KaDeWe-Coup Perfekte Gene für den Millionenbruch

Der spektakuläre Einbruch ins Berliner Kaufhaus KaDeWe stellt die Ermittler vor Schwierigkeiten: Die mutmaßlichen Täter sind Zwillinge, womöglich sogar eineiige - damit wären sämtliche DNA-Spuren wertlos. Mit den gesetzlich erlaubten Methoden lassen sie sich nicht zuordnen.

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Hamburg - Das Statistische Bundesamt ist ein Quell stetiger Nachrichten, manchmal sind es sogar gute: So verkündeten die Zählmeister der Nation etwa Anfang Januar in ihrer "Meldung der Woche", die Zahl der 2007 geborenen Mehrlingskinder sei auf insgesamt 22.400 gestiegen. Darunter befänden sich auch 21.600 Zwillinge. Die Bundesfamilienministerin wird diese Neuigkeit sicherlich gefreut haben.

Doch in anderen Bereichen des Staatsapparates ist das Thema Zwillinge zurzeit nicht besonders beliebt. Schuld daran sind die aus einer libanesischen Großfamilie stammenden und im niedersächsischen Gifhorn beziehungsweise in Rotenburg (Wümme) lebenden Brüder Abbas und Hassan O., 27, die des spektakulären KaDeWe-Coups verdächtigt werden.

Das Duo soll gemeinsam mit einem unbekannten Dritten in der Nacht zum 25. Januar 2009 über ein Vordach in das luxuriöse Kaufhaus eingestiegen sein. Nach ersten Ermittlungen tricksten die maskierten Männer sämtliche Bewegungssensoren aus, seilten sich in den Innenraum ab und brachen zahlreiche Vitrinen auf. Auf wertvolle Uhren und Schmuckstücke im Wert von mehreren Millionen Euro hatten es die Diebe abgesehen.

Zwar gibt es bislang keine offizielle Bestätigung dafür, dass Abbas und Hassan O. tatsächlich eineiige Zwillinge sind, doch legen veröffentlichte Bilder der beiden diesen Schluss sehr nahe. Auch sagte ein Beamter SPIEGEL ONLINE: "Man kann sie überhaupt nicht auseinanderhalten. Für mich steht es außer Frage, dass sie eineiige Zwillinge sind."

Der Fall war fast gelöst - fast

Aus Polizeikreisen verlautete inzwischen, in einem am Tatort gefundenen Handschuh hätten Kriminaltechniker eine DNA-Spur sicherstellen können, die schließlich zu den beiden Verdächtigen geführt habe. Ein Mobiles Einsatzkommando des Berliner Landeskriminalamts (LKA) nahm die Männer vor knapp einer Woche in der Spielothek "Manhattan" im niedersächsischen Bockel fest - fast schien der Fall nach zweieinhalb Wochen gelöst. Fast.

Zum einen ist der dritte Tatbeteiligte noch immer flüchtig und auch von der Beute fehlt jede Spur, zum anderen könnte die DNA-Spur, in anderen Fällen ein mächtiges Pfund der Ermittler, sich in Sachen KaDeWe-Coup als wertlos erweisen.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist es in kriminaltechnischen Routineverfahren nicht möglich, die Erbinformationen von eineiigen Zwillingen zu unterscheiden. Das Gesetz erlaubt den Ermittlern lediglich, elf genau definierte Bereiche aus den Zwischenräumen der Gene untersuchen zu lassen. Für diesen "Problemfall aus Berlin", wie ein Rechtsmediziner das Wirken der KaDeWe-Knacker nennt, sei das aber viel zu wenig.

Zwar könne man unter perfekten Laborbedingungen die DNA eineiiger Zwillinge inzwischen voneinander unterscheiden, mehrere Arbeitsgruppen beschäftigten sich weltweit damit, doch sei das Verfahren noch nicht ausgereift und vor allem vor deutschen Gerichten als Beweismittel nicht zugelassen, sagte der Wissenschaftler.

"Zu unterscheiden sind eineiige Zwillinge allein durch ihren Fingerabdruck", erklärte ein Experte im "Tagesspiegel". "Deshalb ist dieser Fall in der Berliner Kriminalgeschichte bislang einzigartig." Jedem einzelnen Verdächtigen seine individuelle Schuld nachzuweisen, wie es die Justiz tun müsste, könnte in einem solchen Fall schwierig werden - vorausgesetzt andere Beweise fehlen.

Vorteil: Zwilling

Für die Brüder O. offenbar ein alter Hut: Das Duo, das wegen zahlreicher Delikte vorbestraft sein soll, hat sich das identische Aussehen in der Vergangenheit wohl häufiger zunutze gemacht. Die "Bild"-Zeitung zitierte einen namentlich nicht genannten "Kumpel" der Geschwister mit den Worten: Sozialstunden hätten "sich die beiden geteilt. Der eine ging für den anderen". Habe einer der beiden seinen Führerschein verloren, sei er eben mit dem seines Bruders gefahren. Aus Polizeikreisen hieß es dazu bloß: "Das war wohl so, ja."

Der "Tagesspiegel" berichtete, LKA-Ermittler glichen daher nun in einem speziellen Verfahren Größe, Gewicht und Statur der Verdächtigen mit dem der Gestalten auf den KaDeWe-Videoaufzeichnungen ab. Wahrscheinlich wollen sich die Ermittler in ihrer Arbeit so weit wie möglich von DNA-Spuren unabhängig machen. Ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft wollte sich zu diesen Fragen nicht äußern.

Abgelehnte Asylanträge

Auf den Tag genau 20 Jahre vor dem KaDeWe-Coup hatten deutsche Behörden die Asylanträge der staatenlosen Zwillingsbrüder abgelehnt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE waren die Gebrüder O. 1982, im Alter von einem Jahr, in die Bundesrepublik eingereist. Nach der Ablehnung ihres Asylantrags 1989 wurde ihre Duldung regelmäßig verlängert - 20 Jahre lang. Außerdem erhielten sie einen Fremdenpass, weil sich ihr angebliches Heimatland Libanon offenbar geweigert hatte, ihnen Ersatzpapiere auszustellen.

Hassan O. hatte am 5. Februar 2009 - also knapp zwei Wochen nach dem Einbruch in das Berliner Luxuskaufhaus, dessen er nun verdächtigt wird - noch einen Aufenthaltstitel beantragt. Sein Bruder Abbas erhielt hingegen am 2. Februar 2009 eine Ausweisungsverfügung.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft traf Hassan O., der zunächst in Hannover gesessen hatte, am Dienstag in Berlin ein und wurde in die Untersuchungshaftanstalt Moabit gebracht. Sein Bruder Abbas, der von Lüneburg aus in die Hauptstadt gefahren werden sollte, werde wohl am heutigen Mittwoch dort ankommen.

Lokalen Presseberichten zufolge zählt das Duo zu einem kurdisch-libanesischen Clan, dessen Mitglieder schon häufiger durch Mordversuche, Einbrüche und Messerattacken aufgefallen sind. Laut "Berliner Zeitung" gehört der Großfamilie auch ein 19 Jahre alter Intensivtäter an, der im vergangenen Oktober am Potsdamer Platz mit einem gestohlenen BMW einen Rentner anfuhr und tötete.



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