Streit um Immendorff-Skulpturen Ein Affentheater und sein Schluss

70 Affen aus Bronze fertigte der Künstler Jörg Immendorff kurz vor seinem Tod, in einer Auktion brachten sie etwa 1,6 Millionen Euro. Nun musste ein Gericht klären, wer diese Summe behalten darf.

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Von Christian Parth


Für das Urteil in einem Prozess, in dem es immerhin um Affen, schillernde Gestalten und Millionen geht, hat das Düsseldorfer Landgericht einen winzigen Besprechungsraum in der fünften Etage gewählt. Die Verkündung, zu der am Dienstagvormittag nicht einmal ein Anwalt, sondern nur Richterin Petra Gundlach erschienen ist, dauert dann auch nur wenige Minuten.

In dem Zivilverfahren musste das Gericht darüber entscheiden, wer der rechtmäßige Eigentümer von 70 Affenskulpturen ist, die der Düsseldorfer Künstler Jörg Immendorff angefertigt hatte. Sie waren 2015, acht Jahre nach dem Tod des Meisters, in einer spektakulären Auktionsreihe des Kölner Hauses Van Ham unter den Hammer gekommen. Sogar die Fachwelt staunte damals über den Erlös von etwa 1,6 Millionen Euro.

An dieser Summe hatte sich der Streit entzündet: Wem stand sie zu? Der Schweizer Galerie St. Gilles, die in dem Verfahren von Immendorfs Witwe Oda Jaune unterstützt wurde? Oder dem Prozessgegner, Insolvenzverwalter Marc D'Avoine? Das Gericht sprach das Geld nun St. Gilles zu, weil die Firma entsprechende Verträge aus den Jahren 2003 und 2007 vorlegen konnte. Insolvenzverwalter D'Avoine ging leer aus.

Wie war es überhaupt zu diesem Streit gekommen? Die Schlüsselfigur heißt Helge Achenbach. Der Kunstberater war ein wichtiger Wegbegleiter und Freund von Jörg Immendorff. Und er war sein Geldbeschaffer: Er sollte Werke des Künstlers am Markt anpreisen, damit Immendorff seinen kostspieligen Lebensstil finanzieren konnte.

Aldi-Betrüger als Geldbeschaffer

Immendorff befand sich Anfang der Nullerjahre nicht nur gesundheitlich in schlechter Verfassung, auch um seine Finanzen war es nicht gut bestellt. Er litt an der Nervenkrankheit ALS, seine medizinische Betreuung verschlang große Summen. Trotz oder gerade wegen seiner trostlosen Diagnose feierte Immendorff rauschende Feste, bestellte Kokain - zur Befriedigung seiner "Lebensgier" - und Prostituierte, was ihm obendrein ein pikantes Gerichtsverfahren einbrachte.

Die Affen waren ein Auftrag, der ebenfalls über Achenbach lief. St. Gilles, die Galerie aus Zürich, hatte die Affen in Auftrag gegeben, Immendorff hatte sie nach Angaben des Gerichts aus Bronze gegossen, oder besser gesagt: gießen lassen. Bereits stark gezeichnet von seiner Krankheit beauftragte der Düsseldorfer Künstler Helfer, die die zum Teil überlebensgroßen Plastiken in Serie produzierten.

Auch die Affen sollte Achenbach in Absprache mit der Galerie auf Kommissionsbasis verkaufen. Eigentümer sei er nie gewesen, hatte der Kunstberater in seiner Zeugenaussage vor Gericht selbst eingeräumt.

Doch zum Verkauf der betroffenen 70 Affen kam es zunächst nicht. Achenbach wurde wegen anderer Geschäfte des Betrugs überführt. Er hatte unter anderem der Aldi-Familie Albrecht Gemälde und Oldtimer weit über Wert angedreht, Achenbach landete in Untersuchungshaft.

Wer steht hinter der Galerie?

Seine beeindruckende Kunstsammlung wurde dann Marc D'Avoine übertragen, dem Insolvenzverwalter aus Wuppertal. Der wollte die Kunstwerke verkaufen, um mit dem Geld die vielen Gläubiger zu befriedigen, die Achenbach im Nacken hatte.

Der Insolvenzverwalter hat laut Gericht bis zuletzt argumentiert, dass aus dem Besitz der Skulpturen auch das Eigentum abzuleiten sei. Zudem seien Bestandslisten vorgelegt worden, die kaum zuzuordnen gewesen seien. Einen weiteren Beweis sollten Rechnungen aus den Jahren 2010/11 über 900.000 Euro erbringen, die die Achenbach Kunstberatung GmbH für den Verkauf eines Teiles der Affen eingenommen haben will. Das Gericht wertete die Belege jedoch als Scheinrechnungen. "In den Bilanzen tauchen sie nicht auf", sagte eine Sprecherin. Die Rechnungen habe Achenbach vermutlich erstellt, um das Finanzamt zu täuschen. Alles ein einziges Affentheater.

Wie und ob sich die Schweizer Galerie St. Gilles und Oda Jaune den nun zugesprochenen Erlös von 1.657.600 Euro aufteilen, kann das Düsseldorfer Landgericht nicht sagen. Die Schweizer Aktiengesellschaft und die Immendorff-Witwe haben schon in anderen Verfahren vor Gericht gestanden - als Streitgegner. Im Dezember 2013 hat Jaune einen Prozess gegen St. Gilles gewonnen, weil Rechnungen von rund 1,2 Millionen Euro nicht beglichen worden waren. Die Summe wurde schließlich überwiesen.

Wer genau sich aber hinter St. Gilles verbirgt, ist bis heute unklar. Hinweise auf einen Galeriebetrieb sind im Internet jedenfalls nicht zu finden. Als Verwaltungsrat firmiert laut Handelsregister ein Züricher Wirtschaftsanwalt, der nach eigenen Angaben "diverse Familien und Unternehmungen in privat- und wirtschaftsrechtlichen Fragen" berät.

Helge Achenbach wird das Urteil wohl kaum noch beeindrucken. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht hatte ihn im Juni 2018 zu 16 Millionen Euro Schadensersatz für die Albrecht-Familie verurteilt. Achenbach kommentierte das Urteil mit einer Anspielung auf Joseph Beuys, dem die Konzeption eines Kunstwerks wichtiger war als die materielle Ausführung: "Ich bin entmaterialisiert." Joseph Beuys war ein Mentor Jörg Immendorffs.



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