Justizskandal Die vermeintlichen Kinderschänder von Outreau

Erst schien das beschauliche französische Örtchen Outreau die Bühne für einen gigantischen Kinderschänderprozess zu sein. Doch aus dem vermeintlichen Missbrauchsfall wurde ein Justizskandal. Jetzt muss sich der zuständige Richter verantworten - und mit ihm das System.

Von , Paris


Paris - Staatsfunk und privates Fernsehen stellen ihre Programme um, Zeitungen und Magazine veröffentlichen ausführliche Dossiers und Sonderausgaben: Seit gestern muss der Jurist Fabrice Burgaud vor einem Untersuchungsausschuss der Pariser Nationalversammlung aussagen.

Jurist Burgaud: "Der kleine Richter"
AFP

Jurist Burgaud: "Der kleine Richter"

Der junge Richter Burgaud, damals mit Ende Zwanzig auf seinem ersten Posten, steht im Zentrum eines der monströsesten Justizskandale in der Geschichte Frankreichs, der immer neue Schwächen, Fehler und Übergriffe von Polizei, Gerichten und Haftsystem zutage förderte. Mit drakonischer Strenge zerrte der junge Mann 19 Menschen auf die Anklagebank, von denen sich später 13 als unschuldig erwiesen.

Der, um den es geht, sitzt am Ende eines Tischovals mit fast sechzig Zuhörern: Fabrice Burgaud, der mit den Beschuldigten umsprang wie ein französischer Richter Gnadenlos, schrumpft unter dem gleißenden Licht der Kameras und den Fragen der Ausschussmitglieder auf schmächtiges Normalmaß - mit oft zitternder Stimme, die Arme verschränkt. "Le Petit Juge", (Der kleine Richter) titelt "Le Figaro" heute morgen über den einst so strengen Juristen.

Analytische Kälte

Auch jetzt, im Angesicht der Parlamentarier und in Anwesenheit der ehemaligen Angeklagten, kann sich Burgaud nicht zu einem Schuldeingeständnis oder einer Entschuldigung überwinden: "Welcher Richter macht keine Fehler bei der Einschätzung?" sagt er leichthin über das Verfahren, das das Leben der damals Beschuldigten zerstörte.

Sie, die jetzt in der zweiten Reihe dem stockenden Vortrag des Richters zuhören, sind nach der siebenstündigen Anhörung  verblüfft und schockiert von der analytischen Kühle, mit der Burgaud auf den Fall zurückblickt, der vor fünf Jahren in Outreau begann, einem kleinen Ort in Nordfrankreich.

Damals erzählt der achtjährige Dimitri gegenüber Schulkameraden von furchtbaren sexuellen Übergriffen durch seine getrennt lebenden Eltern, Thierry und Myriam Delay. Die Behörden werden alarmiert, Polizei und Sozialarbeiter eingeschaltet.

Die drei Brüder des Jungen bestätigen diese Aussagen; später nennen die Kinder noch Namen von Nachbarn und Bekannten, die sich fünf Jahre lang an den Vorfällen beteiligt hätten: Die Delays beschuldigen ihrerseits eine ganze Reihe von Mitbürgern - vor allem ihre Nachbarn David Delplanque und seine Partnerin Aurelie Grenon.

Langsam, aber unerbittlich

Polizeiliche Hausdurchsuchungen bei den Beschuldigten fördern Pornofilme und Sexartikel zu Tage, die die Darstellungen zunächst zu bestätigen scheinen. Der zuständige Staatsanwalt in Boulogne-sur-Mer übergibt den Fall im Februar 2001 an den Richter, der erst kurz zuvor seine 30-monatige Ausbildung abgeschlossen hat.

Insgesamt geraten 19 Personen ins Visier der Staatsanwaltschaft, wegen Pädophilie, Misshandlungen und Inzest. Wegen der Schwere der Vorwürfe werden die Beschuldigten in Untersuchungshaft genommen, die Eltern von ihren Kindern getrennt, Pflegefamilien zugewiesen oder in Heime überstellt. Viele der Angeklagten verlieren ihren Job.

Die Mühlen der Justiz beginnen zu mahlen, langsam, aber unerbittlich: Das  Ermittlungsverfahren unter dem unerfahrenen Richter Burgaud sorgt für enormes publizistisches Echo. Denn der Vorwurf der Kinderschänderei betrifft einen repräsentativen kleinbürgerlichen Querschnitt des Ortes im Departement Pas-de-Calais: Ein Gerichtsvollzieher, eine Pflegerin, ein Anstreicher, ein Hausmeister, ein Taxifahrer, ein Arbeiterpriester, ein Bäcker und seine Frau...

Zwei der Beschuldigten - die Mutter des Jungen und eine Freundin - räumen den Missbrauch ein, doch die Mehrheit der von Richter Burgaud vernommenen Personen bestreitet jede Beteiligung an den brutalen Vergewaltigungen. Einer der Angeklagten stirbt in der Untersuchungshaft, es heißt, er habe Selbstmord begangen; ein weiterer wird als verhandlungsunfähig eingestuft. Als das Verfahren beginnt, geraten die 17 Beschuldigten durch die öffentliche Aufmerksamkeit unter enormen Druck - ebenso wie Polizei, Staatsanwaltschaft und der Richter.

Widersprüche beiseite geschoben

Zweifel an Aussagen und Indizien gibt es: Denn obwohl Myriam Delay - auch unter dem Namen Badaoui bekannt - und ihre Freundin mit sehr bildlichen Schilderungen ihre Nachbarn belasten, Mitglieder in dem Pädophilie-Ring gewesen zu sein, finden sich keine Beweise für die schrecklichen Vorwürfe.

Die Strafverfolgung folgt jedoch den Ansichten von Psychologen und medizinischen Gutachtern, die die Aussagen der Kinder bestätigen. Widersprüchliche oder vage Aussagen werden in der aufgeheizten Stimmung nicht in Frage gestellt - selbst dann, wenn einige der Aussagen ganz offensichtlich fehlerhaft sind oder die Opfer auf Fotos ihre angeblichen Peiniger falsch oder überhaupt nicht identifizieren.

Derweil sitzen die Angeschuldigten in Untersuchungshaft, in der Presse angeprangert, durch die öffentliche Meinung vorverurteilt. Nach drei Jahren werden in erster Instanz Haftstrafen bis zu sieben Jahren verhängt. Die beiden Frauen und ihre Lebensgefährten gestehen und werden im Juli 2004 wegen Pädophilie und Inzest zu bis zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Doch dann wendet sich für einige der Angeklagten das Blatt: Es stellt sich heraus, dass die anderen 13 Beschuldigten unschuldig sind. Die ersten sechs werden zunächst von einem Schwurgericht freigesprochen; die anderen sieben werden dennoch verurteilt - obwohl die Hauptbelastungszeugin Myriam Delay vor Gericht zusammenbricht und mitteilt: "Ich bin krank und eine Lügnerin."

"Burgaud war nie allein"

Erst im vergangenen Dezember werden die letzten Beschuldigten freigesprochen, nachdem sich im Berufungsverfahren der ganze Fall als Konstrukt aus Lügen und Fehleinschätzungen entpuppt hat. Dann auf einmal kommt Bewegung in das Verfahren: Der Justizminister entschuldigt sich, die fälschlich Beschuldigten bekommen Entschädigungen, das Parlament richtet einen Untersuchungsausschuss ein.

Seither geißelt sich die Nation mit kollektiver Selbstkritik: Live-Bilder der fälschlich Beschuldigten rütteln Hunderttausende Zuschauer auf. Die Justizopfer erzählen von ihrem jahrelangen Leidensweg, von den Erniedrigungen ihrer Haftzeit und Herabwürdigungen durch Polizei und Richter. Ganz Frankreich hört zu. Auf der Anklagebank sitzt nun das gesamte französische Justizsystem. Vor allem die Rolle der Untersuchungsrichter steht in der Kritik, ihre Doppelrolle als Ermittler und Richter. Außerdem geht es um die Rechte der Verteidiger und Fragen der Strafprozessordnung.

Die erste Befragung von Fabrice Burgaud zeigt nun, wie unerfahren und hilflos sich der junge Beamte auf seinem Posten verhielt und dabei leichtfertig über Menschen und Schicksale entschied. Er könne auch nicht alles erklären, was damals geschehen sei, zitierte die "Liberation" den einst so selbstsicheren Richter bei seiner Vernehmung. Immer wieder geriet Burgaud ins Stottern, verlor den Faden, verstrickte sich in Widersprüche. Fast sieht es aus, als stünde der junge, schmale Jurist allein vor Gericht - tatsächlich aber waren 64 Richterkollegen verschiedenster Gremien und Behörden mit der Affäre Outreau befasst.

"Richter Burgaud war nie allein", konstatiert die Tageszeitung "Le Monde" auf Grund eigener Recherchen, "während des gesamten Prozesses haben die Generalstaatsanwaltschaft und das Kanzleigericht Berichte erhalten - und nie reagiert".



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