Böhnhardts Vater im NSU-Prozess Ein gebrochener Mann

Er entschuldigte sich bei den Familien der Opfer: Im NSU-Prozess hat Jürgen Böhnhardt ausgesagt. Ein gebrochener Mann, der den Werdegang seines Sohnes bis heute nicht fassen kann - und von seinem Abgleiten ins rechtsextreme Milieu kaum etwas bemerkt haben will.

Jürgen Böhnhardt im Münchner Oberlandesgericht: "Krasse Bilder"
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Jürgen Böhnhardt im Münchner Oberlandesgericht: "Krasse Bilder"

Von , München


Jürgen Böhnhardt atmet tief aus. Bedächtig und ruhig hat er die meiste Zeit gesprochen, aber jetzt ist zu spüren, dass es ihn bewegt, als er an diesen einen Punkt gelangt. Es ist der Augenblick, in dem der Vater des mutmaßlichen Terroristen Uwe Böhnhardt den Angehörigen der Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) sein Mitgefühl ausdrückt.

Es tue ihm "unendlich leid, was da passiert ist", sagt der 69-Jährige im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht. Er sei den Familien der Opfer dankbar, dass sie ihn nicht zur Rechenschaft gezogen oder beschimpft hätten.

Jürgen Böhnhardt ist ein hagerer Mann mit leicht gebeugter Körperhaltung und spärlichem Haar, und vielleicht ist es die Geschichte seiner Familie, die ihn zu einem eher stillen Menschen gemacht hat. Als er und seine Frau vor nicht allzu langer Zeit ausführlich mit einem ARD-Team über ihren toten Sohn Uwe und dessen Werdegang sprachen, da redete fast ausschließlich seine Frau. Sie saßen in ihrer Jenaer Wohnung, ein paar Plüschtiere auf dem Sofa, Kakteen auf der Fensterbank - Jürgen Böhnhardt nickte manchmal, um Zustimmung zu signalisieren. Manchmal sprach er auch einen kurzen Satz.

Jetzt ist er allein hier im Saal 101, allein vor den Fragen des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl. Er kann sich nur an dem Plastikbecher mit Wasser festhalten, der vor ihm steht. Böhnhardt spricht zunächst sehr leise. Wie sein 1977 geborener Sohn aufgewachsen sei, will Götzl wissen. "Normal", sagt der Rentner. Uwe habe "gute Voraussetzungen" gehabt, was das Zuhause betraf. Die Familie lebte in einer Vier-Zimmer-Wohnung, der Vater arbeitete als Ingenieur, die Mutter war Lehrerin. Ende der achtziger Jahre sei es dann aber mit Schulproblemen bei Uwe losgegangen. Er habe "gebummelt", irgendwann sogar Autos "geknackt", die Polizei kam später mehrfach wegen anderer Geschichten zu Hausdurchsuchungen. Sogar ins Gefängnis musste der Junge, härter sei er danach gewesen, sagt der Vater.

Und Uwe Böhnhardt driftete zunehmend ins rechtsextreme Milieu ab. Trug plötzlich Bomberjacke und Springerstiefel. Dennoch, so behauptet es Jürgen Böhnhardt, hätten er und seine Frau nichts von der Radikalisierung ihres Sohnes mitbekommen: "Das haben wir damals überhaupt nicht geahnt." Den Ernst der Lage habe man "nicht erkannt". Bomberjacken und Springerstiefel seien damals normal gewesen. Überhaupt: Rechte, Linke und Polizei habe er aufgrund ihrer Kleidung gar nicht unterscheiden können.

Viel reden wollte Uwe nicht

Die angebliche Ahnungslosigkeit wirkt auch deshalb verwunderlich, weil die Polizei den Eltern damals etwa Fotos ihres Sohnes auf rechtsextremen Demonstrationen zeigte. "Krasse Bilder", wie Jürgen Böhnhardt selbst sagt. Aber der Sohn habe stets beschwichtigend reagiert und den Eltern erzählt, dass sie das alles nicht zu ernst nehmen dürften, er bewege sich im Rahmen des Gesetzes. Viel reden wollte er ohnehin nicht darüber, auch wenn die Eltern nachfragten.

Anfang 1998 sei sein Sohn - es lief ein Verfahren gegen ihn - dann "in den Untergrund gegangen". Was für ein lapidarer Satz für die Zäsur im Leben seines jüngsten Sohnes, die in der Familie vieles auf den Kopf gestellt haben dürfte. Anfangs gab es noch telefonische Kontakte zu Uwe, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Da hingen er und seine Frau dann "zu zweit am Hörer" der Telefonzelle, die ihnen der Sohn per Zettel im Briefkasten genannt hatte. Später gab es konspirative Treffen in Chemnitz. Dann die über einen Mittelsmann abgewickelte Hilfe - Kleider und Geld in Plastiktüten, die jemand vor der Tür abholte. "Tür auf, Zeug raus, weg", so müsse das wohl gelaufen sein, sagt Jürgen Böhnhardt über die Aktion, die er nur vom Hörensagen kennt, er war damals bei der Arbeit. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe hört seinen Worten aufmerksam zu.

In den Telefonaten hätten er und seine Frau damals immer wieder versucht, den drei jungen Leuten das Leben im Untergrund auszureden. "Kommt zurück, stellt euch", so flehten die Eltern laut Jürgen Böhnhardt. Aber die drei hätten nicht gewollt, "ums Verrecken nicht". 2002 brach der Kontakt ab. Jürgen Böhnhardt hörte eigenen Angaben zufolge nichts mehr von seinem Sohn, bis Zschäpe im November 2011 anrief und die Eltern über den Tod Uwe Böhnhardts informierte.

Was macht das alles aus einem Vater, wenn der Sohn sich das Leben nimmt, vermutlich, um sich dem Zugriff der Polizei zu entziehen? Wenn dem Jungen zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und die Bildung einer Terrorgruppe zur Last gelegt werden?

Seine Frau Brigitte war vor Gericht offensiv aufgetreten, hatte sogar den Behörden eine Mitschuld an der NSU-Terrorserie gegeben. Jürgen Böhnhardt wirkt wie jemand, der schwer an seinem Leben und Schicksal trägt. Der jüngste Sohn beging Suizid, auch ein zweiter der drei Söhne lebt nicht mehr. Der Verlust von Angehörigen werde "ewig an einem hängenbleiben", sagt Jürgen Böhnhardt, als er sich bei den Familien der NSU-Opfer entschuldigt.

Der Satz, man sieht es Jürgen Böhnhardt an, gilt ebenso für ihn selbst.



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