Kamp-Lintfort Jugendlicher soll Obdachlosen aus Langeweile getötet haben

Nach dem gewaltsamen Tod eines Obdachlosen im niederrheinischen Kamp-Lintfort hat das Gericht Haftbefehl gegen zwei mutmaßliche Täter erlassen - einem wird Mord vorgeworfen. Ermittler erklärten, die 16-Jährigen hätten aus Langeweile gehandelt.

Fahndungsplakat an einem Baum, darunter Kerzen und Blumen für das Opfer
dpa

Fahndungsplakat an einem Baum, darunter Kerzen und Blumen für das Opfer


Hamburg - "Es gibt mehrere denkbare Varianten, wie dieser obdachlose Mann ums Leben kam", hatte ein Polizeisprecher vor der Festnahme der mutmaßlichen Täter gesagt. "Dass er zu Tode gejagt wurde, gehört zu den grauenvollsten." Selbst dieser grausame Gedanke ist offenbar zu steigern: Die Polizei geht nun davon aus, dass der wohnungslose Klaus B. sterben musste, weil sich vier Schüler langweilten.

Die 16- und 17-Jährigen aus dem niederrheinischen Kamp-Lintfort sollen den 51-jährigen Obdachlosen getötet haben. Teilweise hätten sie im Verhör die Tat eingeräumt, sagte Staatsanwalt Heinz-Joachim Moser. Gegen zwei 16-jährige Jungen sei Haftbefehl beantragt worden. Haupttäter ist einer von ihnen.

Zwei 17-Jährige seien ebenfalls verdächtig, müssten aber nicht in Haft, weil ihre Tatbeteiligung derzeit als eher gering eingestuft wird. Sie sollen bei der Tötung des 51-Jährigen nicht mehr am Tatort gewesen sein, sondern vorzeitig die Flucht ergriffen haben.

"Jede Menge Langeweile"

Nach bisherigem Ermittlungsstand sollen sich die vier Teenager in der Nacht zum Pfingstsonntag auf dem Parkplatz am Pappelsee aufgehalten haben. Nur einer von ihnen soll dabei eine geringe Menge Alkohol intus gehabt haben, sagte ein Sprecher der Duisburger Polizei zu SPIEGEL ONLINE. "Kein Alkohol, keine Drogen, keine anderen Substanzen - aber jede Menge Langeweile", fügte er hinzu.

Der 19-köpfigen Mordkommission liegen Teilgeständnisse aller vier Schüler vor. Demnach hatten diese sich am Samstagabend auf dem Parkplatz getroffen und beschlossen, den ihnen vom Sehen bekannten Klaus B. zu ärgern. "Für uns ist der Rückschluss, dass sie aus Langeweile agierten, es gab sonst keinen anderen Anlass", sagte ein weiterer Polizeisprecher.

Die Jugendlichen hätten Klaus B., der seit vier Monaten in einem grauen Opel Corsa lebte, gegen Mitternacht entdeckt. Der sehbehinderte Mann war Frührentner, Witwer und hatte durch einen Brand seine Wohnung verloren. Nach Ansicht der Ermittler gingen die vier Jungen zu dem Wagen, in dem Klaus B. saß, und begannen, gegen die Türen und Fenster zu rütteln, zu schlagen und zu treten. Einer der 16-Jährigen sprang dabei auf die Motorhaube und das Dach des Corsas und schlug eine Seitenscheibe ein, wie die Polizei erklärte. Zwei andere rissen demnach die Kennzeichen des Fahrzeugs ab.

Nacheinander entfernten sich den bisherigen Ermittlungen zufolge die beiden 17-Jährigen später vom Tatort, weil sie "Angst vor einer Strafanzeige bekamen". So gaben sie es bei der Polizei zu Protokoll.

"Guck mal durch, siehste dat hier? Guck mich mal an!"

Klaus B. wehrte sich offenbar gegen die Attacken - schon einmal war er im Dezember 2009 von unbekannten Jugendlichen bedroht worden und hatte Strafanzeige gestellt. Jetzt filmte er den Ermittlern zufolge die Angreifer mit der Kamera seines Handys aus dem Wagen heraus. Das Gerät wurde später zerstört aufgefunden.

Auf dem kaputten Handy des Opfers entdeckten die Ermittler einen 20 Sekunden langen Monolog, bei dem offenbar einer der mutmaßlichen Peiniger zu hören ist. Eine Person sagt mit deutlichem Ruhrpott-Dialekt: "Dat is komplett schwarz. Guck mal, et is komplett schwarz. Guck mal durch, siehste dat hier? Guck mich mal an!" Auf den Videoaufnahmen ist durch die Dunkelheit dagegen nichts zu erkennen.

Der kurze Monolog wurde um 1.10 Uhr aufgezeichnet - um 2.30 Uhr wurde Klaus B. von Passanten tot aufgefunden. Der 51-Jährige war an seinem Blut erstickt, er hatte schwere Bein- und Kopfverletzungen erlitten.

"Kalt, emotionslos und abgebrüht"

Die Polizei geht nach den bisherigen Vernehmungen davon aus, dass es zu einer Schlägerei zwischen dem Opfer und den Angreifern kam. Den Haupttäter beschreibt Arndt Rother, Leiter der Mordkommission, als "kalt, emotionslos und abgebrüht", so habe er sich in den Vernehmungen gezeigt.

Der Junge habe ausgesagt, dass er sich nach der Schlägerei hinter den Lenker des Opels gesetzt und den Wagen in eine 600 Meter entfernte Sackgasse am Pappelsee gefahren habe, erklärte die Polizei. Obwohl die beiden 16-Jährigen ihr Opfer in einer großen Blutlache liegen sahen, gingen sie, ohne Hilfe zu leisten, in die Stadt und nach Hause, wie die Polizei erklärte.

Die Polizei hatte die Tonaufnahme des Handys veröffentlicht - daraufhin hatte es zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung gegeben. Der Hinweis, der zum Durchbruch bei den Ermittlungen führte, sei aber nicht aufgrund der Stimmaufnahme erfolgt, sagte Staatsanwalt Moser. Die Jugendlichen hatten keinen Hehl aus ihrer Tat gemacht und offen darüber gesprochen. Allen vier Jugendlichen seien Finger- und Schuhsohlenspuren am Fahrzeug des Opfers zuzuordnen, erklärte ein Polizeisprecher.

Der Richter am Amtsgericht Moers erließ gegen den Haupttäter Haftbefehl wegen Mordes und gegen den Mittäter Haftbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung. Die beiden 16-Jährigen kamen nach der Vorführung in Untersuchungshaft. Sie waren der Polizei bislang durch Körperverletzungen, Sachbeschädigung, Fahrraddiebstahl und Fahren ohne Führerschein aufgefallen.

Die beiden 17-jährigen Tatverdächtigen wurden ihren Eltern übergeben und müssen mit Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung und Nötigung rechnen.



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