Jugendgewalt Schwere Mädchen

Sie prügeln, randalieren, klauen, nehmen Drogen und tauschen ihren Körper gegen ein Dach über dem Kopf: Gewaltbereite junge Frauen stehen ihren männlichen Altersgenossen in nichts nach - und verhalten sich doch ganz anders. Besuch in einem geschlossenen Mädchenheim.

Von , München


München - "Die hat es echt verdient. Das denke ich heut noch." Jessica schaut aus dem Fenster. Der Asphalt draußen ist rot bemalt, weiße Linien umranden ein Basketballfeld. Am 18. August 2006 hat Jessicas Mutter sie nach Gauting gebracht, in eine geschlossene Wohngruppe. Wenn man Jessica fragt, warum sie nach Gauting gekommen ist, wo alle Türen verschlossen sind und Ausgänge genehmigt werden müssen, antwortet sie: "Ich bin hier wegen Alkohol, Abhauen, Körperverletzung und Schlägerei. Ich hatte Probleme mit den Keulen. Da reichte ein falsches Wort. Oder wenn die mich blöd angeguckt haben." Keulen? "Andere Tussis, Mann."

Niemals lachen auf Fotos: Jessica in ihrem Zimmer in Gauting
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Niemals lachen auf Fotos: Jessica in ihrem Zimmer in Gauting

Bevor sie nach Gauting kam, hat Jessica in Kassel auf der Straße gelebt, Monate lang. Immer wieder war sie von zuhause, der Mutter, dem Stiefvater, dem "kompletten Bruder", dem Halbbruder und der Stiefschwester weggelaufen. "Abgehauen", sagt Jessica. Die Sonderschule hatte sie damals schon seit Monaten nicht mehr besucht.

Das Mädchen, das es "verdient hat", rang tagelang auf der Intensivstation um sein Leben. Jessica sagt, die andere habe es provoziert, dass sie ihr immer wieder "ins Herz reingetreten hat". Sie hatte Jessicas Freund angegraben, mitten in der Stadt.

Da ist Jessica mit ihrem Freund zur Wohnung des Mädchens gegangen, er hat die andere unter einem Vorwand auf die Straße gelockt. Neben der Haustür hat Jessica gewartet. Und zugeschlagen. Bis irgendwer den Arzt gerufen hat. Dann ist Jessica weggerannt. Die Polizei hat sie trotzdem gekriegt, wenig später. Jetzt ist sie vorbestraft: Schwere Körperverletzung lautete die Anklage. Während sie erzählt, knibbelt und knabbert Jessica an ihren Nägeln. Im Regal neben ihr türmen sich Fachbücher über sexuelle Aufklärung, autoaggressives Verhalten und psychosoziale Erkrankungen im Jugendalter.

"Meinen Schwestern tu ich nichts"

Jessica, in Jogginghose, pinkfarbenem Pulli, Palästinenser-Halstuch und offenen Turnschuhen, kann nicht auf dem gepolsterten Stuhl im Besprechungszimmer sitzen bleiben. Sie steht auf, läuft um den Tisch, setzt sich kurz, geht zum Fenster. Fast so, als würde sie gescheucht.

"Ich weiß nicht, wie das kam, aber bislang hab ich nur einmal eine abgekriegt." Jessica schaut auf den bunten Flickenteppich. "Einmal waren die 50 und ich alleine. Die haben mich mit nem Tele geschlagen." Ein Tele sei so ein "Ding", was "die Bullen" haben, wie ein Schlagstock. "50 gegen einen. Das hätt ich nie gemacht." Später hat sich Jessica dann eines der Mädchen aus der Gruppe geschnappt, um sich zu rächen. Sie hat ihm immer wieder in den Bauch getreten, um zu zeigen, dass sie "nicht so schwach ist" und sich auch alleine wehren kann.

Die, die am Boden lag, war schwanger, wie sich später herausstellte. Ihr Kind hat sie durch Jessicas Tritte verloren. "Das geschieht der ganz mit Recht. Die hätte ihr Kind auch nur geschlagen", sagt Jessica wieder am Fenster stehend. "Aber meinen Schwestern tu ich nichts."

Wer eine "Schwester" ist und wer nicht, ist schwer zu sagen: "Wenn man mich dumm anmacht, oder meinen Freund dumm anmacht, ihm an den Schwanz packt, oder meine Mutter beleidigt, dann...", sagt Jennifer und schluckt das Ende des Satzes runter. Dann macht sie einen neuen Anlauf. "Wenn ich aggressiv bin, fang ich an zu schlagen." Manchmal reicht zur Provokation auch schon das falsche Aussehen: die falschen Haare, die falsche Kleidung. "Wenn das so eine Tussi ist mit voll viel Make-up. Oder so eine Möchte-Gern-Shakira. Niemand hat das Recht, über meinen Style zu reden."

Jessica ist ein wenig stolz darauf, dass sie nicht so wirkt, als könne sie andere krankenhausreif prügeln. Sie ist groß, aber nicht massig. Mit den langen dunklen Haaren und dem schmalen Gesicht wirkt sie sehr feminin.

Von sich erzählen will Jessica nur, solange ein anderes Mädchen mit im Raum ist: "Nichts gegen Sie, aber ich bin nicht gern mit Fremden allein, dann komm ich mir so beobachtet vor."



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