Plädoyers im Prozess um Jonny K. Tödliche Eskalation in 60 Sekunden

Im Prozess um den Tod des 20-Jährigen Jonny K. naht das Urteil: Der Oberstaatsanwalt machte vor dem Landgericht Berlin Onur U. als Haupttäter aus, forderte mehr als fünf Jahre Haft. Dem Angeklagten stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben.

Angeklagter Onur U.: Lange Haftstrafe gefordert
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Angeklagter Onur U.: Lange Haftstrafe gefordert

Von , Berlin


Es war eine zufällige Begegnung, sie endete tödlich. Jonny K. verlor in der Nacht vom 14. Oktober 2012 sein Leben. Totgeprügelt, grundlos. Sechs junge Männer sitzen nun auf der Anklagebank der 9. Jugendstrafkammer des Berliner Landgerichts, sie werden bald wissen, welche Folgen die Tat für sie hat.

In dieser Woche wird das Urteil erwartet. Familienmitglieder und Freunde von Jonny K. sitzen auch am Montag im Saal 700 des Landgerichts, ihre Hoffnung auf eine lange Haftstrafe für die Männer, denen sie die Schuld am Tod ihres Freundes geben, ist groß. Und Oberstaatsanwalt Michael von Hagen stärkte mit seinem Plädoyer diese Hoffnung.

Rückblick: In jener Nacht, etwa gegen 3.45 Uhr, verlassen Mehmet E., 19, Osman A., 19, und Hüseyin I., 21, mit ihren Kumpels Melih Y., 21, Bilal K., 24, und Onur U., 19, den Club Cancun nahe dem Roten Rathaus in Berlin. Sie haben die After-Show-Party des türkischen Musikstars Murat Boz besucht, wollen zur U-Bahn-Station, schlendern über den Alexanderplatz.

Zeitgleich machen sich Jonny K., 20, und Gerhard C., 29, auf den Heimweg über den Platz und steuern alkoholisiert das geschlossene Eiscafé Lampe an. Gerhard C. trägt einen betrunkenen Freund huckepack, den er dort auf einem der leeren Stühle absetzen will. Ein dritter Kumpel macht sich auf den Weg, ein Taxi zu organisieren. Die vier haben im Mio den Geburtstag eines Freundes gefeiert.

Faustschlag ins Gesicht

Es kommt zum Gerangel. Jonny K. geht zu Boden. Onur U., ein ehemaliger Amateurboxer, prügelt auf Gerhard C. ein. Der steht danach schwerverletzt wieder auf, Jonny K. aber liegt am Boden, bewusstlos.

Um 9.57 Uhr wird der Schüler, Sohn einer Thailänderin und eines Berliners, auf der Intensivstation II des Vivantes Klinikum in Friedrichshain für tot erklärt.

Jonny K. starb an einer massiven Schädel- und Hirnblutung. Welche der Verletzungen am Kopf die tödliche war, konnten die Gerichtsmediziner nicht feststellen. Es kann ein Schlag, aber auch ein Sturz gewesen sein. Rechtlich entscheidend ist daher, wer den ersten Schlag gesetzt hat.

Nach Ansicht des Oberstaatsanwaltes war das Onur U. Dieser hat demnach den Streit "völlig grundlos" angezettelt, indem er in dem Moment den Stuhl wegriss, als Gerhard C. den angeschlagenen Freund darauf absetzen wollte. Er habe Jonny K., der ihn leicht am Arm berührte, einen Faustschlag ins Gesicht verpasst und die anderen Verdächtigen aufgestachelt, bis auch sie auf Jonny einschlugen und -traten.

Die Situation sei in weniger als einer Minute eskaliert. Onur U. sei der Haupttäter, der die Auseinandersetzung ausgelöst habe, fünfeinhalb Jahre soll er deshalb in Haft. Dem 19-Jährigen stand der Schrecken im Gesicht, mit einer solch extremen Forderung scheint er nicht gerechnet zu haben.

Der gebürtige Berliner habe sich der Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gemacht, fasste der Ankläger zusammen. Anders als die Angeklagten Mehmet E., Osman A., Hüseyin I., Melih Y. und Bilal K., die ebenfalls alle in Berlin geboren und aufgewachsen sind. Sie haben im Verfahren zwar Schläge und Tritte gegen Jonny K. eingestanden, aber keine Verantwortung für seinen Tod übernommen. Für sie plädierte der Oberstaatsanwalt auf Haftstrafen zwischen zweieinhalb und drei Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei.

Kritik an Jugendgerichtshilfe

Die Verkündung des Strafmaßes verband Hagen mit Kritik an der Jugendgerichtshilfe, die für Osman A. vier Wochen Dauerarrest und für Mehmet E. eine Verwarnung samt Geldstrafe empfohlen hatte. Er sei "entsetzt" und "sprachlos" über diese Vorschläge. "Da hat jemand die Tat deutlich verkannt", sagte Hagen.

Sein einstündiges Plädoyer stützte er im Wesentlichen auf die Aussage von Gerhard C., der seinem Freund Jonny zu Hilfe geeilt war. Gerhard C.s Angaben seien glaubwürdig, all die Details, die er in den Vernehmungen und auch vor Gericht angegeben habe, könne er sich nicht ausgedacht haben.

Axel Weimann, Onur U.s Verteidiger, bezweifelte indes dessen Glaubwürdigkeit. So habe Gerhard C. direkt nach der Tat keine genaue Täterbeschreibung abgeben können, vielmehr habe er unter Schock gestanden. Erst als ein Bild von Onur U. in Zeitungen gezeigt worden war, habe er vorgegeben, ihn zu identifizieren.

Rechtsanwalt Weimann lieferte auch gleich die Begründung, warum Gerhard C. - bewusst oder unbewusst - falsche Angaben machen sollte: Die Selbstvorwürfe, die ihn seit Jonnys Tod plagten. Gerhard C. fühle sich für den Tod des kleinen Bruders seiner Lebensgefährtin verantwortlich.

Glaubwürdiger seien hingegen die Aussagen seines Mandanten Onur U., die sich mit den Angaben der Mitangeklagten deckten, wonach Onur U. mit Jonny K. gar nicht in Berührung kam. "Warum sollten die Mitangeklagten nicht den einfachen Weg gehen und Onur U. beschuldigen?", rief Weimann und schob die Antwort prompt nach: "Weil es so nicht war." Onur U. habe von einer Auseinandersetzung mit Jonny nichts mitbekommen und erst recht nicht daran mitgewirkt.

Onur U. sei aus der Türkei zurückgekehrt, um sich dem Verfahren zu stellen, er habe ein Geständnis abgelegt, sich zu der heftigen Attacke auf Gerhard C. bekannt und "deutlich Reue und Bedauern" gezeigt, obwohl er sich nicht für Jonnys Tod verantwortlich fühle, betonte Weimann. Das sah einer der drei Nebenklagevertreter in seinem Plädoyer anders. "Alle Angeklagten sind verantwortlich für Jonnys Tod", sagte der Rechtsanwalt von Jonnys Eltern.

Letztendlich sehen sich bislang nur drei Menschen in der Verantwortung für den Tod des 20-jährigen Berliners: Gerhard C., der Jonny in jener Nacht auf dem Alexanderplatz nicht beschützen konnte, der Freund, der nicht dabei war, weil er sich auf die Suche nach einem Taxi gemacht hatte, und der junge Mann, der so betrunken war, dass er getragen werden musste. Er kann sich bis heute nicht an die tödliche Prügelattacke erinnern.

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