Justizskandal Als Vatermörderin im Knast - mit Aussicht auf Freispruch

Ihr Elternhaus brannte nieder, ihr Vater starb in den Flammen: Legte Monika de M. das Feuer? Ja, urteilte das Landgericht Berlin und sprach die Arzthelferin des Mordes schuldig. 888 Tage saß sie im Knast. Doch de M.s Schwager kämpft um ihren Freispruch - voraussichtlich mit Erfolg.


Berlin - Die Wohnung in Berlin Mitte ist eine Mischung aus Labor, Archiv und Arbeitszimmer. Überall stehen Aktenordner. Modelle, Diagramme und Exposés sind säuberlich zu kleinen Büchern gebunden. Am Wohnzimmerregal hängen Lagepläne, auf dem Tisch liegen vergrößerte Fotos: Inmitten des sortierten Chaos sitzt Rudolf Jursic neben einem vollen Aschenbecher. Der 59-jährige Ingenieur hat fünf Jahre darum gekämpft, die Schwester seiner Frau aus dem Knast zu holen. Doch der Freispruch, der sie nun erwartet, ist nicht das Ende eines Justizskandals, sondern für Jursic erst der Anfang.

Das Haus, in dem Monika de M.s Vater starb: Brandstiftung - oder tragisches Unglück?
Rudolf Jursic

Das Haus, in dem Monika de M.s Vater starb: Brandstiftung - oder tragisches Unglück?

"Der Fall meiner Schwägerin lässt befürchten, dass sie nicht die Einzige ist, die in Berlin unschuldig verurteilt wurde", sagt Jursic SPIEGEL ONLINE. Mehr als 2500 Stunden hat der Ingenieur damit verbracht, dem Landeskriminalamt schlampige Ermittlungen nachzuweisen. Das Ergebnis: Monika de M., wegen Mordes zu lebenslanger Haft unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld verurteilt, wird voraussichtlich Anfang April freigesprochen werden.

"Eine andere Möglichkeit kann ich mir nicht vorstellen", sagt ihr Verteidiger Lutz Körner. "Lediglich zwei Verhandlungstage sind anberaumt. Bei einem Mordfall mit solcher Brisanz müssten mehr Tage veranschlagt werden, wollte man ihn noch einmal gründlich und von Anfang bis Ende durchführen." 19 Tage hatte es gedauert, Monika de M. wegen Mordes zu verurteilen.

Mord aus Habgier? Monika de M. wird festgenommen

Rückblick: Als am 18. September 2003 die Feuerwehr im Uhuweg 19c in Berlin-Neukölln eintrifft, schlagen die Flammen bereits meterhoch aus dem oberen Stockwerk der Doppelhaushälfte der Familie de M. Die Tochter des Hausbesitzers, Monika de M., steht fassungslos vor dem Haus, ihr Lebensgefährte liegt nach einem Sprung aus dem brennenden Haus mit einem gebrochenen Becken im Vorgarten, ihr Vater Theodor, ein Pflegefall, stirbt in seinem Krankenbett im oberen Stockwerk.

Der 76-Jährige war passionierter Kettenraucher. Er hatte nach Angaben der Familie noch zwei Monate zu leben. Lungenkrebs im Endstadium. Monika de M. glaubt, der Schwerkranke habe auch in dieser Nacht wie so oft im Bett geraucht - und dadurch einen Schwelbrand ausgelöst.

Brandermittler dagegen wollen einen zweiten Brandherd im Parterre und literweise verkippten Brennspiritus entdeckt haben. Es entsteht der Verdacht, Monika de M. könne das Feuer selbst gelegt haben. Als sich die Arzthelferin bei der Versicherung erkundigt, wie hoch die zu erwartende Summe ist, haben die Ermittler ihr Motiv: Habgier. Monika de M. kommt am 9. Oktober 2003 in Untersuchungshaft.

Laut Gericht handelte die "Vatermörderin" grausam

Am 26. Januar 2005 wird die Berlinerin als Vatermörderin verurteilt: Die 22. Große Strafkammer sieht es als erwiesen an, dass Monika de M. in der Nacht im Zimmer ihres gehbehinderten, hilflosen Vaters Spiritus verschüttete und anzündete. Danach weckte sie ihren betrunkenen Lebensgefährten, bat ihn, den Vater zu retten und gab vor, im Erdgeschoss die Feuerwehr zu alarmieren.

Stattdessen aber - so die Überzeugung des Gerichts - schüttete sie auch dort Spiritus aus und zündete ihn an. Insgesamt soll sie fünf bis zehn Liter Brennspiritus vergossen haben. Mit dem Handy rief sie dann die Feuerwehr und stürzte aus dem Haus.

Ihr Mordmotiv: Sie wollte mit dem Versicherungsgeld von 220.000 Euro ein neues Leben beginnen. Der Kammer zufolge tötete sie grausam, heimtückisch und mit gemeingefährlichen Mitteln. Es gebe keine Hinweise auf einen anderen Täter.

Doch für den von der Staatsanwaltschaft rekonstruierten Tatablauf, den das Gericht so anerkennt, gibt es keine zweifelsfreie Indizienkette. Für einen anderen Tathergang ebenso wenig. Das Problem: Der Polizeitechnische Untersuchungsdienst stützt die Version der Staatsanwaltschaft und will Brandbeschleuniger festgestellt haben. Den muss jemand verteilt haben. Der alkoholkranke Karsten S. scheidet der Kammer nach wegen mangelnder Intelligenz aus. Monika de M. ist die einzige potentielle Täterin.

Die Verteidigung kämpft während der 19 Verhandlungstage verzweifelt um die Angeklagte. Zwei Brandsachverständige, die im Auftrag ihres Anwalts den Fall untersuchten, erklären: "Wir haben keine Spuren gefunden, die auf Brandstiftung hinweisen." Die gefundenen Rückstände seien kein sicheres Zeichen für Spiritus. Sie stützen damit die Aussage von Monika de M., dass sich aus einem Schwelbrand im Zimmer des kranken Rentners durch Verpuffung der Gase ein Vollbrand entwickelt hat, der wie eine Feuerwalze durch das mit Kiefernholz ausgekleidete Reihenhaus geflammt ist.



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