Kachelmann-Prozess "Suche nach Bestätigung"

Ein Moderator schweigt: Jörg Kachelmann hat vor Gericht darauf verzichtet, sich persönlich zu dem Vergewaltigungsvorwurf zu äußern. Stattdessen attackierte sein Verteidiger die Strafkammer.

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Mannheim - Für den zweiten Verhandlungstag ist die Sitzordnung geändert worden, und so hocken sie sich im fensterlosen Saal 1 des Mannheimer Landgerichts gegenüber: der Fernsehmoderator Jörg Kachelmann und seine ehemalige Geliebte Simone, die er vergewaltigt haben soll. Beiden ist die Anspannung deutlich anzusehen, als sie am Montag um kurz nach neun Uhr in den Gerichtssaal kommen.

Simone schaut zu Kachelmann hinüber. Kachelmann hingegen blickt ins Leere. Er trägt Anzug und Krawatte, wie am ersten Verhandlungstag vor einer Woche. Er wirkt seltsam gedämpft, wie ein Schüler sitzt er neben seinem Verteidiger Reinhard Birkenstock. Als er nach Namen, Beruf und Familienstand gefragt wird, ist er kaum zu verstehen.

Es scheint zumindest numerisch ein Ungleichgewicht zwischen den beiden Seiten des Saals: Links die Nebenklägerin mit ihrem eher zurückhaltenden Anwalt, daneben der junge, schmale Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge mit langer Lockenmähne. Auf der anderen Seite Kachelmann und sein Anwaltsteam, neben Birkenstock nun auch der Karlsruher Strafverteidiger Klaus Schroth, dazu Medienanwalt Ralf Höcker. Gleich zu Anfang stellt die Verteidigung den Antrag, auch Birkenstocks Ehefrau als Hilfsperson zuzulassen, mit der Aufgabe, "in der Ausnahmesituation eines derartig intensiv von den Medien beobachteten Prozesses Herrn Kachelmann in den Pausen zu betreuen".

"Halt die Klappe oder du bist tot"

Hastig verliest Oltrogge die Anklageschrift. Als Simone sich von ihm trennen wollte, habe Kachelmann zum Küchenmesser gegriffen. Er habe sie ins Schlafzimmer gedrängt und gesagt: "Halt die Klappe oder du bist tot!" Während der Vergewaltigung habe Kachelmann ihr das Messer an die Kehle gedrückt und ihr zeitweise Mund und Nase zugehalten.

Nach der Verlesung der Anklage verlässt Simone den Gerichtssaal. Sie hätte zwar als Nebenklägerin das Recht, im Prozess anwesend zu sein, soll jedoch erst am neunten Verhandlungstag, dem 13. Oktober, als Zeugin vernommen werden.

Genau daran stört sich Kachelmanns Verteidigung. Birkenstock beantragt, die Frau zuerst zu hören. "Wir sind in einer Situation, in der alles danach schreit, dass jetzt Frau D. gehört wird", sagte Birkenstock. "Ich kenne keine Verhandlung, in der nicht nach der angeklagten Person zu allernächst derjenige gehört wird, der behauptet, verletzt worden zu sein."

Schon in der umfangreichen Begründung stellt Birkenstock die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers in Frage: "Frau D. ist eine Frau mit gewaltiger manipulativer Potenz." Die geplante Vernehmung zahlreicher Ex-Geliebter diene vor allem dazu, Kachelmann noch vor der Vernehmung des mutmaßlichen Opfers in ein schlechtes Licht zu rücken.

Wechselnde Beziehungen

In der Tat ist die Reihenfolge der Vernehmung ungewöhnlich. Staatsanwalt Oltrogge sagt nach der Verhandlung, dies liege ausschließlich an Terminproblemen: Ein Gutachter, der die Aussage des mutmaßlichen Opfers bewerten solle, sei bis zum 13. Oktober verhindert.

Kachelmann selbst schweigt in der Verhandlung zum Vorwurf der Anklage. Lediglich seine Aussage vor dem Haftrichter wird verlesen. Darin schildert er seine Version der Nacht vom 8. auf den 9. Februar. Simone habe ihn bereits leichtbekleidet erwartet. So sei es verabredet gewesen. Dann sei es zum Sex gekommen, einvernehmlich, ohne Kondom. Hinterher hätten sie auf dem Sofa zu Abend gegessen.

Erst dann habe ihn Simone mit den Flugtickets konfrontiert, die auf ihn und eine andere Frau ausgestellt waren. Er habe zugegeben, dass es Verhältnisse mit anderen Frauen gab. Daraufhin habe sich seine Geliebte von ihm getrennt. "Wir haben uns normal und sicher emotional verabschiedet."

Kachelmann hatte in der Vernehmung vor dem Haftrichter gesagt, er habe feststellen müssen, dass seine beiden Kinder in Kanada nicht von ihm stammten. Daraufhin habe er sich in wechselnde Beziehungen geflüchtet. "Meine Suche nach Bestätigung habe ich sicher etwas ausführlicher gestaltet."

Der Prozess soll am Mittwoch fortgesetzt werden.

jdl/dpa



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