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Angriff im Jobcenter: Tödliche Stiche in der Abteilung "Visionen 50plus"

Von , Neuss

Im Jobcenter Neuss hat ein Mann eine Sachbearbeiterin erstochen. Ahmet S. soll die 32-Jährige in ihrem Büro besucht und angegriffen haben, einen Termin für ein Gespräch hatte er nicht. Nun sucht die Polizei nach dem Motiv des Familienvaters.

Einsatzfahrzeuge vor dem Jobcenter in Neuss: Suche nach dem Motiv des Täters Zur Großansicht
dapd

Einsatzfahrzeuge vor dem Jobcenter in Neuss: Suche nach dem Motiv des Täters

Wie geht es weiter? Was wird jetzt? Und wer zahlt die Anreise aus Grevenbroich? Zwei Männer und eine Frau stehen vor dem rot-weißen Flatterband, mit dem die Polizei ihnen den Weg versperrt hat. Dahinter liegt das graue Bürohaus, in dem in wenigen Minuten ihr Computerkurs beginnen soll. "Was ist hier eigentlich los?", fragt die Frau einen Journalisten. Und als sie hört, dass in dem Haus eine Mitarbeiterin der Arbeitsagentur getötet worden ist, schlägt sie die Hände vor den Mund. "Wie schrecklich", sagt sie und dreht sich weg. Dann gibt sie einem privaten Fernsehsender ein Interview.

Im vierten Stock des "Bürocenters an der Rennbahn", in der Abteilung "Visionen 50plus" soll am Morgen gegen 9 Uhr der arbeitslose Neusser Ahmet S., 52, auf seine Betreuerin Irene N., 32, losgegangen sein. Der dreifache Familienvater habe die Sachbearbeiterin ohne Termin besucht und in deren Büro auf die Frau eingestochen, so Staatsanwältin Britta Zur.

"Wir wissen, dass Täter und Opfer alleine im Zimmer waren. Das bedeutet, dass wir keine unmittelbaren Zeugen haben", sagt die Ermittlerin. Ein Kollege des Opfers hatte die Polizei alarmiert, die den mutmaßlichen Täter wenig später in der Innenstadt festnehmen konnte. Irene N. erlag im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Sie hinterlässt ihren Ehemann und ihren zweijährigen Sohn.

"Wir sind alle tief betroffen"

Bislang ist vollkommen unklar, weshalb Ahmet S. die wehrlose Frau attackiert haben könnte. Die Beamten der Mordkommission schließen jedoch aus, dass es eine private Beziehung zwischen dem mutmaßlichen Täter und seinem Opfer gab.

Am Morgen tritt ein Mann an das Flatterband und wendet sich den wartenden Journalisten zu. Er sei "psychologischer Ersthelfer", sagt der Mann, und habe eine "ganz herzliche Bitte" an die Kameraleute und Fotografen. Sie sollten doch die betroffenen Mitarbeiter des Jobcenters nicht aufnehmen. "Die Leute stehen unter Schock, ein Großteil von ihnen ist traumatisiert." Sie trauten sich sonst nicht vor die Tür, wenn sie gefilmt oder fotografiert würden. Zum Zeitpunkt der Attacke sollen sich etwa 15 Personen im Jobcenter befunden haben. "Wir sind alle tief betroffen", sagt eine Sprecherin der Behörde.

Laut einer Studie fühlen sich viele Jobcenter-Mitarbeiter bedroht

Nach einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung wurde jeder vierte Jobcenter-Mitarbeiter bereits Opfer eines Übergriffs. Mehr als zwei Drittel fühlen sich unsicher oder bedroht. Alltäglich sind für alle Angestellten demnach Auseinandersetzungen mit berauschten Leistungsempfängern und mit Kunden, die sich vollkommen unkooperativ verhalten. Für die Erhebung wurden insgesamt 2194 Beschäftigte aus zwölf Jobcentern befragt. In den vergangenen Jahren war es immer wieder zu Gewalttaten gekommen:

  • Im August 2011 zündete ein 41 Jahre alter Berliner in einem Jobcenter einen Brandsatz. Die Mitarbeiter griffen zum Feuerlöscher und konnten Schlimmeres verhindern.
  • Im Mai 2011 randalierte eine 39-Jährige in einem Frankfurter Jobcenter und verletzte einen Polizisten mit dem Messer. Dessen Kollegin schoss und traf die Frau tödlich.
  • Im April 2011 zertrümmerte ein 34-Jähriger in einem Berliner Jobcenter mit einer Axt die Büroeinrichtung eines Sachbearbeiters und drei Türen.
  • Im Januar 2010 ging ein 48-Jähriger im hessischen Landratsamt Erbach auf eine Mitarbeiterin los. Er warf einen Monitor nach der Frau und beschädigte andere Bildschirme und Tastaturen. Sie blieb unverletzt.
  • Im Februar 2001 tötete ein 46 Jahre alter Langzeitarbeitsloser den Direktor des Arbeitsamts im niedersächsischen Verden mit 25 Stichen in den Kopf. Die Behörde hatte ihm zuvor die Unterstützung gestrichen.

Das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt, zeigte sich ob der aktuellen Attacke auf seine Mitarbeiterin entsetzt und betroffen. "Nichts, aber auch gar nichts, rechtfertigt eine solche Handlungsweise." Doch verhindern ließe sich ein "Vorfall dieser Art" leider nicht. "Unsere Mitarbeiter können sich nicht hinter Schutzglas verschanzen. Wir brauchen eine Vertrauensbasis mit unseren Kunden. Dazu müssen wir eine offene Behörde sein."

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) hingegen hält die Übergriffe nicht für unvermeidbar. "Wenn es um die Existenz geht, dann sind Kurzschlusshandlungen aus Wut und Verzweiflung alles andere als unvorhersehbar", so der nordrhein-westfälische DPolG-Landesvorsitzende Erich Rettinghaus. Der Arbeitgeber sei verpflichtet, für einen angemessenen Schutz seiner Beschäftigten zu sorgen. Dazu gehörten neben einem Training für die Mitarbeiter auch Kontrollen durch Sicherheitsdienste sowie entsprechende Barrieren in den Büros. Ansonsten seien die Arbeitsagenturen und Jobcenter "keine sicheren Arbeitsplätze".

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Attacken in Jobcentern
21. Mai 2013
Ein 34-Jähriger attackiert in einem Jobcenter in Leipzig eine Mitarbeiterin mit einem Hammer. Die 52-Jährige erleidet schwere Verletzungen am Kopf. Der mutmaßliche Täter wird von einem anderen Besucher des Jobcenters überwältigt. Der Mann hatte wegen früherer Drohungen bereits Hausverbot in dem Jobcenter gehabt. Er muss sich wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Leipzig verantworten. Der Staatsanwaltschaft zufolge handelte der Langzeitarbeitslose aus Wut über gekürzte Bezüge sowie Hass auf die Sachbearbeiterin.
26. September 2012
Im nordrhein-westfälischen Neuss sticht der 52-jährige Ahmed S. eine Mitarbeiterin eines Jobcenters nieder. Die 32-Jährige stirbt kurz nach der Attacke an ihren Verletzungen. Polizisten nehmen S. fest. Später gibt der Vater von fünf Kindern zu, die Frau angegriffen zu haben, weil er den Missbrauch seiner persönlichen Daten vermutete. Im April 2013 wird er wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Seine Verteidiger haben angekündigt, das Urteil anfechten zu wollen.
19. Mai 2011
In Frankfurt am Main wird eine 39-Jährige in der damaligen Außenstelle für Obdachlose des Jobcenters erschossen. Sie war zuvor mit einem Messer auf einen Polizisten losgegangen, dann zielte eine andere Polizistin auf die Frau und traf sie tödlich. Auslöser des Streits sind zehn Euro, die das spätere Opfer in bar von der Sachbearbeiterin verlangt. Als die 39-Jährige aus Protest den Raum nicht verlässt, kommt die Polizei hinzu. In den folgenden Tagen erreichen das Jobcenter mehrfach Gewaltandrohungen per E-Mail.
21. April 2011
In Berlin-Tempelhof drischt ein 34-Jähriger mit einer Axt auf Möbel und Türen des Jobcenters ein. Der offenbar psychisch kranke Mann droht einem Mitarbeiter zudem, mit einer Maschinenpistole wiederzukommen. Das Amt hatte ihm zuvor Geldzahlungen nicht gewährt.
30. August 2010
Im hessischen Rüsselsheim schlagen Zwillinge einen Sicherheitsmann in einem Jobcenter nieder. Die beiden 29-Jährigen rasteten aus, nachdem eine Angestellte der Arbeitsagentur sie aufgefordert hatte, ihre Ausweise vorzuzeigen.
18. März 2010
Im nordrhein-westfälischen Essen attackiert ein 29-Jähriger zwei Angestellte mit einem Teppichmesser. Die Mitarbeiter werden leicht verletzt. Der Mann hatte sich wegen einer Beschwerde einen Termin geben lassen, dabei kam es zum Streit.
1. Oktober 2009
Im nordrhein-westfälischen Herne bricht ein 26-Jähriger einem Sicherheitsmann der Arbeitsagentur zwei Finger. Der Täter durfte die Behörde ohnehin nur in Begleitung des Sicherheitsdienstes betreten, weil er Hausverbot hatte. Auslöser des Ausrasters war ein fehlender Antrag.
14. Juli 2009
Im saarländischen Burbach geht ein 26 Jahre alter Mann auf den Mitarbeiter der Arbeitsagentur los und traktiert ihn mit Faustschlägen und Tritten. Einen einschreitenden Kollegen boxt er nieder und schlägt ihn mit dem Kopf gegen einen Türrahmen. Dem Mann war Geld gestrichen worden, weil er bei Arbeitsstunden fehlte.
5. September 2007
Im nordrhein-westfälischen Aachen bedroht eine Frau in einem Jobcenter zwei Mitarbeiter mit einer Waffe und nimmt sie als Geiseln. Der 46-Jährigen war die finanzielle Unterstützung gestrichen worden. Sie wollte Geld oder Essensmarken erpressen.

Quelle: dapd

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