Vorwurf des Kindesmissbrauchs Zu Unrecht Verurteilter erhält 50.000 Euro Schmerzensgeld

Fast zwei Jahre saß ein Mann unschuldig im Gefängnis. Dann stellte sich heraus: Er hatte seine Pflegetochter nicht missbraucht. Eine frühere Gutachterin muss ihm nun wegen ihrer fehlerhaften Beurteilung ein fünfstelliges Schmerzensgeld zahlen.


Saarbrücken - "Der Kläger hätte nie verurteilt werden dürfen": Mit diesen Worten hat das Landgericht Saarbrücken einem 71-Jährigen Schmerzensgeld in Höhe von 50.000 Euro zugesprochen. Der Mann hatte zwei Jahre lang wegen sexuellen Missbrauchs seiner Pflegetochter im Gefängnis gesessen - zu Unrecht. Er war aufgrund eines psychologischen Gutachtens verurteilt worden, das nach Auffassung des Gerichtes grob fahrlässig erstellt worden war.

Die Gutachterin, die die Beurteilung damals geschrieben hatte, muss nun das Schmerzensgeld zahlen. Das Gericht hielt eine Summe von 50.000 Euro für die gesundheitlichen und psychischen Folgen von 683 Tagen Haft für angemessen. Dazu komme die Haftung für mögliche künftig auftretende Folgen.

Das Justizopfer hatte ursprünglich auf 80.000 Euro Entschädigung geklagt. Der ehemalige Bundeswehrbeamte begründete dies unter anderem mit seiner Entlassung aus dem Beamtenverhältnis und Kürzungen bei der Pension. Nach Angaben seiner Anwältin Daniela Lordt wird er aber die Entscheidung des Gerichts akzeptieren.

Die Unschuld des Mannes war erst durch einen späteren Zivilprozess der Pflegetochter erkannt worden. Bei dem Verfahren wurde ebenfalls ein Gutachten angefertigt, das die Mängel und Fehleinschätzungen der ursprünglichen Bewertung aufdeckte. Daraufhin wurde das Verfahren gegen den vermeintlichen Kinderschänder neu aufgerollt.

Das Schadenersatz-Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Gutachterin kann dagegen noch Einspruch einlegen.

jbe/dpa

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vogelsberg 29.01.2015
1. Er soll erhalten
Warum wird nur die Gutachterin zur Verantwortung gezogen und nicht der Richter?
gribofsky 29.01.2015
2. @vogelsberg
Weil der Richter nur Entscheidungen auf Grund der vorliegenden Fakten trifft. Wenn, wie hier vorgefallen, die Fakten falsch sind, kann die Entscheidung des Richters natürlich auch nur falsch sein. Mich persönlich würde viel mehr interessieren was jetzt der verlogenen Pflegetochter passiert! Wahrscheinlich ein Jahr auf Bewährung und das wars. Man sollte ein Gesetz einführen, wonach Personen die andere falsch beschuldigt haben die max. Strafe für die nicht begangene Tat (hier Mißbrauch) und eine Strafe für die Falschaussage bekommen können. Beispiel: Strafe auf falsche Aussage ist zwei Jahre Gefängiss, auf Kindesmißbrauch fünf Jahre, ergo muß die Tochter 7 Jahre ins Gefängniss. In diesem Fall ohne Chance auf vorzeitige Entlassung wegen besonderer Schuld, denn schließlich hat sie mit ihrer Falschaussage dem Mann zwei Jahre seines Lebens gestohlen.
briketteimer 29.01.2015
3. Nana
Zitat von gribofskyWeil der Richter nur Entscheidungen auf Grund der vorliegenden Fakten trifft. Wenn, wie hier vorgefallen, die Fakten falsch sind, kann die Entscheidung des Richters natürlich auch nur falsch sein. Mich persönlich würde viel mehr interessieren was jetzt der verlogenen Pflegetochter passiert! Wahrscheinlich ein Jahr auf Bewährung und das wars. Man sollte ein Gesetz einführen, wonach Personen die andere falsch beschuldigt haben die max. Strafe für die nicht begangene Tat (hier Mißbrauch) und eine Strafe für die Falschaussage bekommen können. Beispiel: Strafe auf falsche Aussage ist zwei Jahre Gefängiss, auf Kindesmißbrauch fünf Jahre, ergo muß die Tochter 7 Jahre ins Gefängniss. In diesem Fall ohne Chance auf vorzeitige Entlassung wegen besonderer Schuld, denn schließlich hat sie mit ihrer Falschaussage dem Mann zwei Jahre seines Lebens gestohlen.
So ein Gesetz und eine entsprechende Strafe wären völlig unangemessen, weil auf Rache abzielend. Ich finde es beruhigend, in einem Rechtsstaat zu leben, in dem Rache für das begangene Unrecht nicht die Hauptmotivation der Rechtsprechung ist. Sie nicht? Durch eine 7-jährige Gefängnisstrafe ist dem Pflegevater nicht geholfen und es dient auch nicht der Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts. Im Übrigen sind die Hintergründe in diesem Fall nicht bekannt. Anstelle einer böswillig verlogenen Pflegetochter könnte es sich durchaus auch um eine psychisch kranke Pflegetochter handeln, nicht wahr? Würden Sie in einem solchen Fall auch auf 7 Jahre Gefängnis plädieren? Sicherlich ist im Falle einer böswilligen Anschuldigung eine Strafe notwendig, aber nicht in einer solchen Größenordnung. Und nicht als Rache, sondern als Wiedergutmachung.
claudiusoptimus 29.01.2015
4. @gribofsky
Sie hat ihm mehr als zwei Jahre seines Lebens geraubt, glauben Sie mir das. Wesentlich mehr! Die vorherrschende Gutachterpraxis bei deutschen Strafgerichten, aber auch Familiengerichten muß endlich auf das Strengste untersucht und reformiert werden. Aber auch schon vor zwei Jahren muß das einem Strafrichter sehr bekannt gewesen sein. Den Mann trifft eine Mitschuld, da er wissen musste, daß es bei dieser Art von zu verhandelnden Straftaten nicht allzu selten der Antrieb darin liegt, den vermeintlichen Täter grundlos ein für alle mal zu ruinieren. Vor diesem Hintergrund, würde ich eher dafür plädieren jeweils vom Richter, der Gutachterin und der kriminellen Denunziantin 100000€ zu verlangen, denn das macht den Ruin nicht ungeschehen, vermag ihn jedoch eventuell etwas abzufedern. Das ist zuviel? Dann malen Sie sich mal aus wie es ist, wenn Sie jahrelang als das größte Dreckschwein gelten, Sie in Ihrer Zelle brummen, genau wissen, daß Sie nichts getan haben und außerdem in Ihrem Zellentrakt, als vermeintlicher Kinderschänder gelten, der in der Hack und Schlagordnung des Knasts ganz unten sind, nur Millimeter über der Latrine. Zu überdenken ist auch, ob die Gutachterin Berufsverbot erhält, wenn sie verstrickt und tendenziös verwickelt war. Auch der Richter müsste, Unabhängigkeit hin oder her, zu intensiven Schulungen geschickt werden, wenn nicht gar von solchen Fällen komplett abgezogen!
gribofsky 29.01.2015
5. @briketteimer und claudiusoptimus
Zitat von claudiusoptimusSie hat ihm mehr als zwei Jahre seines Lebens geraubt, glauben Sie mir das. Wesentlich mehr! Die vorherrschende Gutachterpraxis bei deutschen Strafgerichten, aber auch Familiengerichten muß endlich auf das Strengste untersucht und reformiert werden. Aber auch schon vor zwei Jahren muß das einem Strafrichter sehr bekannt gewesen sein. Den Mann trifft eine Mitschuld, da er wissen musste, daß es bei dieser Art von zu verhandelnden Straftaten nicht allzu selten der Antrieb darin liegt, den vermeintlichen Täter grundlos ein für alle mal zu ruinieren. Vor diesem Hintergrund, würde ich eher dafür plädieren jeweils vom Richter, der Gutachterin und der kriminellen Denunziantin 100000€ zu verlangen, denn das macht den Ruin nicht ungeschehen, vermag ihn jedoch eventuell etwas abzufedern. Das ist zuviel? Dann malen Sie sich mal aus wie es ist, wenn Sie jahrelang als das größte Dreckschwein gelten, Sie in Ihrer Zelle brummen, genau wissen, daß Sie nichts getan haben und außerdem in Ihrem Zellentrakt, als vermeintlicher Kinderschänder gelten, der in der Hack und Schlagordnung des Knasts ganz unten sind, nur Millimeter über der Latrine. Zu überdenken ist auch, ob die Gutachterin Berufsverbot erhält, wenn sie verstrickt und tendenziös verwickelt war. Auch der Richter müsste, Unabhängigkeit hin oder her, zu intensiven Schulungen geschickt werden, wenn nicht gar von solchen Fällen komplett abgezogen!
@briketteimer Rache? Nein, eher eine Abschreckung. Sehen sie sich den Fall von Herrn Horst Arnold an. Er mußte 5 Jahre im Knast sitzen und selbst als seine Unschuld bewiesen wurde bekam er weder seinen Job zurück, noch eine Entschädigung. Somit muss die Strafe für unbegründete Beschuldigung möglichst hoch sein um eine abschreckende Wirkung zu haben. Und um auf die schwere jedes Falles individuell eingehen zu können, bietet es sich eben an die Strafe am Strafmaß der Anschuldigung festzumachen. @claudiusoptimus Ich denke nicht das es zu viel ist. Nur müssen wir der Tatsache ins Auge sehen das wohl mindestens zwei der drei diese Strafe nie abzahlen könnten, für den unschuldig Verurteilten also ohne Belang.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.