Abgetaucht nach Nachbar-Mord Die skurrile Flucht des John McAfee

Seit drei Wochen ist der in einem Mordfall gesuchte John McAfee abgetaucht, nun überstürzen sich die Meldungen. Er sei festgenommen, hieß es. Die Polizei dementierte. Dann bloggte der 67-Jährige, er sei in Sicherheit. Ein Double habe sich festnehmen lassen, um seine Flucht aus Belize zu ermöglichen.

Von Simone Utler


Hamburg - Die Geschichte um den wegen eines Mordes in Belize gesuchten John McAfee wird immer bizarrer. Seit drei Wochen ist der Gründer des gleichnamigen US-Unternehmens für IT-Sicherheit abgetaucht, hält die Öffentlichkeit aber stets auf dem Laufenden. Er gibt Journalisten Interviews, ein eigens eingerichteter Blog liefert in losen Abständen Neuigkeiten. Seit Freitag häufen sich nun die Meldungen.

McAfee gab zunächst aus einem Versteck mehrere Interviews, darunter sogar eines vor einer Kamera des US-Senders CNN. Dann verschwand der 67-Jährige, es folgte eine Meldung über eine angebliche Festnahme. "Wir haben einen unbestätigten Bericht bekommen, wonach John McAfee an der Grenze von Belize und Mexiko gefasst worden ist", wurde am Samstag im Blog whoismcafee.com, mit dem McAfee über seine Flucht berichtet. Ein Sprecher der Polizei von Belize dementierte die Festnahme jedoch später.

Am Montag überschlugen sich dann die Ereignisse auf whoismcafee.com: Erst teilte einer der Sprecher mit, dass man keinen Kontakt zu McAfee habe. "Wir sind besorgt, ob er in Sicherheit ist und es ihm gut geht", schrieb Brian Fitzgerald, der auf der Website neben Chad Essley als offizieller Sprecher McAfees genannt wird.

Man habe seit dem späten Freitag, nach den diversen Interviews, nichts von McAfee gehört. Kurz darauf habe man jedoch eine anonyme Voicemail-Nachricht erhalten. Darin sagte ein unbekannter Mann, der Gesuchte sei nahe der mexikanischen Grenze gefasst worden. Da das Team aber weder von dieser Person noch von McAfee selbst etwas gehört habe, könne er die erhaltene Meldung weder bestätigen noch dementieren, so Fitzgerald.

"Ich bin in Sicherheit"

Neuneinhalb Stunden später erschien dann ein im Namen McAfees veröffentlichter Blogeintrag: "Ich bin in Sicherheit", heißt es darin. Er sei in Begleitung von zwei Journalisten des "Vice"-Magazins und seiner Freundin Sam. "Wir sind nicht mehr in Belize, aber noch nicht aus dem Schneider."

Der weitere Text liest sich wie eine Räuberpistole: Ein "Double" sei in Mexiko festgenommen worden. Der Mann habe einen nordkoreanischen Pass mit McAfees Namen dabei gehabt und sich absichtlich daneben benommen. Dies sei Teil eines Fluchtplans gewesen.

McAfees Sprecher Essley bestätigte auf Anfrage die Authentizität des Blogeintrags. "John ist der Einzige, der unter seinem Namen postet", so Essley. Er habe außerdem eine persönliche Email mit demselben Inhalt erhalten.

Auch einer der Gründer der PR-Agentur Urecommend Media, die für McAfee die Pressearbeit macht und den Blog betreut, bestätigte, dass McAfee den Text geschrieben habe: "Er hat von unterwegs Zugang zum Blog und stellt die Einträge selbst ein", sagte Francois Garcia SPIEGEL ONLINE. Im Laufe des Tages werde es auch noch einen kurzen Film über den Gesuchten geben, der dann auf der Seite des "Vice"-Magazins gezeigt werde.

McAfee sieht sich als Opfer

McAfee ist seit rund drei Wochen auf der Flucht. Am 11. November wurde einer seiner Nachbarn auf der Insel Ambergris Caye vor der Nordostküste Belizes tot in seinem Wohnzimmer gefunden. Der 52-jährige Gregory Viant Faull, ebenfalls US-Amerikaner, hatte eine Schusswunde am Hinterkopf, die Polizei fand eine Neun-Millimeter-Patronenhülse auf einem Treppenabsatz. Ein Computer und ein iPhone wurden gestohlen, doch die Polizei kam zu dem Schluss, dass niemand gewaltsam in das Haus eingedrungen war.

McAfee hatte sich in dem kleinen Karibikstaat niedergelassen, nachdem er den Börsengang seiner Firma 1999 für einen lukrativen Ausstieg genutzt hatte. Er genoss laut seinem Tagebuch ein paradiesisches Leben, umgeben von jungen Frauen.

Seit längerem hatte es Streit zwischen Faull und dem prominenten Nachbarn gegeben - es ging um Hunde, Waffen und merkwürdiges Benehmen McAfees. Vier seiner Hunde waren laut McAfee vergiftet worden. Zwei Tage später war der Nachbar tot.

Als die Polizei nach dem Mord zu McAfee kam, um ihn zu dem Vorfall zu befragen, versteckte sich dieser erst und floh dann. Seitdem ist er abgetaucht. McAfee gab an, er fürchte um sein Leben. Die Behörden in Belize seien hinter ihm her, seit er es abgelehnt habe, für den Wahlkampf eines örtlichen Politikers zu spenden. Auch habe er vor einigen Monaten den Premierminister Dean Barrow einen Lügner genannt, schrieb McAfee in seinem Tagebuch, das vom US-Blog Gizmodo veröffentlicht wurde.

"Mein Kampf ist in Belize"

Am Freitag sprach McAfee mit mehreren Reportern. Er dementierte erneut, mit dem Tod seines Nachbarn etwas zu tun zu haben, und stellte sich als Opfer der Behörden von Belize dar. Einen CNN-Reporter traf er sogar persönlich. Das Interview fand in einem Schlafzimmer statt, eine Frau, die dem Sender zufolge seine Freundin ist, lief durchs Bild. McAfee selbst hat Kopfhaar, Augenbrauen und Bart schwarz gefärbt, um nicht erkannt zu werden.

"Ich werde mich sicher nicht stellen, und ich werde sicher nicht aufhören zu kämpfen", sagte der Erfinder eines der allerersten Antivirenprogramme für Computer in dem Gespräch mit CNN. Er werde entweder festgenommen oder davonkommen. "Wobei davonkommen nicht bedeutet, das Land zu verlassen. Es bedeutet, dass sie erstens den Mörder von Mr. Faull finden, und dass zweitens die Menschen dieses Landes, die bisher eine wahnsinnige Angst davor hatten, den Mund aufmachen."

In einem Telefoninterview mit dem Sender CNBC betonte McAfee, die Behörden seien hinter ihm her, weil er "nicht nach den Regeln spiele". Er habe Millionen Dollar an die lokale Wirtschaft gespendet, darunter auch an die Polizei und Obdachlosenheime - aber eben nicht an die Regierung von Belize selbst. "Wenn ich denen Fünf Millionen Dollar gebe, gehen davon 10.000 Dollar an die Menschen und 4 Millionen plus Wechselgeld wandern in die Taschen der Politiker", sagte er CNBC.

Fraglich ist jedoch, inwieweit man dem 67-Jährigen glauben kann. Einem Journalisten von Gizmodo zufolge hat sich McAfee, den er seit Jahren kennt, von einem charismatischen Unternehmer in einen "zwanghaften Lügner" und "kompletten Psychopathen" verwandelt.

"Ich entschuldige mich für das Schweigen und die Irreführung", heißt es in dem aktuellen Eintrag vom Montag. Er habe Belize verlassen, um seine Freundin in Sicherheit zu bringen, werde aber zurückkehren: "Mein Kampf ist in Belize, im Exil kann ich wenig tun." Sobald er die Möglichkeit habe, werde er sich wieder und ausführlicher melden.



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