Kachelmann-Prozess: Eine Frage des Geldes

Von Gisela Friedrichsen, Mannheim

Viola S. war eine der Geliebten Jörg Kachelmanns. Für 50.000 Euro verkaufte sie ihre Geschichte an die "Bunte", nun musste sie erneut vor Gericht aussagen - auch über ihre Beziehungen zum Burda-Verlag. Bei der Zeitschrift habe sie sich "verstanden gefühlt", gab sie zu Protokoll.

Moderator Kachelmann auf dem Weg zum Gericht: Wer führt die Regie? Zur Großansicht
dapd

Moderator Kachelmann auf dem Weg zum Gericht: Wer führt die Regie?

Mannheim - An diesem Dienstag stand in Mannheim die weitere Vernehmung der Zeugin Viola S. an. Sie ist jene Ex-Gespielin Jörg Kachelmanns, die in der Illustrierten "Bunte" unter dem Namen "Isabella" auftrat. Dafür wurde sie mit dem im Vergleich zu anderen Zeuginnen ungewöhnlich hohen Betrag von 50.000 Euro honoriert. Was war ihre Gegenleistung?

Eine entsprechende Vergütungsvereinbarung hatte die Verteidigung des wegen schwerer Vergewaltigung angeklagten Wettermoderators dem Gericht vorige Woche vorgelegt. Die Befragung dieser Zeugin, die unterbrochen worden war, als noch der erste Wahlverteidiger mandatiert war, erhielt angesichts der neuen Erkenntnisse folglich eine weitere Bedeutung.

Denn die Flugtickets, die die angeblich vergewaltigte Radiomoderatorin dem Angeklagten in der vermeintlichen Tatnacht im Februar 2010 vorgelegt hatte, will sie im Briefkasten gefunden haben - abgesandt von einem Anonymus (oder einer Anonyma). Sie lauteten auf die Namen Kachelmann und Viola S. Der Verdacht, dass die Zeugin S. das ungewöhnlich hohe Honorar nicht zufällig bekam, drängte sich mehr als auf.

"Es geht nur noch um Geld", monierte Verteidiger Johann Schwenn zu Beginn des Verhandlungstages. Daher habe die Zeugin ihr Recht, zum Schutz ihrer Privatsphäre die Öffentlichkeit ausschließen zu lassen, verwirkt. Es sei "indiskutabel, den Burda-Verlag hier Regie führen zu lassen".

"Respektlosigkeit" gegenüber dem Gericht

Der Verlag habe "für die Demontage von Herrn Kachelmanns Ansehen schon genug getan". Die Öffentlichkeit solle sich ein Bild machen können von einer Zeugin, die sich in der Presse "als mater dolorosa und armes Hascherl" gegeben, gegenüber der Polizei aber gesagt habe, "der Angeklagte möge im Knast verrecken" und sie freue sich über "jeden Tag, den er im Gefängnis verbringen müsse". "Es sieht ja danach aus, als ob eine gewisse Janusköpfigkeit vorliegt."

Der Zeugin stand also keine besonders angenehme Vernehmung bevor. Gleichwohl betrat sie diesmal ohne besondere Schutzvorkehrungen in Begleitung ihres Rechtsbeistands Sascha Böttner das Mannheimer Gerichtsgebäude. Dabei ließ sie sich auch filmen und fotografieren. Als ihre Vernehmung begann, wurde die Öffentlichkeit aber zunächst erneut ausgeschlossen.

Das leidige Thema Ausschluss der Öffentlichkeit, das gerade in spektakulären Fällen häufig mehr der Sicherung von Exklusiv-Verträgen mit Verlagen oder Sendern dient, denn dem Schutz der Persönlichkeitsrechte von Zeugen oder Angeklagten, war schon zu Beginn der Sitzung wieder einmal Thema gewesen. Die Kammer gab dabei ihr Missfallen an hochdotierten Medienkontakten von Zeugen offen zu erkennen. Man lasse sich keineswegs "am Nasenring durch die Manege führen", versicherte Beisitzer Joachim Bock. Ein solches Verhalten sei eine "Respektlosigkeit" dem Gericht, ja dem Gerichtsverfahren gegenüber.

"Die Zeugin heult Sie an, und Sie fragen nicht nach"

Am Nachmittag war es dann so weit. Frau S. beschrieb vor Publikum, wie die "Bunte" auf sie zugekommen sei. "Ich war mit jemandem über Jahre zusammen, dem ich geglaubt und vertraut habe. Ich war mit seinen Kindern zusammen. Für mich war klar, mit wem ich Ostern und Weihnachten verbringe - das war meine Familie!" Bei der "Bunten" habe sie sich "verstanden gefühlt". Es sei ihr darum gegangen, ihr Leben mit Kachelmann zu erzählen. Für sie sei ein Lebensplan zerbrochen. "Das Interview war ein Weg, wieder die Herrschaft über mein Leben zu gewinnen," sagte sie unter Tränen.

Anlass für Verteidiger Schwenn, die Aussage zu unterbrechen: "Die Zeugin heult Sie hier an, und Sie fragen nicht nach, was sie mit den 50.000 Euro gemacht hat", rief er erbost dem Gericht zu.

"Frauentypisch" eingekauft habe sie, ein wenig gespendet an Leute, "die es nicht so gut haben", für die Steuer etwas zurückgelegt. 45.000 Euro seien noch da, so ihre Auskunft.

Die Zeugin war gut vorbereitet. Fragen nach ihren Kontakten zu dem umstrittenen ehemaligen Hamburger Richter Schill, mit dem sie unlängst in Rio de Janeiro gesehen wurde, wich sie geschickt aus. Allerdings gab sie zu, dass es 150 Seiten Gesprächsprotokolle mit der "Bunten" gebe und dass es ihr ein Anliegen gewesen sei, "dass es rauskommt".

"Wir sind doch nicht bei Kachelmann"

Unangenehm wurde es für die Zeugin, als ihre Kontakte zu den Verantwortlichen in Kachelmanns Schweizer Firma zur Sprache kamen, wo man zeitweise offenbar vorhatte, ihn "rauszukicken" und bei diesen Bestrebungen auf die Mithilfe von Ex-Gespielinnen setzte. "Wann war Ihr letzter Kontakt zur 'Bunten'?", fragte Verteidiger Schwenn schließlich beiläufig.

"Gestern", antwortete die Zeugin zum Erstaunen aller. Die Chefreporterin habe Geburtstag gefeiert. "Waren Sie mit den Leuten von der 'Bunten' schon von Anfang an per du?" fragte Schwenn weiter. "Ach, man hat so viel mit einander erlebt," sagte sie.

Der nicht enden wollende Kachelmann-Prozess wird mittlerweile bereits in anderen Strafverfahren als abschreckendes Beispiel zitiert. "Sie glauben doch nicht, dass ich nur, weil es hier um einen Prominenten geht, die Sache so aufblähe wie in Mannheim", unterbrach etwa die Vorsitzende im Münchner Berufungsverfahren um die angebliche Nötigung des Kabarettisten Ottfried Fischer die Wortgefechte der Prozessbeteiligten.

"Hier geht es allein um den Anklagevorwurf und nichts sonst." In Koblenz, wo der Missbrauchsfall von Fluterschen verhandelt worden war, versicherten sich die Beteiligten zum Schluss gegenseitig ihrer Anerkennung, auf allen Seiten unspektakulär verhandelt zu haben: "Niemand hat eine Butterbrotdose beschlagnahmen lassen oder andere Sperenzchen gemacht", hieß es zum Beispiel in den Plädoyers.

Der Satz "Wir sind doch nicht bei Kachelmann" - er ist jedes Mal Anlass für befreiendes Gelächter.

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insgesamt 73 Beiträge
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1. Lächerlich.
Moxxo 29.03.2011
Die Staatsanwaltschaft hat einzig und allein Bewiesen, dass sie über keine belastbaren Beweise und jämmerlich wenig Indizien verfügt - weshalb man nun offenbar auch zu Zeugen greift, die mit dem eigentlichen Tatvorwurf nicht das mindeste zu tun haben und bereits eine gekaufte Meinung (denn Zeugenaussage kann man das ja nicht mehr nennen, die einzigen Zeugen sind die beiden Beteiligten) veröffentlicht haben. Nichts davon beweist, dass Kachelmann unschuldig ist - aber das ist auch zum Glück in einem Rechtsstaat nicht erforderlich, um einen Freispruch zu erwirken. (Zumal die Hauptzeugin offenbar mehrere Falschaussagen zu Protikoll gegeben hat...)
2. Der Prozess um Kachelmann weitet sich zu einem Riesen-Skandal für die Justiz aus
Roßtäuscher 29.03.2011
Zitat von sysopViola S. war eine der Geliebten Jörg Kachelmanns. Für 50.000 Euro verkaufte sie ihre Geschichte an die "Bunte", nun musste sie erneut vor Gericht aussagen - auch über ihre Beziehungen zum Burda-Verlag. Bei der Zeitschrift habe sie sich "verstanden gefühlt", gab sie zu Protokoll. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,753923,00.html
Man darf gespannt sein, wer danach alles seitens der Justiz das Feld räumen muss, leider wird daraus nur ein - "müsste".
3. Genauso ist es, es müsste, aber...
wohei-dho 29.03.2011
Zitat von RoßtäuscherMan darf gespannt sein, wer danach alles seitens der Justiz das Feld räumen muss, leider wird daraus nur ein - "müsste".
... es wird voraussichtlich nichts passieren. Die deutsche Justiz ist so kaputt und verkommen wie der ganze Staat, die Politik und die Gesellschaft. Lesen Sie mal, was ein ehemaliger Richter zu der Verkommenheit in der deutschen Justiz sagt (unter folgendem Link: http://content.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/1862051_0_9223_-bitterboeser-leserbrief-ex-richter-geht-mit-seiner-zunft-ins-gericht-und-die-schweigt.html). Dann wird Ihnen klar, wie kaputt Deutschland ist. Es zählen nur noch Macht, Status und Geld. Es ist der excessive Tanz um das Goldene Kalb und das Erwachen wird einst schrecklich sein.
4.
Marshmallowmann 29.03.2011
1. Freispruch für Kachelmann und eine hohe Abmahnungen für die Frauen. 2. Eine einstweilige Verfügung damit sie in ihrer Gier kein Geld mit dem Leiden eines offensichtlich Unschuldigen machen dürfen. 3. Die Kosten der Verhandlung trägt allein die Klägerin. 4. 1 Jahr gefängnis wegen Falschaussage unter Eid. 5. 5000 Euro im Monat wegen Rufmord.
5. Der Prozess ist doch schon zu Ende, derzeit ...
freedomofspeech 29.03.2011
Zitat von wohei-dho... es wird voraussichtlich nichts passieren. Die deutsche Justiz ist so kaputt und verkommen wie der ganze Staat, die Politik und die Gesellschaft. Lesen Sie mal, was ein ehemaliger Richter zu der Verkommenheit in der deutschen Justiz sagt (unter folgendem Link: http://content.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/1862051_0_9223_-bitterboeser-leserbrief-ex-richter-geht-mit-seiner-zunft-ins-gericht-und-die-schweigt.html). Dann wird Ihnen klar, wie kaputt Deutschland ist. Es zählen nur noch Macht, Status und Geld. Es ist der excessive Tanz um das Goldene Kalb und das Erwachen wird einst schrecklich sein.
... ist die Sache doch nur noch eine Fernsehshow. http://fachanwalt-fuer-it-recht.blogspot.com/2011/02/kachelmann-prozess-soll-tv-format.html Seit es diesen tollen Prozess gibt, freue ich mich richtig auf neue Nachrichten aus diesem Bereich. Die neue Reality-show kommt mir gerade Recht und ich denke auch, Herr Kachelmann macht gerne mit, um die hohen Honorare des Anwalts zahlen zu können. Ist doch toll für alle, oder nicht?
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Chronik
20. März 2010 - Festnahme
Jörg Kachelmann, Meteorologe, Moderator und Schweizer Staatsbürger, wird nach seiner Rückkehr aus Kanada am Frankfurter Flughafen festgenommen. Er gehörte zum Team der ARD bei den Olympischen Spielen in Vancouver. Kachelmann soll seine Ex-Freundin in der Nacht zum 9. Februar vergewaltigt haben.
22. März 2010 - Gegenklage
Kachelmanns Anwalt weist die Vergewaltigungsvorwürfe als "frei erfunden" zurück. Der Moderator kündigt an, "wegen falscher Anschuldigung" Klage zu erheben. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft besteht jedoch dringender Tatverdacht.
23. März 2010 - Unschuldbeteuerung
Kachelmann beteuert seine Unschuld: "Er hat die ihm vorgeworfene Tat nicht begangen", teilen seine Kölner Anwälte auf ihrer Web-Seite mit.
24. März 2010 - Beim Haftrichter
Bei einem Termin beim Haftrichter in Mannheim bestreitet der TV-Wetterexperte die Vergewaltigung erneut. Der Haftrichter entscheidet jedoch, dass er vorerst in Untersuchungshaft bleiben muss. Kachelmann ruft wartenden Reportern zu: "Ich bin unschuldig."
27. März 2010 - Soko Flughafen
Nach Informationen des SPIEGEL war die Festnahme des Moderators von langer Hand geplant: Eine "Soko Flughafen" hat die Aktion drei Wochen lang vorbereitet, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen.
4./5. Mai 2010 - Neue Ermittlungen
Kachelmanns Anwalt beantragt, den Haftbefehl aufzuheben. Eine Entscheidung darüber vertagt der Haftrichter jedoch. Zunächst müssten weitere Ermittlungsergebnisse vorliegen.
15. Mai 2010 - Korrektur der Vorwürfe
Nach Informationen des SPIEGEL hat die Ex-Freundin des Schweizers einen Teil ihrer Anschuldigungen zurückgenommen. Den Vorwurf der Vergewaltigung hält sie aufrecht.
17. Mai 2010 - Anklageerhebung
Die Mannheimer Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall und Körperverletzung.
2. Juni 2010 - Entlastende Gutachten
In einem Gutachten zur Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers kommt die Bremer Psychologin Luise Greuel zu dem Schluss, dass die Schilderung der Vergewaltigung nicht die Mindestanforderungen an die logische Konsistenz, Detaillierung und Konstanz erfülle. Das mutmaßliche Opfer könne die Tat selbst bei eingehender Befragung nur vage und oberflächlich wiedergeben. Es würden auch Sachverhalte dargestellt, die handlungstechnisch unwahrscheinlich bis unmöglich seien.
15. Juni 2010 - Haftbefehl bleibt
Das Landgericht Mannheim teilt mit, dass die Strafkammer erst später über den Antrag von Kachelmanns Verteidigung auf Aufhebung des Haftbefehls entscheiden werde. Es müsse erst noch eine weitere Stellungnahme des Verteidigers geprüft werden.
25. Juni 2010 - Neuer Haftprüfungstermin
Das Landgericht Mannheim entscheidet, dass am 2. Juli ein Haftprüfungstermin stattfinden soll. Dabei werde auch Kachelmann erneut gehört.
29. Juni 2010 - Haftbeschwerde
Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock legt beim Oberlandesgericht Karlsruhe Haftbeschwerde ein. Damit fällt der Haftprüfungstermin am 2. Juli aus. Mit einer Entscheidung aus Karlsruhe wird Mitte Juli gerechnet.
1. Juli 2010 - Weiter in U-Haft
Das Landgericht Mannheim lehnt einen Antrag auf Aufhebung des Haftbefehls ab. Kachelmann bleibt in Untersuchungshaft.
29. Juli 2010 - Entlassung aus der U-Haft
Das Oberlandesgericht Karlsruhe ordnet an, dass Kachelmann sofort aus der Untersuchungshaft entlassen werden muss. Begründung: "Im derzeitigen Stadium des Verfahrens besteht kein dringender Tatverdacht mehr."
6. September 2010 - Beginn Hauptverhandlung
Erster Verhandlungstag im Kachelmann-Prozess: Das Mannheimer Landgericht muss klären, ob der Moderator tatsächlich eine Ex-Freundin vergewaltigt hat. Bei einer Verurteilung drohen dem Wetter-Moderator bis zu 15 Jahre Haft.
Prozessverlauf
Am 29. November 2010 gibt Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock sein Mandat an Johann Schwenn ab. Über die Gründe für diesen überraschenden Schritt schweigt er.
Der Prozess wird sich voraussichtlich länger hinziehen: Zunächst war der 21. Dezember 2010 als letzter Prozesstag vorgesehen, dann wurden bis Ende März 19 weitere Termine reserviert - und nun wird voraussichtlich bis Mai verhandelt. Der Grund: Die zuständige Kammer will mindestens noch an sechs Tagen verhandeln - im April wird es allerdings voraussichtlich keine Termine geben, da Kachelmann drei Wochen nach Kanada reist, um dort Kinder aus einer früheren Ehe zu besuchen. Der Besuch sei notwendig, da er ansonsten sein Besuchsrecht verliere, begründete die Verteidigung die Unterbrechung.
Causa Kachelmann
Getty Images
Ein Prozess, sieben Fragen: Im Fall Kachelmann muss jetzt das Gericht klären, ob der Moderator tatsächlich seine ehemalige Freundin vergewaltigt hat. Das Verfahren reicht weit über den Gerichtssaal hinaus. SPIEGEL ONLINE gibt Antworten auf sieben zentrale Fragen rund um den Fall.

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Jörg Kachelmann: Vom Wettermann zum Angeklagten