Getötetes Mädchen in Kandel "Nationalität ist eine politische Kategorie. Die macht niemanden zum Kriminellen"

Ein Jugendlicher aus Afghanistan ersticht seine deutsche Ex-Freundin: Der Fall aus Rheinland-Pfalz befeuert eine Debatte über Gewalt durch Flüchtlinge. Im Interview warnt ein Experte vor pauschalisierenden Verurteilungen.

Blumen und Kerzen am Tatort
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Blumen und Kerzen am Tatort

Ein Interview von


Kandel in Rheinland-Pfalz ist Schauplatz eines Verbrechens geworden, das für Aufsehen sorgt. Ein Asylbewerber aus Afghanistan sitzt in Untersuchungshaft. Ermittler sind sicher, dass er in einer Drogerie in Kandel seine 15 Jahre alte Ex-Freundin erstochen hat. Das Mädchen hatte sich Anfang Dezember von dem Jugendlichen getrennt. Daraufhin soll er aufdringlich geworden sein. Die Eltern des getöteten Mädchens zeigten ihn wegen Beleidigung, Bedrohung und Nötigung ihrer Tochter an. Der Jugendliche schweigt nach Angaben der Staatsanwaltschaft zu den Vorwürfen. Ermittler vermuten eine Beziehungstat.

Sollte der Tatverdächtige verurteilt werden, müsste er nach Angaben des rheinland-pfälzischen Justizministeriums mit Haft in Deutschland rechnen - unabhängig von seinem aufenthaltsrechtlichen Status. Selbst wenn er ausreisepflichtig wäre, hätte der Strafanspruch des deutschen Staates Vorrang. Der Verurteilte würde dann aus der Haft heraus abgeschoben.

Der Fall hat absehbare Reaktionen hervorgerufen. Volker Poß, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Kandel, warnte vor pauschalen Forderungen nach einem härteren Umgang mit Flüchtlingen und vor Hass: "Fremdenfeindliche Parolen in die Welt zu setzen, ist im Moment der falsche Weg", sagte Poß im Südwestrundfunk.

Ihm seien dazu vereinzelte Mails und Wortmeldungen "in einer für mich beschämenden Art und Weise" zugegangen, sagte Poß. "Da ist von Politikerversagen die Rede, da werden Abschiebungen gefordert, da werden Konsequenzen in Bezug auf den Umgang mit unseren Flüchtlingen eingefordert." Poß rief zu Zurückhaltung, Sachlichkeit und Anteilnahme auf. Es sei zu früh um zu sagen, ob es Versäumnisse im Umgang mit dem Jugendlichen gegeben habe.

2016: 385 tatverdächtige Zuwanderer bei Straftaten gegen das Leben

Der Fall befeuert die Debatte über Kriminalität und Zuwanderung. Es ist allerdings schwierig, dazu verlässliche Aussagen zu treffen - selbst die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) stößt hier an ihre Grenzen.

Das Bundeskriminalamt (BKA) hat zu dem Thema für 2016 ein Bundeslagebild auf Basis der PKS und Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erstellt. Im Mittelpunkt stehen Fälle, in denen mindestens ein Zuwanderer als Tatverdächtiger ermittelt wurde. Unter "Zuwanderer" wurden Menschen mit dem Aufenthaltsstatus Asylbewerber, Duldung oder Kontingentflüchtling oder unerlaubter Aufenthalt subsumiert.

Ein umfassendes Bild ergibt sich daraus indes nicht: Tatverdächtige mit positivem Asylbescheid etwa sind nicht erfasst. Und nicht jedem Tatverdächtigen kann eine Straftat vor Gericht nachgewiesen werden. Zudem werden als "Zuwanderer" auch Leute erfasst, die von außerhalb der EU überhaupt nur nach Deutschland kommen, um hier Straftaten zu begehen - grenzüberschreitende Einbrecherbanden etwa.

Dem Bundeslagebild zufolge gab es 2016 in Deutschland 2969 aufgeklärte Straftaten gegen das Leben, etwa Mord, Totschlag und fahrlässige Tötung. Bei 385 - also in 13 Prozent der Fälle - gab es mindestens einen tatverdächtigen Zuwanderer. 53 dieser Straftaten waren vollendete Tötungsdelikte. Die Tatverdächtigen waren nahezu ausnahmslos männlich und mehrheitlich jünger als 30 Jahre. Afghanen stellten zehn Prozent (17.466 Personen) der tatverdächtigen Zuwanderer, machten aber 14,3 Prozent der 2015/16 registrierten Asylsuchenden aus.

Das BKA konstatiert bei den Straftaten gegen das Leben, bei denen mindestens ein Zuwanderer tatverdächtig war, von 2015 zu 2016 eine Steigerung von 65 Prozent. Die Kriminalisten weisen darauf hin, dass gestiegene Fallzahlen auch eine Folge der starken Zuwanderung in den Jahren 2015 und 2016 seien: mehr Menschen - mehr Gewalt.

Das BKA schreibt aber auch, dass 31 Prozent der tatverdächtigen Zuwanderer mehr als eine Straftat beging - und dass diese Gruppe für mehr als zwei Drittel aller durch Zuwanderer begangenen Straftaten verantwortlich war. Und: "Festzustellen ist, dass der weit überwiegende Teil der seit Anfang des Jahres 2015 nach Deutschland gekommenen Zuwanderer weiterhin keine Straftaten begeht."


Was lässt sich über die Straffälligkeit von Zuwanderern sagen? Spielt die Nationalität eine Rolle? Fragen an Dominic Kudlacek, stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen.

SPIEGEL ONLINE: Die Tat in Kandel hat die Diskussion über Gewalt durch Flüchtlinge befeuert. Lässt sich dazu pauschal überhaupt etwas sagen?

Kudlacek: Nein. Allerdings ist klar, dass prekäre Verhältnisse das Hineingleiten oder Abrutschen in delinquentes Verhalten begünstigen. Viele Menschen, die im Zuge der Flüchtlingskrise nach Europa gekommen sind, befinden sich in einer prekären Lebenssituation. Dies ist jedoch unabhängig von der Herkunft oder der ethnischen Zugehörigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Besonders junge männliche Flüchtlinge stehen im Fokus der Debatte.

Kudlacek: Es gibt viele verlässliche Daten, die zeigen, dass Kriminalität eher von jungen Menschen begangen wird als von älteren Menschen. Zudem begehen Männer deutlich häufiger Straftaten als Frauen. Und im Zuge der Flüchtlingskrise sind nun mal überproportional viele junge Männer nach Europa gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Überrascht es Sie, dass die Gruppe der jungen Flüchtlinge häufiger auffällt?

Kudlacek: Nein. Wenn diese Gruppe statistisch nicht auffallen würde, wären fast alle Befunde der kriminologischen Forschung der letzten Jahrzehnte obsolet. Wären junge Deutsche in einer vergleichbaren Situation, würden sie auch häufiger kriminell werden.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Delinquenz etwas mit der Nationalität zu tun?

Kudlacek: Nein. Nationalität ist eine politische Kategorie. Die macht niemanden zum Kriminellen. Aber mit Migration geht zuweilen ein Konglomerat von Faktoren einher, die Delinquenz begünstigen können.

SPIEGEL ONLINE: Um welche Faktoren geht es?

Kudlacek: Alter und Geschlecht habe ich schon erwähnt. Dann der Wohnort: Diese Gruppe will im urbanen Raum leben. Und dort, in der Anonymität der Großstadt, gibt es generell weniger soziale Kontrolle als auf dem Land. Auch Bildung ist ein Faktor: Ohne findet man keine gute Arbeit, Perspektivlosigkeit ist die Folge. Der mutmaßliche Täter in Kandel ist nach bisherigem Kenntnisstand 15 Jahre alt. Es lässt sich kaum aufholen, dass ihm über Jahre nicht die Schuldbildung zuteil wurde, die in Deutschland üblich ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist bei dieser Gruppe eine adäquate Betreuung hierzulande?

Kudlacek: Extrem wichtig. Die Betreuer geben sich meist sehr viel Mühe, sind überaus engagiert. Aber die Ressourcen sind einfach endlich. Man muss viel stärker auf diese Jugendlichen aufpassen, die Betreuung müsste viel engmaschiger sein. Abweichungen müssen Konsequenzen nach sich ziehen. Und leider neigt die Peergroup häufig auch zur Delinquenz. Diese Jugendlichen sind ja meist nicht mit jungen Deutschen unterwegs, die gerade ihr Abitur machen.

SPIEGEL ONLINE: Es werden nun Stimmen nach mehr und schnelleren Abschiebungen laut.

Kudlacek: Viele der Menschen haben nicht die Möglichkeit, gesichtswahrend zurückzukehren. Die Familien sind oft in große Vorleistung getreten, haben Geld zusammengebracht, um die Flucht zu ermöglichen. Die Flüchtlinge sollen dann die Familie zu Hause unterstützen. Wenn hier dann klar wird, dass man ohne Bildung keinen guten Job kriegt, wächst der Frust. Es gibt teilweise lediglich 500 Euro Rückkehrprämie für Menschen, die freiwillig zurückgehen. Eine Zwangsrückführung kann bis zu 14.000 Euro kosten. Aus kriminologischer Sicht wäre eine höhere Prämie sinnvoll, damit die Leute gesichtswahrend zurückkehren und sich dort etwas aufbauen können, da viele hier nur schlechte Perspektiven haben. Das mag politisch schwer durchsetzbar sein, wäre aber sinnvoll und würde im Endeffekt sicherlich eher Geld sparen.

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