Jörg Kachelmann in Freiheit Erleichtert, lächelnd, schweigend

Jörg Kachelmann ist frei. Der Wettermoderator verließ die JVA Mannheim mit einem Lächeln - und schwieg. Das Ende der Untersuchungshaft ist nur ein Teilerfolg für ihn. Ob Kachelmann schuldig ist, wird nun im Prozess geklärt.

Von Simone Utler


Mannheim - Diesen Auftritt lässt sich der erfahrene TV-Mann nicht nehmen: Um 13.34 Uhr tritt Jörg Kachelmann in die Freiheit, durch den Hauptausgang der Justizvollzugsanstalt Mannheim. Noch im geöffneten Tor umarmt der Wettermoderator, er trägt ein blütenweißes T-Shirt, einen Wachmann. Dann stellt sich der deutlich Erschlankte dem Pulk der wartenden Journalisten - erleichtert lächelnd, das Kinn selbstbewusst angehoben, aber schweigend.

"Herr Kachelmann wird heute keine Erklärung abgeben", sagt sein Anwalt Reinhard Birkenstock in die Kameras der Fernsehleute, die das Tor umlagert hatten, und lobt die Entscheidung des Oberlandesgerichts Karlsruhe. Die Richter gaben am Donnerstag Kachelmanns Haftbeschwerde überraschend statt und ordneten an, dass der 52-Jährige umgehend aus der Untersuchungshaft zu entlassen sei.

"Mit dem Beschluss ist die Unschuldsvermutung wieder auferstanden in diesem Verfahren. Und die Rechtsstaatlichkeit ist zurückgekehrt", sagt Birkenstock in die Mikrofone. Die Freilassung seines Mandanten sei eine Genugtuung. Kachelmann bedanke sich bei allen, die ihn "auf dem harten Weg der ungerechten Haft und persönlichen Verunglimpfung" unterstützt und begleitet hätten. Der Dank gelte auch den Mitgefangenen und Beamtinnen und Beamten der JVA. Noch ein knappes Danke, "auf Wiedersehen, Tschüss" - dann schieben sich der Moderator und sein Anwalt durch die Journalisten zu einem schwarzen Range Rover, steigen ein und fahren davon.

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Jörg Kachelmann: Wettermann auf freiem Fuß
Mehr als vier Monate saß Jörg Kachelmann im Gefängnis. Er ist angeklagt, seine frühere Freundin vergewaltigt zu haben.

Von Anfang an stand Aussage gegen Aussage: Die Frau behauptet, der TV-Wettermoderator habe sie vergewaltigt. Kachelmann soll die damals 36-Jährige Anfang Februar in deren Wohnung im baden-württembergischen Schwetzingen zum Sex gezwungen, sie mit einem Küchenmesser bedroht und am Hals verletzt haben.

"Ich bin unschuldig"

Der 52-Jährige bestritt die Vorwürfe stets. "Ich bin unschuldig", sagte er während seines einzigen öffentlichen Auftritts am 24. März, als er nach einem Termin beim Haftrichter aus dem Amtsgericht Mannheim zu einem Polizeiwagen geführt wurde und die wartenden Fotografen und Kameraleute passierte.

Doch die Vorwürfe reichten für eine Festnahme: Kachelmann war am 20. März auf dem Frankfurter Flughafen bei der Rückkehr von den Olympischen Spielen verhaftet worden und saß seither in Untersuchungshaft. Am 17. Mai erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen besonders schwerer Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung. Haftbeschwerden wurden abgewiesen, Kachelmann blieb in Untersuchungshaft.

Zu Unrecht? Seit Monaten diskutieren Medien und Öffentlichkeit, ob das mutmaßliche Opfer als Zeugin tatsächlich glaubwürdig ist. Oder ob sie sich vielleicht an Kachelmann rächen wollte, weil dieser angeblich weitere Freundinnen neben ihr hatte oder sie möglicherweise verlassen wollte?

In den vergangenen Wochen wurden immer mehr Zweifel hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der Zeugin laut. Die Frau musste ihre Aussage in mehreren Punkten revidieren. Außerdem kam eine von der Staatsanwaltschaft angeforderte Psychologin in ihrem Gutachten zu dem Schluss, dass die Schilderung der Vergewaltigung nicht die Mindestanforderungen an die logische Konsistenz, Detaillierung und Konstanz erfülle und das mutmaßliche Opfer die Tat selbst bei eingehender Befragung nur vage und oberflächlich wiedergeben könne. Zweifel gibt es außerdem an der Belastbarkeit von Blutspuren der Frau an einem Messer, das Jörg Kachelmann ihr bei der Tat an den Hals gehalten haben soll.

Die Staatsanwaltschaft hält die Aussage des mutmaßlichen Opfers dennoch für glaubhaft und stützt sich auch neben der Einschätzung eines Psychotherapeuten auf Ergebnisse rechtsmedizinischer und kriminaltechnischer Untersuchungen. Den Ermittlern zufolge wurden an dem Küchenmesser DNA- und Blutspuren der Frau sowie DNA-Spuren Kachelmanns gefunden. Die Rechtsmedizin Heidelberg habe außerdem "erhebliche Hämatome" an den Oberschenkeln und leichte Schnittspuren am Hals der Frau festgestellt. Die könnte sie sich einem anderen rechtsmedizinischen Gutachten zufolge jedoch auch selbst beigebracht haben.

Das Landgericht Mannheim hielt die Indizien jedoch für ausreichend und wies die Haftbeschwerde von Kachelmann ab. Nach Aktenlage gebe es keine Anhaltspunkte, die auf einen minderschweren Fall hindeuteten. Im Gegenteil: Die Angaben Kachelmanns zum Tatabend, zur Art der Beziehung und zum Bild seiner Persönlichkeit seien "wenig plausibel", hieß es. Da angesichts einer drohenden Mindeststrafe von fünf Jahren ein "ganz erheblicher Fluchtanreiz" bestehe, sei die Untersuchungshaft weiter angezeigt.

"Wir alle freuen uns mit Jörg Kachelmann"

Nun brachte das Oberlandesgericht Karlsruhe seine Zweifel an der einzigen Belastungszeugin zum Ausdruck. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie Kachelmann falsch belaste, um ihn zu bestrafen. Die Frau habe bei der Anzeige und im Ermittlungsverfahren zur Vorgeschichte und den Umständen der Vergewaltigung zunächst unzutreffende Angaben gemacht. Aufgrund der Untersuchungen und Gutachten könne auch nicht ausgeschlossen werden, dass sie sich die Verletzungen selbst zugefügt habe.

Das mutmaßliche Opfer sei die einzige Belastungszeugin, der Angeklagte bestreitet die Tat, es stehe also "Aussage gegen Aussage", befand nun das OLG. Im derzeitigen Stadium des Verfahrens bestehe kein dringender Tatverdacht mehr, hieß es in der Erklärung des Gerichts. Die Konsequenz: Kachelmann musste umgehend aus der Untersuchungshaft entlassen werden.

Der Auftritt des Moderators am Gefängnistor wirkte eher kontrolliert. Umso emotionaler war die Mitteilung, die sein Strafverteidiger Birkenstock veröffentlichte. "Wir alle freuen uns mit Jörg Kachelmann, mit seiner Mutter, seinen Kindern, den Partnern und Mitarbeitern in der Meteomedia-Gruppe und deren Geschäftspartnern." Besonderer Dank gebühre "allen Sachverständigen, deren Gutachten die Wahrheit ans Licht" gebracht hätten, und denjenigen Kollegen, die die Verteidigung aktiv unterstützt haben.

Freilassung sagt nichts über Schuld oder Unschuld

Jörg Kachelmann ist nun zwar wieder ein freier Mann. Die Entscheidung des Oberlandesgerichts sagt aber noch nichts über Schuld oder Unschuld des Moderators aus. Darüber muss das Landgericht Mannheim entscheiden. Schon jetzt droht das Verfahren zu einem Duell der Gutachter zu werden. Ob der Prozess wie geplant am 6. September beginnen kann, stellte das Gericht nach der "veränderten Sachlage" zunächst in Frage.

Kachelmann wurde ohne Auflagen entlassen und darf somit auch ins Ausland reisen. Da er in Deutschland keinen festen Wohnsitz hat, ist zu vermuten, dass er in seine Heimat Schweiz fährt.

Sollte er dort bleiben und nicht zum Prozessauftakt in Mannheim erscheinen, würde ihn die Schweiz nicht an Deutschland ausliefern. In der Bundesverfassung sei der Grundsatz verankert, eigene Staatsangehörige nicht auszuliefern, sagte der Sprecher des Schweizer Bundesamts für Justiz, Folco Galli. Theoretisch blieben zwei Alternativen: Die deutschen Behörden könnten die Schweiz ersuchen, das Verfahren stellvertretend im eigenen Land zu führen, oder ein in Abwesenheit Kachelmanns gefälltes Urteil eines deutschen Gerichts in der Schweiz vollstrecken zu lassen.

mit Material der Agenturen

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