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Berüchtigtes US-Gefängnis Rikers Island: Verschollen, verprügelt, vergessen

Von , New York

Er kam frei und nahm sich doch das Leben: Drei Jahre lang saß der schwarze Teenager Kalief Browder ohne Schuldspruch auf der berüchtigten New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island. Zehntausende sind durch diese Hölle gegangen.

"Kultur der Gewalt": New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island Zur Großansicht
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"Kultur der Gewalt": New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island

Er war es nicht. So lautete Kalief Browders verzweifeltes Mantra, wieder und wieder: Nein, er habe dem mexikanischen Immigranten nicht ins Gesicht geschlagen, nein, er habe ihm den Rucksack nicht gestohlen. "Ich war es nicht."

Umsonst. Im Mai 2010 landete Browder, damals 16, auf der berüchtigten New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island - ohne Prozess und ohne Schuldspruch.

Drei Jahre lang, davon zwei in Einzelhaft, vegetierte der schwarze Teenager dort vor sich hin, während sich sein Fall durchs Gerichtslabyrinth quälte. Er wurde misshandelt, verprügelt, ausgehungert. Schließlich ließ die Staatsanwaltschaft die Anklage fallen. Browder kam wieder auf freien Fuß - doch Rikers würde er nie abschütteln.

Am Wochenende nahm sich der inzwischen 22-Jährige das Leben.

Selbst in diesem Skandaljahr für die Justiz- und Strafvollzugsbehörden Amerikas sticht der Fall Kalief Browder heraus. Seine Odyssee offenbart einen Missstand, den bisher nur wenige interessierte: Da viele US-Gerichte hoffnungslos überfordert sind, verschwinden Unschuldige oft spurlos hinter Gittern - in einer brutalen Zwischenwelt, in der sie behandelt werden wie Schwerstverbrecher.

Auch Browders Schicksal wäre keinem aufgefallen, wäre da nicht eine Lokalreporterin gewesen. Im Oktober berichtete Jennifer Gonnerman im Magazin "New Yorker" über seinen Fall. Zur gleichen Zeit kamen noch andere Beispiele von Misshandlungen in Rikers ans Licht. Es gab Entlassungen, Bürgermeister Bill de Blasio versprach Reformen.

Zu spät für Browder. Am Sonntag erschien der jüngste Bericht Gonnermans in der Online-Ausgabe des "New Yorker". Es war ein Nachruf: "Kalief Browder, 1993-2015."

Rikers Island: Barbarische Misshandlungen und mysteriöse Todesfälle Zur Großansicht
Corbis

Rikers Island: Barbarische Misshandlungen und mysteriöse Todesfälle

Browders Leidensweg begann am 15. Mai 2010, kurz vor seinem 17. Geburtstag. Zwei Cops stoppten den Schüler und einen Freund auf dem Heimweg von einer Party in der Bronx. Sie beschuldigten sie, einen Rucksack geklaut zu haben, dessen Besitzer, ein mexikanischer Einwanderer namens Roberto Bautista, hinten im Streifenwagen saß.

Browder beteuerte seine Unschuld. Trotzdem wurde er angeklagt: Raubüberfall, schwerer Diebstahl, Körperverletzung. Da er - anders als sein Freund - wegen eines Jugenddelikts auf Bewährung war, legte der Haftrichter die Kaution auf 3000 Dollar fest, unbezahlbar für seine Familie. Ein Sträflingsbus brachte ihn nach Rikers Island.

Rikers hat einen haarsträubenden Ruf. 1932 auf einer Insel im East River erbaut, ist es mit zeitweise mehr als 12.000 Insassen und 9000 Vollzugsbeamten eine der größten Haftanstalten der USA - und eine der verrufensten. Barbarische Misshandlungen und mysteriöse Todesfälle gehörten lange zur Tagesordnung.

In einem Bericht beschrieb das US-Justizministerium die Zustände dort als "tiefsitzende Kultur der Gewalt", bei Häftlingen wie Wärtern: "gebrochene Kiefer, gebrochene Augenhöhlen, gebrochene Nasen, gebrochene Röhrenknochen und Schnittwunden, die genäht werden mussten."

Häftlinge in Rikers Island: Von Insassen und Wärter zusammengeschlagen Zur Großansicht
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Häftlinge in Rikers Island: Von Insassen und Wärter zusammengeschlagen

Auch Browder bekam das zu spüren. Einmal wurde er von Mitgliedern einer Gefängnisgang zusammengeschlagen, ein anderes Mal von einem Wärter, beide Vorfälle sind von Überwachungskameras dokumentiert.

Die meiste Gewalt fand aber abseits der Kameras statt. Immer häufiger fand sich Browder in Isolationshaft, 23 Stunden am Tag von jedem menschlichen Kontakt abgeschnitten - eine Haftverschärfung, die die Uno als Psycho-Folter kritisiert hat. Rikers ist da keine Ausnahme: Rund 80.000 US-Häftlinge sitzen zurzeit in Einzelhaft. In Louisiana ordnete ein Richter jetzt die Freilassung des 68-jährigen Schwarzen Albert Woodfox an - nach 43 Jahren Isolation.

Mehrmals versuchte Browder in Rikers, sich das Leben zu nehmen. Seine Hoffnung auf ein schnelles Verfahren, um seine Unschuld zu beweisen, schwand. Immer wieder wurde sein Fall vertagt. Das Angebot, sich schuldig zu bekennen und Strafmilderung zu bekommen, lehnte er ab.

Als er am Ende freikam, war er ein gebrochener Mann - Angstzustände, Verfolgungswahn, Psychosen. Obwohl sich Prominente seiner Sache annahmen, darunter Rap-Mogul Jay-Z und Bürgermeister Bill de Blasio.

Nach letzten Zahlen sitzen momentan rund 10.000 Häftlinge in Rikers - mehr als 400 davon seit mehr als zwei Jahren, ohne einen Prozess.

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