Verdacht gegen John McAfee: Vom Viren-Jäger zum Gejagten

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John McAfee verdiente mit seiner IT-Firma Millionen, kaufte Häuser, ging riskanten Hobbys nach und forschte seit 2008 in Belize mit tropischen Pflanzen. Seit Monaten hat er Ärger mit Polizei und Anwohnern. Nun ist sein Nachbar tot - und McAfee abgetaucht.

Gregory Viant Faull war einst aus Florida nach Zentralamerika gekommen, der pensionierte Bauunternehmer lebte auf einer kleinen Insel vor der Nordostküste Belizes, die 39-jährige Luara Tun kümmerte sich um seinen Haushalt. Nur der Streit mit dem prominenten Nachbarn nervte, er zog sich schon seit Wochen - es ging um Hunde, Waffen und merkwürdiges Benehmen.

Am vergangenen Sonntag wurde Faull tot in seinem Wohnzimmer gefunden, der 52-Jährige hatte eine Schusswunde am Hinterkopf, die Polizei fand eine Neun-Millimeter-Patronenhülse auf einem Treppenabsatz. Ein Computer und ein iPhone wurden gestohlen, doch die Polizei kam zu dem Schluss, dass niemand gewaltsam in das Haus eingedrungen war. Als Verdächtiger gilt der prominente Nachbar, doch von John McAfee fehlt jede Spur.

Dabei hat der Gründer des gleichnamigen IT-Unternehmens, der mit seiner Anti-Viren-Software hundert Millionen Dollar verdiente, die Polizei noch gesehen, als sie auf sein Grundstück kam, um ihn zu dem Todesfall im Nachbarhaus zu befragen. Doch reden wollte der 67-Jährige nicht mit den Beamten. Stattdessen verbuddelte er sich im Sand auf seinem Anwesen und schob sich einen Pappkarton über den Kopf, wie er selbst kurz nach dem Vorfall dem US-Magazin "Wired" sagte. Das sei äußerst unangenehm gewesen, aber die Mörder seines Nachbarn hätten ihm möglicherweise nachgestellt. "Nennt mich ruhig paranoid, aber sie werden mich töten", sagte McAfee. Seit Monaten würden sie versuchen, an ihn heranzukommen. Wer genau ihm nach dem Leben trachtet, das sagte McAfee nicht.

Waffen, Drogen, tote Hunde

Tatsächlich hatte McAfee in den vergangenen Monaten häufiger mit der Polizei in Belize zu tun. Ende April wurde er auf seinem Anwesen festgenommen, seine 17-jährige Freundin soll an seiner Seite gewesen sein. 42 Männer waren im Einsatz, darunter die Gang Suppression Unit (GSU), eine Sondereinheit der nationalen Polizei. McAfee wurde wegen illegalen Waffenbesitzes und unerlaubter Drogenherstellung festgenommen. Später stellte sich heraus, dass McAfee die Waffen legal besaß, sie wurden von seinen eigenen Sicherheitskräften benutzt. Und statt mit Drogen experimentierte er mit pflanzlichen Heilstoffen. Die Vorwürfe gegen ihn erwiesen sich als haltlos.

McAfee war schon damals überzeugt, dass seine Festnahme ganz andere Gründe hatte. Seit er eine Spende für einen Lokalpolitiker verweigert habe, seien die Beamten hinter ihm her, zitierte ihn unter anderem "USA Today". Die GSU habe ihm seinen Pass genommen, ihn in Handschellen gelegt und 14 Stunden lang ohne Wasser oder Nahrung in der Sonne schmoren lassen, behauptete McAfee in einem Interview mit "News 5 Belize" Anfang Mai. Zudem habe die GSU seinen Hund kaltblütig ermordet. Auch nach dem jüngsten Vorfall warf er den Behörden vor, seine Hunde vergiftet zu haben: Mellow, Lucky, Dipsy und Guerrero.

Die Tiere waren einer der Punkte, die für Streit in der Wohngegend gesorgt hatten. Am vergangenen Mittwoch reichte McAfees Nachbar Faull eine offizielle Beschwerde beim Bürgermeister der nahegelegenen Stadt San Pedro ein. Darin beklagte er Schüsse auf dem angrenzenden Grundstück, sowie das "gaunerhafte Verhalten" seines Nachbarn McAfee, wie die Internetseite Gizmodo berichtet.

Ein Journalist der Seite kennt McAfee seit Jahren. Seinen Angaben zufolge hat sich der 67-Jährige von einem charismatischen Unternehmer in einen "zwanghaften Lügner" und "kompletten Psychopathen" verwandelt. Das Magazin "Wired" recherchiert seit Monaten "McAfees Vorwürfe gegen die Regierung und die Vorwürfe der Regierung gegen ihn".

Vom Jäger zum Gejagten

Geboren wurde McAfee in Großbritannien, er wuchs im US-Bundesstaat Virginia auf. 1967 machte er seinen Abschluss in Mathematik am Roanoke College. 20 Jahre später entwickelte er das Anti-Viren-Programm, das ihn berühmt machte.

Seit Mitte der achtziger Jahre arbeitete er in seinem Haus in Santa Clara, Kalifornien, an der Softwarefirma "McAfee Associates". Seine erste Idee war eine Aids-Datenbank: Gegen eine Gebühr von 22 Dollar sollten sich HIV-negativ getestete Amerikaner in einem Safer-Sex-Computer registrieren lassen - im Gegenzug durften sie sich auf der Suche nach Aids-freien Sexpartnern aus dem Datenbestand bedienen. Die Idee war ein Flop. McAfee machte sich auf die Jagd nach weiteren Viren.

Das von ihm entwickelte Computerprogramm "Scan" wirkte gegen einen großen Teil der PC-Viren und war als sogenannte Shareware im Umlauf, für die nur eine freiwillige Nutzungsgebühr erwartet wurde. Das größte Geschäft machte er mit Firmen: 1992 sollen 300 der 500 größten US-Unternehmen teure McAfee-Lizenzen erworben haben, berichtete damals der SPIEGEL.

"Scan" wurde ein Riesenerfolg. 1994 ging das Unternehmen an die Börse, zwei Jahre später verkaufte McAfee seine letzten Anteile - sein Vermögen wurde auf 100 Millionen Dollar geschätzt. Und McAfee gab es gerne aus.

Erst widmete er sich dem Yoga, schrieb vier Bücher darüber, gab weltweit Seminare. Doch die täglichen Unterrichtseinheiten "begannen, sich zu sehr nach Arbeit anzufühlen", zitiert das "Wall Street Journal" McAfee. Also musste das nächste Hobby her: Auf einem Flug nach Nepal las er vom "Aerotrekking". Dabei schwebt man in einer Art Leichtflugzeug etwa zwölf Meter über dem Boden. Er scharte weitere Begeisterte um sich, die "Sky Gypsies". Es wurde ein teures Hobby. Um geeigneten Luftraum zu finden, kaufte McAfee mehrere Häuser in abgelegenen Gebieten und investierte Millionen Dollar in ihren Ausbau.

Allein in sein Anwesen in Rodeo, New Mexico, steckte er 11,5 Millionen Dollar, wie die "New York Times" berichtet. Dafür gab es dann zwei Gästehäuser, ein Café, ein Kino, mehrere Hangars - und eine ganze Flotte von Oldtimern, die seinen Gästen zur Verfügung standen. Insgesamt soll der Fuhrpark einen Wert von etwa 400.000 Dollar gehabt haben.

Flucht nach Belize

Doch von seinem Vermögen blieb nach der Immobilienkrise nicht viel übrig, gerade einmal vier Millionen sollen es gewesen sein, schreibt unter anderem die "New York Times". McAfee verkaufte seine Anwesen auf Hawaii, in Colorado und auch das in Rodeo. Letzteres wurde 2009 für lächerliche 1,15 Millionen Dollar versteigert. Er sei froh, dass die Auktion nun vorbei sei, sagte er damals der Zeitung. Nun könne er sich wieder auf sein Leben in Belize konzentrieren.

Warum McAfee 2008 in das 300.000-Einwohner-Land in Zentralamerika auswanderte, ist unklar. Es gibt Vermutungen, dass er damit einen Rechtsstreit in Amerika umgehen wollte: Sein Neffe war beim Aerotrekking mit einem Passagier verunglückt, beide starben, die Familie des Getöteten hatte daraufhin McAfee verklagt. Er selbst gab an, sich in Belize dem Yoga und der Medikamentenentwicklung widmen zu wollen. Seine Firme Quorumex forscht für ein neues Antibiotikum mit tropischen Pflanzen. Auf Fotos posiert McAfee gern mit riesigen Waffen und freiem Oberkörper, seine Schultern sind mit riesigen Tattoos überzogen, die Haare blondiert.

Nachdem ihn die Polizei Anfang Mai über Nacht festgehalten hatte, tauchte McAfee schon einmal unter, zu groß war seine Sorge vor der Willkür der Polizei. Doch auch damals meldete er sich zu Wort, Gizmodo zitiert aus der Botschaft: "Es ist nicht witzig, sich zu verstecken", schrieb McAfee. Schon immer habe er sich gewundert, warum Flüchtige sich meistens selbst stellen. "Ich weiß nun die Antwort - Langeweile."

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1.
antifant88 13.11.2012
Ein cooler Typ. So ein Leben habe ich mir als kleiner Junge auch vorgestellt.
2. Der Artikel machte mich Lächelnd.
garnienicht 13.11.2012
Nicht nur der Fall aus geschätzten 1000 Meter Höhe, die der Mann hinter sich hat, haben dieses Lächeln verursacht. Neid kann ich nur für die vermeindtliche Fitness dieses 67-jährigen entwickeln. Aber dieses Scheitern, das den Meisten ja aufgrund Ihrer Lebensbiographien, gar nicht vergönnt sein wird, relativiert für mich manches.
3. Alltägliches aus einer Bananenrepublik
keksguru 13.11.2012
Wer in so einem Land lebt, sollte sich besser anpassen. Für "normale" Einwohner sind die meisten Karibikstaaten keine Paradiese.... und wer sich auch noch in die lokale Politik einmischt, muß schon mal damit rechnen, auch was einstecken zu müssen.
4. eine drogeninduzierte Psychose
ehf 13.11.2012
An anderer Stelle las ich, dass McAfee mit der gefährlichen Droge MDPV, auch bekannt als "Badesalz", experimentierte. Diese wirkt ähnlich wie Methamphetamin, ist ebenso schnell stark suchtbildend, und hat offenbar bei vielen Usern krasse Gewaltanfälle ausgelöst.
5. Verstehe ich nicht...
AriadneMedea 13.11.2012
Da haben diese Menschen Erfolg und verjubeln Ihr ganzes Geld. Der Trend zu Girlys ist internatoinal ja bekannt. Man sieht es ja auch an den ganzen Girly-Pornoheften. Mir tun diese Menschen leid. Als ob Sie damit mit Absicht Ihren eigenen Efolg und sich zerstören wollen. Ich finde so kann kein Mensch leben und irgendwie hat auch eine Männergenartion schamlos versagt und sich an Frauen die im gleichen Alter sind vergangen. Von Außen betrachtet wirkt dieses ganze Leben dieser Meschen nur noch lächerlich. Es istabsolt irrational und ich Frage mich, ob sich solche Menschen je um den Sinn ihres Tuns Gedanken machen. Ich finde solche Männer einfach dumm! Ihre irrationale Intelligenz bringt sie um.
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