Kachelmann-Prozess Vom Mangel an eindeutigen Erkenntnissen

Er hatte das mutmaßliche Opfer nach der angeblichen Vergewaltigung untersucht: Von dem Rechtsmediziner Rainer Mattern erhoffte man sich im Prozess gegen Jörg Kachelmann Aufschluss. Doch er kann weder nachweisen, dass der Wettermoderator die Frau verletzt hat, noch dass diese sich die Blessuren selbst zugefügt hat.

Von , Mannheim

REUTERS

Der Prozess gegen Jörg Kachelmann ist ein extrem zähes Ringen um die Wahrheit. Aussage steht gehen Aussage, Ex-Geliebte des Angeklagten versuchten ihren Teil zur Klärung beizusteuern, nun ist die Riege der Gutachter in den Zeugenstand gezogen. Doch wer sich davon halbwegs nüchterne, naturwissenschaftlich interpretierbare Fakten erhofft, wurde auch am Dienstag enttäuscht.

Am Ende des langen Verhandlungstages war man ungefähr so schlau wie am Morgen, als der von der Staatsanwaltschaft beauftragte rechtsmedizinische Sachverständige Rainer Mattern sein Gutachten mit den Worten begann: "Ich kann weder nachweisen, dass der Angeklagte der Nebenklägerin die Verletzungen beigebracht hat, noch kann ich mit wissenschaftlichen Methoden nachweisen, dass sie sich die Verletzungen selbst beigebracht hat."

Es ist der 25. Verhandlungstag im Prozess gegen Jörg Kachelmann. Endlich wird wieder einmal öffentlich verhandelt. Doch was kommt heraus? Nichts. Dabei solle der Gutachter in der alles entscheidenden Frage weiterhelfen: Hat der Wettermoderator seine ehemalige Geliebte vergewaltigt und dabei verletzt - oder hat sich die 37-Jährige ihre Verletzungen selbst zugefügt?

Erstmals hatte Mattern die ehemaligen Freundin Kachelmanns am Mittag des 9. Februar 2010 untersucht, etwa elf Stunden nach der angeblichen Tat. Weitere Untersuchungen folgten. Dabei ließ er die Frau auch selbst gegen ihre Schenkel schlagen und hielt das angebliche Tatmesser an den Hals der 37-Jährigen. Sie habe geweint und zu zittern begonnen. Er habe das Experiment dann beendet.

"Es kann eine Faust gewesen sein"

Mattern legt dem Gericht zahlreiche Fotografien vor, die er in zeitlichen Abständen gemacht hatte. Ansonsten ist er vorsichtig. Und geschickt. Er muss seine Worte hüten, denn sonst interveniert Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn. Zum Beispiel, als Mattern davon spricht, dass das mutmaßliche Opfer, als es am 9. Februar 2010 zu ihm in die Heidelberger Uniklinik gebracht wurde, "sehr betroffen" und dem Weinen nahe gewesen sei. Das könne ein Sachverständiger für Rechtsmedizin nicht beurteilen, fällt Schwenn dem Gutachter ins Wort. Mattern sei schließlich nicht Psychiater.

Das Parkett war also glatt, auf dem sich Mattern bewegte. Vor Prozessbeginn war seine Argumentation noch geeignet, der Anklage zumindest nicht zu widersprechen, und davon geprägt, sich von den Feststellungen seines von der Verteidigung beauftragten Münsteraner Kollegen Bernd Brinkmann abzugrenzen. Doch nun wählte er den gefahrlos anmutenden Weg der Nicht-Festlegung.

Alles sei möglich, nichts zwingend beweisbar, so Mattern. Sein Kollege Brinkmann mache es sich zu einfach, berücksichtige dies und das nicht. Es hänge von so vielen Umständen ab. Vieles sei einfach eine Sache der Interpretation. Und er, Mattern, könne sich eben nicht festlegen.

"Es kann eine Faust gewesen sein", doziert er, die die acht mal zehn Zentimeter großen Hämatome an den Schenkel-Innenseiten der Nebenklägerin verursacht habe. "Aber man muss dann schon gewaltig zuschlagen!" Die Sache sei hochkomplex und "nicht einer Ursache zwingend zuzuordnen".

Der Professor machte für sein Gerichtsgutachten sogar Selbstversuche mit seiner Ehefrau. Er hatte seine Knie mit Farbe bemalt und sie mehrmals gegen die geschlossenen Oberschenkel seiner Frau gestoßen, um sie auseinanderzudrücken. Die Farbabdrücke seien ähnlich ausgedehnt wie die des mutmaßlichen Opfers. Doch auch das ist kein Beweis.

"Eine typische Kratzverletzung ist es sicher nicht"

Dann die Rötung am Hals der Frau. "Eine typische Kratzverletzung ist es sicher nicht", sagt Mattern, "aber möglicherweise eine atypische." Hat die Frau sich selbst gekratzt? Brinkmann hatte es nachzuweisen versucht, als er vor Gericht nur noch als sachverständiger Zeuge Befunde schildern, aber nicht interpretieren durfte. Denn die Staatsanwaltschaft hatte den renommierten Rechtsmediziner wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt, und das Gericht war ihr darin gefolgt.

Hat Kachelmann der Frau ein Messer an den Hals gehalten, wie es die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage behauptet, wodurch der Vergewaltigungsvorwurf zu dem einer besonders schweren Vergewaltigung mit der entsprechenden Strafdrohung wurde?

Kurz vor Weihnachten hatte ein Spurensachverständiger so gut wie ausgeschlossen, dass der Angeklagte derart mit dem Messer hantierte, wie es die Nebenklägerin behauptet. Denn die minimalen DNA-Spuren passten nicht zu ihrer Tatschilderung.

Mattern wiederum hielt sich bedeckt: "Von der Traumatomechanik her kann man mit diesem Messer die Befunde am Hals erzeugen. Ich habe kein wirkliches Argument gegen das Messer. Aber ich habe auch keines gegen Selbstbeibringung." Man würde ihm das eher glauben, wenn er nicht vorwiegend Argumente erörtert hätte, die für den Einsatz des Messers sprechen könnten. Andere Erklärungsversuche klangen dagegen dürftig bis nebensächlich.

So ging es über Stunden.

Die Anhörung Matterns wird also an einem weiteren Verhandlungstag fortgesetzt werden. Denn noch waren weder die von der Verteidigung geladenen Rechtsmediziner Markus Rothschild aus Köln und Klaus Püschel aus Hamburg mit ihrem Fragerecht an der Reihe noch die Verteidigung.

Am Donnerstag, dem nächsten Sitzungstag, wird es wieder um den Therapeuten der Nebenklägerin und seine Therapierezepte gehen. Und der Auftritt des Berliner Psychiaters Hans-Ludwig Kröber steht an. Da jeweils über Therapieinhalte zu diskutieren sein wird, werden sich die Türen für die Zuhörer wohl kaum öffnen. Das Publikum wird sich also weiterhin mit "Kann sein - kann nicht sein" zufrieden geben müssen.

mit Material von dpa und dapd



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insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
Ephemeris 01.02.2011
1.
meine Güte lasst den armen Mann endlich frei , der hatte 10 Freundinnen , wieso sollte er eine vergewaltigen , er hat die freie Wahl...
s.s.t. 01.02.2011
2. ...
Zitat von sysopEr hatte das mutmaßliche Opfer wenige Stunden nach der angeblichen Vergewaltigung untersucht: Von dem Rechtsmediziner Rainer Mattern erhoffte man sich im Prozess gegen Jörg Kachelmann Aufschluss. Doch er kann weder nachweisen, dass der Wettermoderator die Frau verletzt hat, noch dass diese sich die Blessuren selbst zugefügt hat. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,743022,00.html
Am 25,. Tag weiß man soviel wie am ersten. Ein dreimal hoch auf die StA und auf das Gericht. Offensichtlich sind da nur 'Experten' am Werk. Dumm, Dämlicher, ? .
DerLautePöbel 01.02.2011
3. Otto Normalverbraucher
Wie lange dieses Prozess wohl bei einem "Normalbürger" gedauert hätte?!
AKI CHIBA 01.02.2011
4. Nun denn, nun ja...
Zitat von Ephemerismeine Güte lasst den armen Mann endlich frei , der hatte 10 Freundinnen , wieso sollte er eine vergewaltigen , er hat die freie Wahl...
...ein richtig armer Mann is er ja nu nich jerade. Monetär meine ich. Sie hätten schreiben müssen: Der arme Sack! Denn just an diesem Ort kumuliert sich wohl das merkwürdige Wollen dieses seltsamen Heiligen. Wir Konsumenten haben seine Regentropfenkleinigkeiten ins Unermessliche gehoben. Da hat er halt angefangen zu spinnen. Die mehr oder aber vielleicht doch weniger weiblichen Wesen spinnen mindestens genauso. Wer einem derartigen Sack mit ins Bett folgt und Marterinstrumente zur Befriedigung der parody of sexual desire akzeptiert, der ist nicht zu helfen - Freispruch!
tw1974 01.02.2011
5. nicht so einfach
Zitat von s.s.t.Am 25,. Tag weiß man soviel wie am ersten. Ein dreimal hoch auf die StA und auf das Gericht. Offensichtlich sind da nur 'Experten' am Werk. Dumm, Dämlicher, ? .
Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal in der Hauptverhandlung eines Strafprozesses waren. Es ist nicht immer alles so einfach, wie es sich manche Menschen vorstellen (und es in den Medien dargestellt wird). Es ist auch möglich, dass man auch am Ende des Prozesses nicht mehr weiß. Das hat aber nichts damit zu tun, dass die Prozessbeteiligten Fehler gemacht hätte, sondern liegt daran, dass einem Gericht eben nur begrenzte Möglichkeiten (rein tatsächlich, da es noch keine Zeitmaschine gibt, und juristisch, da auch Sie die Zeugen wohl nicht foltern wollen) zur VErfügung stehen, einen SAchverhalt der Vergangenheit aufzuklären. Ihr Kommentar ist von daher ziemlicher Unsinn.
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