen Zeitpunkt. Präsident Peña Nieto und seine Strategie im Kampf gegen das Organisierte Verbrechen stehen wegen Erfolglosigkeit bei Bevölkerung und Experten schwer in der Kritik. Nicht nur die Flucht Guzmáns, sondern auch der Mord an einer Bürgermeisterin vor wenigen Tagen nur Stunden nach der Amtsübernahme belegen die Allmacht der Mafia in Mexiko.

Die 33 Jahre alte Gisela Mota war am 2. Januar in dem Ort Temixco, nicht weit von Mexiko-Stadt, vermutlich von Schergen der Drogenkartelle erschossen worden. Sie wollte ausdrücklich die Macht die Kartelle brechen und die Verbindungen zur lokalen Politik kappen.

Das "Sinaloa-Kartell" ist heute in mehr als 54 Staaten vertreten und widmet sich 21 illegalen Aktivitäten. "Es ist längst keine Rauschgiftmafia mehr, sondern ein diversifiziertes Unternehmen des Organisierten Verbrechens, das nur noch rund 50 Prozent seines Umsatzes mit Drogenhandel macht", betont Edgardo Buscaglia, Leiter des International Law and Economic Development Centre in Mexiko. Die übrigen Einkünfte generieren sie aus Geschäften wie Schmuggel, Menschenhandel, Raub von Rohstoffen und Produkt-Piraterie.

Viele Mexikaner stellen sich jetzt aber nur eine Frage: Wie lange hält es "El Chapo" dieses Mal hinter Gittern aus?



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Seite 1
carlmørck 09.01.2016
1. Naja
Hoffen wir es bringt etwas, aber persönlich glaube ich nicht daran. Ich bin drauf und dran Mexico in meine Liste der sog. "Failed States" aufzunehmen. Sehr schade das es die Lateinamerikaner und vor allem die Amerikaner mit ihrem so tollen Sicherheitsapparat es im 21. Jahrhundert es immer noch nicht schaffen dem organisierten Verbrechen mal einen nachhaltigen Schlag zu versetzen. NSA for the win!
ich-geb-auf 09.01.2016
2. mal schauen wie lange..
..er diesmal drin bleibt.. das Problem sind nicht Schmiergelder sondern eher Erpessung der Angestellten und Sicherheitsleute durch seine Kartell Mitglieder gegenüber deren Familien usw.. Hat mich gewundert, dass er nicht bei der Verhaftung erschossen wurde.. oder traut man sich das nicht?
herjemine 09.01.2016
3. Gut dass sie ihn wieder haben!
Aber auf dem besagten Foto sehe ich keinen "leeren Blick" sondern einen nachdenklichen. Á la: "Woran lags? Hat mich jemand verraten und wenn ja wer? Oder war ich unvorsichtig? Oder sollte es tatsächlich ein paar unbestechliche Elemente in Regierung und Behörden geben?" Der Hinweis dass das Kartell nurmehr 50% seines Umsatzes mit Drogen macht soll den Legalisierungsbefürwortern die Bise aus den Segeln nehmen. Tatsächlich ist mehrerlei zu tun: Drogen legalisieren, Korruption und Vetternwirtschaft bekämpfen (da schreien die "Nationalisten" sofort auf, schliesslich leben sie sehr, sehr gut davon) und somit dem Menschenhandel und der Erpressung das Wasser abgraben. Und unsere Wirtschaften müssen verstehen, dass auch eine DVD oder CD für 10 Euro verdammt teuer ist für Mexikaner oder Zentralamerikaner. Also: wenn "wir" die Preise für "die" massiv senken, gehts auch mit der Raubkopiererei steil bergab.
schocolongne 09.01.2016
4. politisch wohl eher unkorrekt
die Frage: aber warum wurden "nur" seine fünf Leibwächter erschossen, eher kleine Lichter also...? Die fette Katze muss jetzt wieder teuer gesichert werden... Vielleicht sollte man sich doch einmal Gedanken machen, ob für derart offensichtliche Berufsverbrecher nicht auch eine angemessene robuste Strafbemessung im Sinne des Menschenwohls aus Sicht der Opfer humanitär und angemessen wäre. Hier geht es ja offensichtlich weniger um strittige Tatbestände, dagegen wurden und werden etwa in den USA hunderte Menschen auf Grund, gelinde gesagt, mehr als zweifelhafter Indizien und Beweise hingerichtet. Wenn seit 2001 tatsächlich über 100000 Tote auf die Kappe der Narcos gehen, träfe ein hartes Sanktionssystem sicherlich sehr viel seltener die Falschen, als es bei der geradezu lächerlich archaischen US-Justitz der fall ist.
harwin 09.01.2016
5. Gefängnisse
Da er sich die Flucht jedes mal leisten kann, sollte man vielleicht darüber nachdenken wie man ihn an der Flucht hindern kann. Wie wäre es mit inplantierten GPS Sender an einer Stelle wo es extrem schwer ist sie zu entfernen. Eine Gefängnisinsel, oder nach USA ausliefern. Wenn schon in Mexico kein Gefängnis Ausbruchsicher ist.
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