Jurymitglied im Fall Trayvon Martin "Ohne Zweifel"

George Zimmerman hat den Jugendlichen Trayvon Martin erschossen, trotzdem wurde er freigesprochen. Eine Geschworene äußerte sich nun anonym zum Urteilsspruch: Zunächst habe die Hälfte der Juroren den Angeklagten wegen Totschlags verurteilen wollen.


Washington - Nach dem umstrittenen Urteil im Fall des erschossenen schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin hat sich eine der sechs Geschworenen öffentlich zur schwierigen Urteilsfindung geäußert. Eine als "Geschworene B-37" vorgestellte, im Dunkeln sitzende Frau sagte dem US-Sender CNN, zu Beginn der 16-stündigen Beratungen sei die Gruppe gespalten gewesen: Drei Geschworene seien für einen Freispruch für George Zimmerman gewesen, die drei anderen hätten den Fall zunächst als Totschlag bewerten wollen.

"Einige wollten ihn wegen irgendetwas schuldig erklären", sagte die anonyme Jurorin . Man habe stundenlang über die gesetzlichen Bestimmungen diskutiert und sie immer wieder gelesen. Schließlich habe man Einigung über Zimmermans Freispruch erzielt.

Eine Schlüsselfrage sei gewesen, ob auf der Aufnahme des Notrufs im Hintergrund Zimmermans oder Martins Hilferufe zu hören gewesen seien. "Ich denke, es war George Zimmerman", sagte die Geschworene. Bis auf ein Mitglied der Jury hätten das alle so gesehen.

Jurorin spricht von einer Tragödie

Aus dem Prozess habe sich für sie das Bild ergeben, dass Martin Zimmerman angegriffen habe, sagte die Geschworene. Zimmerman habe "ohne Zweifel" um sein Leben gebangt. Die dann folgende tödliche Auseinandersetzung sei eine Tragödie. Doch beide Beteiligten seien dafür mitverantwortlich, dass sie in diese Situation hineingeraten sind. "Beide hätten auch weggehen können."

Der Hispanoamerikaner Zimmerman hatte den 17-jährigen Afroamerikaner bei seinem Dienst als Nachbarschaftswächter erschossen. Der Jugendliche war unbewaffnet. Die Anklage argumentierte, dass Zimmerman den Teenager verfolgte und dann tötete. Dessen Verteidigung hatte erklärt, Zimmerman habe aus Notwehr gehandelt. Martin habe ihn zuerst attackiert.

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Urteil im Fall Trayvon Martin: Proteste gegen Freispruch
Die anonyme Jurorin sagte dem Sender, keine der Geschworenen sei der Meinung gewesen, dass die Tat auf rassistische Motive zurückzuführen sei.

Genau das werfen viele Amerikaner der Jury vor. Das Urteil sorgt landesweit für massive Proteste. Am späten Montagabend (Ortszeit) fanden erneut Demonstrationen statt. Die meisten verliefen friedlich. In Los Angeles kam es jedoch zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und randalierenden Jugendlichen.

Laut Berichten der "Los Angeles Times" stürmte eine Gruppe Randalierer einen Supermarkt. Dutzende andere liefen über Autos, schmissen Fensterscheiben ein, legten Feuer und attackierten mehrere Zuschauer, darunter auch zwei Reporter. Die Polizei geht demnach von rund 150 Beteiligten aus, es habe mindestens 13 Festnahmen gegeben.

Die Polizei kündigte der Zeitung zufolge an, hart gegen Randalierer vorgehen zu wollen. Der Bürgermeister der Stadt, Eric Garcetti, sagte bei einer Pressekonferenz, die Gewalt gehe auf eine kleine Gruppe zurück, die "die Situation zu ihrem Vorteil ausgenutzt hat".

Mehr als 800.000 Menschen unterzeichneten unterdessen eine Petition des afroamerikanische Verbands NAACP, die das Justizministerium zu einer neuen Anklage gegen den Todesschützen zwingen soll. Die Justizbehörde prüfe einen solchen Schritt.

gam/AFP/AP/Reuters

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Reg Schuh 16.07.2013
1.
Fazit: Wer auch immer angefangen hat - ein Mensch ist gestorben, weil ein anderer keine Hemmungen (insbesondere keine gesetzlichen Hemmungen!) hatte, mit einer Handfeuerwaffe auf ihn zu schießen, eine Eskalation mit schrecklichem Ausgang. Bitte, US-Legislative, überdenkt die aktuellen Schußwaffengesetze. Dieser Tod hätte vermieden werden können.
felice2000 16.07.2013
2. Rassismus: vermutet vs. belegt
Ist natürlich möglich, dass Zimmerman aus "rassistischen Motiven" gehandelt hat. Die Gedanken sind frei, so auch seine. Und wer weiß schon, was ihn bewegt hat. Diesen Rassismus können wir vermuten - oder nicht. || Die Demonstrationen gegen das Urteil jedoch sind von der festen Überzeugung gespeist, dass die Jury ja nicht anders hat entscheiden können, weil in ihr ja kein einziger Farbiger saß. Das heißt, die Kritiker leiten allein aus dem Urteil ab, dass die Urteilenden sich von ihrer Hautfarbe leiten lassen. Das genau ist aber die Definition von Rassismus. Was die Kritiker an den Tag legen, ist also eindeutig belegter Rassismus. Folgerichtig hatte in den Augen der jetzt Demonstrierenden Zimmerman nie eine Chance auf einen fairen Prozess. Entweder er wird verurteilt - das ist dann "gerecht" (wusste man schon vorher) -, oder er wird frei gesprochen, und dann geht man auf die Straße, um dagegen zu demonstrieren. Wozu braucht man dann eigentlich noch Gerichte?...
kaynchill 16.07.2013
3. Das ist kein Rassismus-Problem
Das ist ein Waffen-Prolem. In den USA sitzt die Hemmschwele eine Waffe zu benutzen einfach viel zu tief. Das muss sich ändern. Die Rassismus-Keule wird leider zu oft vom Opfer selbst aufgebauscht. Man möchte so lange Gleichheit bis man wieder mal in der Opferrolle ist.
4qfghei3pers 16.07.2013
4. Ein Dilemma
Daß Geschworene, also Laienrichter jemanden aburteilen, halte ich schlichtweg für einen Skandal. Andererseits kommen so wenigstens Meinungen aus dem Volk zur Geltung, was bei manch abgehobenen Richtern nicht der Fall ist. Nach dem was ich gelesen habe, saß das spätere OPfer auf seinem Widersacher und schlug auf ihn ein. Der Hilferuf kam wohl vom späteren Schützen. Insofern darf man wohl von einer Lage in Notwehr ausgehen. Der Fall erhielt ja seine Brisanz ausschließlich durch die Tatsache, daß das Opfer ein Schwarzer ist. Andernfalls wäre nicht so ein Aufsehen gemacht worden.
cs01 16.07.2013
5.
Ich halte diesen Jury-Dienst für eine der undankbarsten Aufgaben. Da soll man als Laie Gesetze auslegen, ohne dass einem der Richter, der dafür ausgebildet ist, wirklich hilft. Ich glaube, ich würde mich einfach vor so einem Job drücken. Bei einem schwarzen Angeklagten sollte einem das als Weißen nicht schwer fallen. Zur Not fragt man, wo die Mitgliedsanträge für den Klu-Klux-Clan liegen. Das sollte reichen.
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