Vergewaltigungsvorwürfe gegen Kachelmann Alles nur Einbildung?

Der Ex-Geliebten von Jörg Kachelmann Claudia D. droht eine Anklage wegen Freiheitsberaubung. Ihr Anwalt will offenbar neuerdings nicht einmal ausschließen, dass sie sich die Tat nur eingeredet hat.

Jörg Kachelmann
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Jörg Kachelmann


Manchmal sind es die scheinbar kleinen Dinge, die große Wirkung entfalten. Im Fall des Wettermoderators Jörg Kachelmann handelt es sich um Gutachterkosten in Höhe von 7096,51 Euro. Kachelmann, 58, hat sie kürzlich erfolgreich von seiner Ex-Geliebten Claudia Simone D., 44, eingeklagt.

D. hatte ihn 2010 der Vergewaltigung beschuldigt. Kachelmann saß 132 Tage lang in Untersuchungshaft, wies die Vorwürfe stets von sich. Als er im Mai 2011 freigesprochen wurde, weil ihm keine Schuld nachgewiesen werden konnte, war seine Fernsehkarriere dahin. Und D. sah sich immer noch als Opfer.

Hat sie nun gelogen oder nicht? Um die große Frage zu klären, fanden Kachelmanns Anwälte den passenden kleinen Anlass. Wenn ihr Mandant unschuldig sei, dann müsse die Frau die Gutachten bezahlen, die Kachelmanns Verteidigung dienten. Eben jene 7096,51 Euro.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft

In erster Instanz, am Landgericht Frankfurt am Main, scheiterte Kachelmann damit noch. Doch das Oberlandesgericht (OLG) in Frankfurt entschied im Herbst zugunsten Kachelmanns und urteilte unmissverständlich, dass "die Kosten für die Einholung entlastender Gutachten nach einer Inhaftierung aufgrund falscher Anschuldigung (...) geltend gemacht werden" können. Da hatte er es nun erstmals schwarz auf weiß und mit Siegel: D. habe gelogen.

Die Frau muss aufgrund dessen aber noch ganz andere Folgen fürchten, als einige Tausend Euro für Gutachten zu erstatten. Denn die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt nun gegen sie wegen des Verdachts auf Freiheitsberaubung. Und bei dem Versuch, seine Mandantin beim OLG doch noch zu entlasten, brachte ihr Anwalt Manfred Zipper als zusätzliches Argument eine mögliche Deutung der Aussagen seiner Mandantin ins Spiel, die nicht ganz neu ist, gegen die sich Claudia D. aber bislang vehement gewehrt hat.

Dabei geht es bei den Mannheimer Ermittlungen nicht um eine Falschaussage als solche, die wäre inzwischen verjährt, sondern darum, dass Kachelmann durch die Untersuchungshaft seiner Freiheit beraubt wurde. Eine Freiheitsberaubung von mehr als einer Woche ist ein Verbrechen, das erst nach zehn Jahren verjährt.

Dass natürlich die Staatsanwaltschaft und nicht Claudia D. einst die Untersuchungshaft beantragte, spielt im Ergebnis keine Rolle. Wenn D. damals vorsätzlich gelogen haben sollte, hätte sie, wie Juristen es sagen, in mittelbarer Täterschaft gehandelt und die Staatsanwaltschaft zum gutgläubigen "Werkzeug" eines Verbrechens gemacht. Und das lässt keine Staatsanwaltschaft gern auf sich sitzen.

"Keine Erinnerung"

"Das Urteil des OLG Frankfurt mit seinen klaren Feststellungen, wonach die Richter davon überzeugt sind, dass Herr Kachelmann zu Unrecht beschuldigt worden ist, ist eine neue Tatsache, die jeden Staatsanwalt veranlassen muss, das nochmals zu prüfen", sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Mannheim, Sandra Utt. Immerhin ist dort nicht wieder die Abteilung zuständig, die einst mit großem Eifer das Verfahren gegen Kachelmann führte.

Die Verteilung erfolgt nach den Anfangsbuchstaben des Nachnamens der Beschuldigten. D statt K - nun beschäftigt sich ein Staatsanwalt aus einer anderen Abteilung mit dem Fall. Er liest nun nochmals die Akten aus dem Strafprozess - allein das Zehntausende von Seiten - und auch aus dem Frankfurter Zivilprozess, inklusive eines neuerlichen Gutachtens zu den Verletzungen von Claudia D. Auf dessen Grundlage urteilten die Frankfurter Richter, dass D. sich die Messerschnitte "selbst zugefügt" hat.

Schon im Strafprozess gegen Kachelmann erinnerte sich die Frau an alles Mögliche ganz genau - nur nicht an die angebliche Vergewaltigung selbst. Nach ihrer eigenen Schilderung der Ereignisse am fraglichen Abend hat sie "das Messer am Hals gefühlt", mit dem Kachelmann sie angeblich bedrohte. Wie die weiteren angeblich von Kachelmann verursachten Kratzer und Ritzer an Bauch, Unterarm und Oberschenkel entstanden sein sollen, konnte sie nicht erklären.

Auch in seiner Beschwerde gegen das Urteil des OLG Frankfurt im vergangenen Herbst schrieb ihr Anwalt, Claudia D. habe "schlicht keine Erinnerung an den Akt" der Vergewaltigung "in concreto" - und sie habe eine solche Erinnerung auch niemals behauptet. Deshalb könne das Gericht nicht davon ausgehen, dass die"Tatschilderung" nicht mit den Verletzungen in Einklang stünde.

"Durch nichts nachgewiesen"

Nachdem Kachelmann freigesprochen war, hatte sich D. aber ausdrücklich gegen Mutmaßungen - von Gutachtern, aber auch der Mannheimer Strafkammer - gewehrt, sie hätte nicht die Wahrheit gesagt, oder sich zumindest manches nur eingebildet. "Es war aber so!", erklärte sie damals in der Zeitschrift "Bunte": "Wer mich und ihn kennt, zweifelt keine Sekunde daran, dass ich mir diesen Wahnsinn nicht ausgedacht habe."

Nicht ausgedacht - aber vielleicht bloß erträumt? Ihr Anwalt jedenfalls beharrt zwar weiter darauf, dass seine Mandantin die Wahrheit sagt. Zusätzlich bringt er aber auch die Deutung ins Spiel, sie könne bloß gedacht haben, dass sie die Wahrheit sagt - also, dass die Vergewaltigung nur in Claudia D.'s Einbildung stattgefunden haben könnte. Selbst wenn sie Kachelmann zu Unrecht belastet hätte, so die Argumentation des Juristen gegenüber dem OLG Frankfurt, sei die Feststellung, dass dies "mit direktem Vorsatz" geschah, "durch nichts nachgewiesen".

Da das OLG keinen Psychologen hinzuziehen wollte, so Zipper, sei nicht geklärt worden, ob vielleicht "bei der Beklagten eine ,Autosuggestion' vorlag, die dazu führte, dass die Beklagte nur glaubte, sie sei vergewaltigt worden".

Auf Nachfrage erklärt Zipper diesen Hinweis damit, dass Kachelmann in dem Zivilprozess die "volle Beweislast" habe tragen müssen: dass er also nicht nur habe beweisen müssen, dass er D. nicht vergewaltigt hat, sondern auch noch, dass sie ihn vorsätzlich falsch beschuldigt habe. Das sei aber nicht geschehen. Zipper hat deswegen Verfassungsbeschwerde eingelegt.

Doch vor dem Hintergrund, dass Claudia D. sich gegen Unterstellungen, sie habe sich die Vergewaltigung nur eingebildet, immer vehement gewehrt hat, bekommt die rein rechtlich nachvollziehbare Argumentation ihres Anwalts eine pikante Note.

Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker spricht von einem letzten Strohhalm: Der Anwalt von D. ziehe sich jetzt "auf die letzte Verteidigungsposition zurück, die ihr verblieben ist."

Wenn der Staatsanwalt alle Akten gelesen hat, wird er entscheiden, ob Claudia D. erneut in Mannheim vernommen wird - dann als Beschuldigte.



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