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Josef Fritzl und sein Verteidiger: "Es gibt für jedes Täterverhalten eine Erklärung"

Von , Wien

Sein Mandant ist der zur Zeit bekannteste Häftling der Welt: Josef Fritzls Anwalt Rudolf Mayer sieht in dem 73-Jährigen auch "gute Seiten". Erste Drohbriefe sind ihm schon auf den Schreibtisch geflattert - was ihn in seiner Arbeit nur noch bestärkt.

Wien - Seine mondäne Kanzlei liegt in einer der feineren Gegenden Wiens, im 9. Bezirk, nahe der ältesten Universität im deutschen Sprach- und Kulturraum. Welch Zufall, dass gleich um die Ecke Sigmund Freud lebte und arbeitete, denn Rudolf Mayer versteht sich "in gleichen Maßen als Psychiater und Rechtsanwalt". Gerade Fälle mit einem "psychologisch-psychiatrischen Hintergrund" reizten ihn, sagt der promovierte Jurist im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Josef Fritzl wird als Horror-Bestie und Sex-Tyrann dargestellt. Meine Aufgabe ist es, ihn als Mensch zu zeigen." Bereits die erste, gerade einmal zehnminütige Begegnung mit dem 73-Jährigen habe er genutzt, sagt Mayer, "um ein Gefühl für diesen Menschen zu bekommen".

"Ich schalte dann die Kopfintelligenz aus, die Bauchintelligenz ein und konzentriere mich auf die Augen meines Gegenübers." Eine bewährte Taktik des erfahrenen Rechtsanwalts, weil die Augen seiner Meinung nach 90 Prozent der Psyche eines Menschen verraten.

Auf den Fotos, die man von Josef Fritzl kennt, erscheinen seine hellen Augen dem voreingenommenen Betrachter diabolisch. Anwalt Mayer sagt, er verlasse sich trotz des "Jack-Nicholson-Blicks" auf sein Bauchgefühl: "Die ersten 30 Sekunden einer Begegnung entscheiden über die psychische Kontaktaufnahme. Ich glaube, dass es mir in diesem Zeitraum gelungen ist, Herrn Fritzl an mich zu binden."

Über seinen Mandanten sagt Mayer: "Ich hatte den Eindruck, vor mir stünde ein Pater Familias, ein Familienoberhaupt, mit guten, aber auch mit schlechten Seiten." Fritzl sei "sehr ernst, betroffen und emotional zerbrochen". Diese Einschätzung schließe jedoch nicht aus, dass Josef Fritzl in den Verhören, die es bisher gab, "teilnahmslos" gewirkt habe.

"Fritzl hat schon zu viel gesprochen"

Bei ihrer zweiten Begegnung hätte sich Josef Fritzl zwei Stunden lang sein Leben von der Seele geredet und "seine Sicht der Dinge" geschildert. "Ich habe ihn einfach drauflos reden lassen und ihm zugehört." Über Details des Gesprächs schweigt der Jurist. Auch seinen Mandanten habe er zur Verschwiegenheit aufgefordert. "Er hat schon zu viel gesprochen."

Über Fritzls Leben vor der Eheschließung mit seiner Frau Rosemarie im Jahr 1957, seine Herkunft, sein Elternhaus und seine Kindheit ist wenig bekannt. Warum zerstörte er das Leben seiner Kinder auf so perfide Art und Weise? "Genau da setzt meine Aufgabe ein", sagt Verteidiger Mayer. "Wer ist Josef Fritzl? Warum ist er so, wie er ist?" In den kommenden Gesprächen, an diesem Nachmittag, kommende Woche, will sich der Rechtsanwalt genau diesen Fragestellungen annähern.

Ohne bisher eine Ahnung zu haben, wie in Fritzl der Gedanke reifte, die eigene Tochter gefangenzunehmen, ist Mayer "nach drei Jahrzehnten Berufserfahrung als Strafverteidiger" von einem Punkt überzeugt: "Es gibt für jede Tat, für jedes Täterverhalten eine Erklärung."

Ein Satz, der in der Öffentlichkeit Kritik provozieren wird. Mayer weiß das. Die ersten Pöbel-Briefe und Droh-Mails sind bereits bei ihm eingegangen. "Rechtsanwälte, die sich weigern, gewisse Taten zu verteidigen, widersprechen meiner Ansicht nach dem Berufsethos." Die beleidigende Post hakt der 60-Jährige als Nebenerscheinung seines Juristen-Alltags ab.

Die Schwere des Verbrechens, das Fritzl laut seinem eigenen Geständnis begangen hat, die Umstände der Tat, vermögen seinen Anwalt nicht zu schrecken: "Schockiert war ich nicht", sagt Mayer und wippt in seinem Schreibtischstuhl auf und ab. "Herr Fritzl wurde gefragt, ob er mich als Verteidiger will und er sagte 'Ja, den kenn' ich aus dem Fernsehen!'" Mayer wirkt nicht unzufrieden, als er das erzählt.

Fritzl - das Schlusslicht in der Häftlingshierarchie

Josef Fritzl sei in der Justizvollzugsanstalt St. Pölten in einer Zwei-Mann-Zelle mit einem Häftling, der einen Menschen angeschossen haben soll, untergebracht, berichtet Mayer. Im Gefängnis werde "sehr auf ihn geachtet" - aus beidseitigem Schutz: Damit Fritzl "nicht selbst über sich urteilt" und etwa Suizid begeht und weil "er in der Häftlingshierarchie keinen besonders guten Stand" habe.

"Er wirkt kein bisserl ängstlich", sagt Gefängnisleiter Günther Mörwald über den Insassen aus Amstetten. Er spreche wenig und begreife so langsam, "was er seiner Familie angetan" habe. Mörwald meint, "erste Anzeichen von Reue" an dem Häftling wahrgenommen zu haben.

Dessen Strafverteidiger ist davon überzeugt, dass es keine weiteren Tatverdächtigen in diesem Fall gibt. Ob Fritzl noch in andere Straftaten - wie den unaufgeklärten Sexualmord an Martina P. aus dem Jahr 1986 oder weitere Vergewaltigungen - verwickelt gewesen sein könnte, wisse er nicht, sagt Mayer. "Ich warte die kommenden Gespräche mit meinem Mandanten ab, ob er sich dazu äußern wird."

Josef Fritzl ist nicht der erste Fall, mit dem der renommierte Anwalt in die Schlagzeilen gerät: Er verteidigte 1996 zwei mutmaßliche Neonazis im sogenannten "Briefbomben-Prozess", in dessen Verlauf er den wahren Täter enttarnen und für seine beiden Mandanten einen Freispruch erlangte.

Dass seine Chancen für jegliche Strafmilderung im Fall Josef Fritzl trüb aussehen, muss Mayer bewusst sein, scheint ihn aber nicht anzufechten.

Das bevorstehende Verfahren zeichnet sich schon jetzt als Jahrhundertprozess ab, auf den die Welt schauen wird. Mayer scheint der Rummel um die eigene Person nicht zu stören, im Gegenteil. "Sogar ein kolumbianischer Radiosender fragte an, ob ich zu einem Live-Interview bereit sei."

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