Hamburg - Die USA bekämpfen mexikanische Drogenkartelle offenbar verstärkt in deren Heimat. Laut "New York Times" haben US-Geheimdienste und -Strafverfolgungsbehörden in den vergangenen Jahren Stützpunkte und ihr Informantennetzwerk in Mexiko deutlich ausgebaut. Die Zeitung beruft sich auf Angaben von Offiziellen "beiderseits der Grenze". Demnach verfügen die US-Behörden über einige Quellen mit direktem Zugang zu Führern des mächtigen Golfkartells und der paramilitärischen Zeta-Verbände.
Eine Analyse der Nachrichtenagentur Associated Press liefert Anhaltspunkte über das Ausmaß der US-Aktivitäten in Mexiko. Demnach ist die US-Drogenfahndungsbehörde Drug Enforcement Administration (DEA) mit 60, die Grenzkontrollbehörde mit 40, der Marshals Service mit 20 und die US-Waffenbehörde ATF (Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives) mit 18 Leuten in Mexiko präsent. Hinzu kommen der Agentur zufolge Dutzende Mitarbeiter unter anderem von FBI, Einwanderungsbehörde, der Küstenwache, der Transportsicherheitsbehörde sowie der Drogenfahndungsabteilung im Außenministerium.
Der Krieg zwischen den Drogenkartellen und den Behörden hat sich in den vergangenen Jahren verschärft. Seit die mexikanische Regierung den Banden 2006 den Kampf angesagt hatte, starben im mexikanischen Drogenkrieg über 44.000 Menschen, allein 2010 waren es etwa 15.000. Drogen-Gangster brannten ein Casino nieder, in dem sich mehr als 50 Menschen aufhielten, engagierten 14-Jährige als Auftragskiller und konstruierten sich Panzer im Eigenbau.
Methoden, "die vor fünf Jahren undenkbar gewesen wären"
80 Prozent aller Drogen kommen laut "New York Times" von Mexiko in die USA. Die US-Behörden haben offenbar das Gefühl, mit herkömmlichen Methoden der Lage nicht mehr Herr werden zu können - daher die ausgeweiteten Geheimdienst- und Strafverfolgungsaktivitäten in dem Land. Dabei greifen die USA laut "New York Times" auf Methoden zurück, "die vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen wären" - etwa den Einsatz unbemannter Drohnen.
"Die Mexikaner agieren nach dem Motto: Wir wissen, dass es geschieht, obwohl es nicht passieren soll", zitiert die "New York Times" einen Experten des Think-Tanks Woodrow Wilson Center. "Das macht die Sache so schwierig. Die Vereinigten Staaten benutzen in einem Land Mittel, die den Offiziellen dort nicht geheuer sind."
Dem Bericht der "New York Times" zufolge zeigen die verstärkten verdeckten Aktivitäten Erfolge: Dank der Tippgeber seien etwa zwei Dutzend Drogenschmuggler oberer und mittlerer Hierarchieebenen gefasst worden. Beim verhinderten Attentat auf den saudi-arabischen Botschafter in den USA, das laut der US-Regierung von Iran in Auftrag gegeben und von mexikanischen Drogenkartellen ausgeführt werden sollte, hätten Informanten Hinweise gegeben. Ein Iraner mit amerikanischen Pass flog demnach Ende Mai erstmals nach Mexiko, wo er sich mit einem Mann traf, den er für den Vertreter eines Drogenkartells hielt. In Wahrheit soll es sich um einen DEA-Informanten gehandelt haben.
Gegenüber der "New York Times" gaben Beamte zu, dass kaum jemand aus moralischer Überzeugung Informant wird. In vielen Fällen seien die Tippgeber Drogenschmuggler, die für ihre Hinweise letztlich bestochen werden müssen oder mit ihrer Kooperation eine mildere Strafe erreichen wollen.
Viele Waffen in Mexikos Drogenkrieg stammen aus den USA
Nicht nur deshalb sind die Aktivitäten im Nachbarland für die USA politisch heikel. Offiziell kämpft die US-Regierung Seite an Seite mit Mexikos Führung. Doch insgeheim trauen sich die vermeintlichen Partner nicht.
In Mexiko deuten Regierungskritiker das US-Engagement als Eingriff in die Souveränität des Landes. Gleichzeitig gibt es Stimmen, die über unzureichende Unterstützung durch die USA klagen - zumal das Nachbarland laut "Time Magazine" den Drogenkartellen einen Absatzmarkt von 30 Milliarden Dollar jährlich bietet. Auch in den USA selbst gibt es Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Vorgehens, die eigenen Behörden und Streitkräfte in mexikanische Angelegenheiten zu verstricken.
Zumindest dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Rick Perry sind solche Skrupel fremd. Er sagte Anfang Oktober auf einer Wahlkampfveranstaltung, er könne sich vorstellen, US-Militär im mexikanischen Drogenkrieg einzusetzen.
Ein wirksames und unproblematischeres Mittel könnte die stärkere Kontrolle der Grenze in Richtung Mexiko sein. Laut US-Rechnungshof GAO kamen mehr als 20.000 Waffen, die mexikanische Fahnder zwischen 2004 und 2008 bei Kriminellen einkassierten, aus den USA. Das sind 87 Prozent aller Waffen, deren Herkunft die Ermittler zuordnen konnten. Etwa 68 Prozent seien in Amerika hergestellt, rund 19 Prozent aus Drittländern über die USA nach Mexiko geschmuggelt worden.
ulz
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