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Josef Fritzl: Neue Verhöre im Inzestfall von Amstetten

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24 Jahre lang will sie vom Doppelleben ihres Mannes nichts gewusst haben: Rosemarie Fritzl soll erneut befragt werden. Hat sie wirklich nichts Verdächtiges mitbekommen? Hätte sie ihre Tochter und deren sechs Kinder aus dem Verlies befreien können?

Hamburg - Erstmals seit Bekanntwerden des Falls ruhten über Pfingsten die Ermittlungen in Amstetten: Nach den Feiertagen soll jedoch Josef Fritzls Ehefrau Rosemarie erneut befragt werden, berichtet der "Mirror". Die Ermittler wollen überprüfen, ob die 69-Jährige tatsächlich nichts vom Doppelleben ihres Ehemannes wusste. Momentan wird sie ebenso wie ihre befreite Tochter Elisabeth und deren sechs Kinder im Landesklinikum Amstetten-Mauer von Psychologen betreut.

Ihre Mutter habe von der Gefangenschaft nichts gewusst und damit auch nichts zu tun, hatte Elisabeth Fritzl zu Protokoll gegeben. Und auch die Ermittler sagten im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sie gingen bisher davon aus, dass Rosemarie Fritzls vorauseilender Gehorsam gegenüber ihrem tyrannischen Ehemann und ihre bedingungslose Unterwürfigkeit seiner Perversität den Weg ebneten.

Nun wollten die Beamten noch einmal nachhaken, ob sie nicht doch Verdacht geschöpft haben muss, als ihre Tochter 1984 plötzlich verschwand, berichtet der "Mirror". Bisher ist nur bekannt, dass Fritzl seiner Frau und dem gemeinsamen Umfeld Geschichten auftischte, seine Tochter Elisabeth sei in einer Sekte untergetaucht.

Zudem soll Rosemarie Fritzl aussagen, was ihr Mann ihr erzählte, wenn er sich stundenlang im Keller aufhielt und mit welcher Begründung er ihr den Zutritt zum Keller verweigerte.

Trotz der geplanten Befragung halten die Ermittler daran fest, dass Josef Fritzl ein Einzeltäter ist. "Wir denken, Fritzl handelte allein. Aber wir können die Möglichkeit nicht ausschließen, dass jemand wusste, was unten im Keller vor sich ging", wird Franz Polzer, Chef des Landeskriminalamtes Niederösterreich, zitiert.

Zudem betont Polzer: Rosemarie Fritzl werde nicht verdächtigt. "Welche Mutter würde schweigen, wenn sie wüsste, dass der Ehemann sieben Kinder mit der eigenen Tochter hat und sie im Keller gefangen hält?" Die Befragung sei in erster Linie notwendig, um das Verbrechen in allen Details aufzuklären.

Tatortermittler befinden sich in psychologischer Betreuung

Morgen beginnen Experten, das Lüftungssystem und die Elektrik des unterirdischen Verlieses zu untersuchen, sagte ein Ermittler SPIEGEL ONLINE. Die Spurensicherung am Tatort sei ansonsten abgeschlossen. Die rund 40 Beamten, die in den vergangenen zwölf Tagen das stickig-enge Kellergefängnis untersuchten, befinden sich in psychologischer Betreuung, berichtet das Magazin "Österreich". Die Ermittlungen sollen das "Toleranzlimit von Körper und Seele" überstrapaziert haben.

Die Sanitäranlagen seien von Schimmel überzogen gewesen, das Klo eine Zumutung. Ein einziger Entlüftungsschacht mit Ventilatoren raube einem Menschen in diesem Gefängnis die Luft. Die Gefangenen müssen sich demnach überwiegend im Liegen und Sitzen aufgehalten haben. Der 18-Jährige soll nach Angaben des "Österreich"-Magazins motorisch gestört sein und sich nach seinem Aquarium gesehnt haben, das ihm Josef Fritzl im Keller aufgestellt hatte und vor dem er tagaus, tagein gesessen haben soll.

Wenn Josef Fritzl mit Freunden im Thailand-Urlaub oder auf anderen Reisen war, soll sich wochenlang Müll in dem Verlies gestapelt haben. Deshalb sollen Elisabeth Fritzl und ihre drei Kinder an Pilzkrankheiten gelitten haben. Weil sie noch nie bei einem Arzt waren, sollen sie außerdem schlechte oder gar keine Zähne mehr haben. Die 42-jährige Mutter habe nur noch drei verfaulte Stummel im Mund, berichtet "Österreich".

Kein Durchgang oder Zimmereingang im Verlies habe eine Tür oder einen Vorhang. Inwieweit haben die Kinder demnach den Missbrauch an ihrer Mutter miterleben müssen?

Die Polizei versucht Details geheimzuhalten. "Ich will ungern sagen, welche Gegenstände wir in dem Keller sichergestellt und entdeckt haben, weil es auch darum geht, Personen zu schützen", sagt LKA-Chef Polzer SPIEGEL ONLINE. "Für diese Menschen war dieses Verlies ihr Zuhause - so desaströs und einfach die Bedingungen dort unten für sie waren."

Weiterhin untersucht werden die 1000 Quadratmeter Wohnfläche, auf denen Josef Fritzl offiziell mit seiner Frau Rosemarie, den Enkelkindern und Mietern lebte.

Bisher ist unklar, ob die Familie in dem Haus wohnen bleiben wird. Bürgermeister Herbert Katzengruber hat bereits mehrmals betont, dass das Wohl der Familie im Vordergrund stehe und die 23.000-Einwohner-Gemeinde Amstetten deren Integration mit aller Kraft unterstützen wolle.

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Inszestfall Amstetten: Die Verbrechen des Josef F.
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Innenansichten: Das Verlies von Amstetten


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