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07. August 2016, 15:16 Uhr

Bewährung nach 28 Jahren

Gladbeck-Geiselnehmer bald auf freiem Fuß?

28 Jahre, nachdem sie mit Geiselnahme, Flucht und Morden das Land erschütterten, könnte der erste der Geiselnehmer von Gladbeck auf Bewährung entlassen werden. Ist Dieter Degowski bald frei?

Fast drei Jahrzehnte nach dem Geiseldrama von Gladbeck kommt einer der beiden Täter womöglich bald frei. Dieter Degowskis Vorbereitung auf die Haftentlassung zur Bewährung läuft nach Angaben der Justizvollzugsanstalt Werl gut. "Wir haben im Moment nichts zu meckern", sagte auch die Anwältin des mittlerweile 60-Jährigen, Lisa Grüter.

Weder die Rechtsanwältin noch JVA-Leiterin Maria Look wollten sich zu den Details der Lockerungen äußern, mit denen Degowski auf eine Entlassung vorbereitet wird. Vor drei Jahren hatte das Landgericht in Arnsberg die JVA aufgefordert, diesen Weg zu gehen. "Wir könnten nun jederzeit einen neuen Antrag auf Entlassung stellen", sagte Anwältin Grüter. Das werde aber vermutlich "im Einvernehmen mit der JVA" geschehen. Einen Zeitpunkt nannte sie nicht.

Zu Degowskis Vorbereitung auf seine Haftentlassung sagt JVA-Chefin Look: "Er zieht gut mit. Trotz dieser langen Zeit ist er positiv gestimmt." Degowski müsse sich in Geduld üben. "Das ist für ihn auch eine starke Prüfung. Ich bin aber froh, dass er die Füße stillhält." Derzeit werde ein weiteres Gutachten erstellt. "Die Gutachterin hat ihn schon besucht und einen weiteren Termin ausgemacht."

Degowski-Anwältin Grüter sieht das ähnlich. "Ich erlebe meinen Mandanten als einen freundlich-friedlichen Menschen, der seine Tat sehr bereut", sagte sie erneut.

Bizarre, berichtete Flucht: Ein medialer Sündenfall

Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner wurden im August 1988 von banalen Kriminellen zu weltweit berüchtigten Gewalttätern: Nach einem gescheiterten Banküberfall flohen sie mit Geiseln drei Tage lang durch das Land. Der Fall schrieb nicht nur wegen seiner Brutalität, die drei Menschenleben forderte, Rechts- und Mediengeschichte.

Weil die Täter früh zufällig mit Reportern in Kontakt kamen, die Nähe der Medien dann aber auch zuließen und zelebrierten, wurde die Geiselnahme zum ersten quasi in Echtzeit berichteten Verbrechen der Welt. Die Präsenz von Medienvertretern erschwerte Strafverfolgern den Zugriff, während Degowski und Rösner in aller Ruhe in der Kölner Innenstadt Pressekonferenzen gaben, die Waffe am Hals der Geisel.

Die blutige Bilanz dieses bizarren Verbrechens und medialen Sündenfalls: drei Tote. Degowski erschoss in einem Linienbus in Bremen einen 15-Jährigen, ein Polizist starb bei einem Unfall der Verfolger, und als die Polizei dann am dritten Tag auf der A3 bei Bad Honnef endlich den Fluchtwagen stoppte und zugriff, starb die 18-jährige Geisel Silke Bischoff durch eine Kugel aus Rösners Waffe.

Die Täter wurden zeitweilig zu Deutschlands bekanntesten Kriminellen, der Fall beschäftigte Medien und Öffentlichkeit über Jahre. Die Diskussion über die Beteiligung der Medien an der Tragödie mündete in veränderte Verhaltensregeln für Journalisten in solchen Krisensituationen.

pat/dpa

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