Messerattacke in Jobcenter: Täter muss lebenslang hinter Gitter

Angeklagter vor Gericht in Düsseldorf: Mitarbeiterin eines Jobcenters erstochen Zur Großansicht
dapd

Angeklagter vor Gericht in Düsseldorf: Mitarbeiterin eines Jobcenters erstochen

Die Tat löste bundesweit Entsetzen aus: Weil er in einem Jobcenter in Neuss eine Mitarbeiterin erstach, muss ein 52-Jähriger lebenslang ins Gefängnis. Das Landgericht Düsseldorf sprach ihn des Mordes schuldig.

Düsseldorf - Im Prozess um die tödliche Messerattacke auf eine Mitarbeiterin des Jobcenters in Neuss ist der Angeklagte zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das Landgericht Düsseldorf befand den 52-jährigen Ahmed S. des Mordes schuldig und entsprach damit der Forderung der Staatsanwaltschaft.

Der Angeklagte habe bei seinem Messerangriff den Tod seines wehrlosen Opfers "zumindest billigend in Kauf genommen", sagte der Vorsitzende Richter Rainer Drees. Die Verteidigung kündigte Revision an - sie hatte den Angriff als Körperverletzung mit Todesfolge oder Totschlag gewertet und auf höchstens 15 Jahre Haft plädiert.

Der Angeklagte hatte gestanden, vor einem halben Jahr eine Sachbearbeiterin im Neusser Jobcenter erstochen zu haben, weil er den Missbrauch seiner persönlichen Daten vermutete. Er habe zugestochen, die Frau aber nur am Arm verletzen wollen.

S. nahm das Urteil ohne äußerliche Gefühlsregung entgegen. Nach Überzeugung der Richter hatte sich der Vater von fünf Kindern am Tattag mit zwei Messern bewaffnet auf den Weg zum Jobcenter gemacht. Er wollte demnach einen Berater zur Rede stellen. Als er diesen nicht antraf, wandte er sich an die 32-jährige Sachbearbeiterin, die ebenfalls für ihn zuständig war. In ihrem Dienstzimmer griff er sie schließlich an. Beim ersten Stich sei die Klinge eines der beiden Messer abgebrochen, so der Richter. Daraufhin habe S. zu dem anderen Messer gegriffen und mehrfach auf die Frau eingestochen.

Das Opfer sei arglos gewesen, betonte der Richter. S. habe somit heimtückisch gehandelt. Der 52-Jährige sei für seine Tat "strafrechtlich voll verantwortlich". Ein Gutachter hatte keinen Hinweis auf eine schizophrene oder wahnhafte Störung des Mannes gefunden. Ein anderer Sachverständiger hatte dem Angeklagten zwar eine deutlich verminderte Intelligenz attestiert. Hinweise auf eine verminderte Schuldfähigkeit fand aber auch er nicht.

Vor Gericht hatten Ermittler geschildert, der Mann habe nach der Tat selbstbezogen und herzlos gewirkt. "Mein Herz hat geblutet, meine Wut kochte, ich wollte Rache", habe er gesagt. Sein Herz habe geblutet, deswegen habe jemand anders auch bluten sollen. In seinem letzten Wort vor Gericht bat der Angeklagte die Familie des Opfers um Verzeihung. Die Eltern, der Ehemann und der Sohn des Opfers traten als Nebenkläger auf.

Die Tat löste bundesweit Entsetzen aus und führte zu einer Debatte über die Sicherheitsvorkehrungen in Arbeitsvermittlungen und Behörden. Die Konzepte in Arbeitsagenturen wurden überprüft, um Gefahren für die Beschäftigten soweit wie möglich einzudämmen.

hut/dpa/AFP

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Attacken in Jobcentern
21. Mai 2013
Ein 34-Jähriger attackiert in einem Jobcenter in Leipzig eine Mitarbeiterin mit einem Hammer. Die 52-Jährige erleidet schwere Verletzungen am Kopf. Der mutmaßliche Täter wird von einem anderen Besucher des Jobcenters überwältigt. Der Mann hatte wegen früherer Drohungen bereits Hausverbot in dem Jobcenter gehabt. Er muss sich wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Leipzig verantworten. Der Staatsanwaltschaft zufolge handelte der Langzeitarbeitslose aus Wut über gekürzte Bezüge sowie Hass auf die Sachbearbeiterin.
26. September 2012
Im nordrhein-westfälischen Neuss sticht der 52-jährige Ahmed S. eine Mitarbeiterin eines Jobcenters nieder. Die 32-Jährige stirbt kurz nach der Attacke an ihren Verletzungen. Polizisten nehmen S. fest. Später gibt der Vater von fünf Kindern zu, die Frau angegriffen zu haben, weil er den Missbrauch seiner persönlichen Daten vermutete. Im April 2013 wird er wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Seine Verteidiger haben angekündigt, das Urteil anfechten zu wollen.
19. Mai 2011
In Frankfurt am Main wird eine 39-Jährige in der damaligen Außenstelle für Obdachlose des Jobcenters erschossen. Sie war zuvor mit einem Messer auf einen Polizisten losgegangen, dann zielte eine andere Polizistin auf die Frau und traf sie tödlich. Auslöser des Streits sind zehn Euro, die das spätere Opfer in bar von der Sachbearbeiterin verlangt. Als die 39-Jährige aus Protest den Raum nicht verlässt, kommt die Polizei hinzu. In den folgenden Tagen erreichen das Jobcenter mehrfach Gewaltandrohungen per E-Mail.
21. April 2011
In Berlin-Tempelhof drischt ein 34-Jähriger mit einer Axt auf Möbel und Türen des Jobcenters ein. Der offenbar psychisch kranke Mann droht einem Mitarbeiter zudem, mit einer Maschinenpistole wiederzukommen. Das Amt hatte ihm zuvor Geldzahlungen nicht gewährt.
30. August 2010
Im hessischen Rüsselsheim schlagen Zwillinge einen Sicherheitsmann in einem Jobcenter nieder. Die beiden 29-Jährigen rasteten aus, nachdem eine Angestellte der Arbeitsagentur sie aufgefordert hatte, ihre Ausweise vorzuzeigen.
18. März 2010
Im nordrhein-westfälischen Essen attackiert ein 29-Jähriger zwei Angestellte mit einem Teppichmesser. Die Mitarbeiter werden leicht verletzt. Der Mann hatte sich wegen einer Beschwerde einen Termin geben lassen, dabei kam es zum Streit.
1. Oktober 2009
Im nordrhein-westfälischen Herne bricht ein 26-Jähriger einem Sicherheitsmann der Arbeitsagentur zwei Finger. Der Täter durfte die Behörde ohnehin nur in Begleitung des Sicherheitsdienstes betreten, weil er Hausverbot hatte. Auslöser des Ausrasters war ein fehlender Antrag.
14. Juli 2009
Im saarländischen Burbach geht ein 26 Jahre alter Mann auf den Mitarbeiter der Arbeitsagentur los und traktiert ihn mit Faustschlägen und Tritten. Einen einschreitenden Kollegen boxt er nieder und schlägt ihn mit dem Kopf gegen einen Türrahmen. Dem Mann war Geld gestrichen worden, weil er bei Arbeitsstunden fehlte.
5. September 2007
Im nordrhein-westfälischen Aachen bedroht eine Frau in einem Jobcenter zwei Mitarbeiter mit einer Waffe und nimmt sie als Geiseln. Der 46-Jährigen war die finanzielle Unterstützung gestrichen worden. Sie wollte Geld oder Essensmarken erpressen.

Quelle: dapd