Urteil im Mordfall Kandel Der Staat hat Recht gesprochen, nicht Rache

Acht Jahre und sechs Monate Gefängnis - im Mordfall Kandel ist der Täter Abdul D. nach Jugendstrafrecht verurteilt worden. Sein Verteidiger spricht von einem sehr belastenden Verfahren.

Journalisten umringen Maximilian Endler, Anwalt von Abdul D., vor dem Landgericht Landau
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Journalisten umringen Maximilian Endler, Anwalt von Abdul D., vor dem Landgericht Landau

Von , Landau


Das Landgericht in Landau wird an diesem Vormittag von Journalisten förmlich belagert, sogar auf der Verkehrsinsel gegenüber sind Kameras aufgebaut. Entsprechend wuchtig ist auch die Präsenz der Polizei vor der Treppe zum Portal, an den Nebeneingängen, in den Seitenstraßen. Drinnen begründet der Richter gerade sein Urteil gegen den jungen Afghanen Abdul D.

Acht Jahre und sechs Monate muss D. ins Gefängnis - wegen der Ermordung seiner 15-jährigen Ex-Freundin Mia. Der Staat hat Recht gesprochen, nicht Rache.

Vielleicht ist es deswegen so ruhig in der ohnehin verschlafenen Stadt in Rheinland-Pfalz. Ruhiger jedenfalls als im benachbarten Kandel, wo die Tat im Dezember 2017 stattfand und seitdem immer wieder rechte Bündnisse unter dem Motto "Kandel ist überall" einen besseren Schutz vor gewaltbereiten Migranten forderten - freilich in einem Ton und Habitus, der als Blaupause für die Ereignisse von Chemnitz gelesen werden muss. Teilweise waren bis zu 3000 Menschen auf der Straße.

"Froh, dass es vorbei ist"

Zuletzt protestierten am Samstag noch 250 Demonstranten in Kandel gegen "die Folgen der illegalen Massenmigration". Ihnen stellte sich ein zivilgesellschaftliches Bündnis entgegen, Motto: "Wer schweigt, stimmt zu - dem Rechtsruck entgegen". Der Bürgermeister von Kandel, Volker Poß von der SPD, rechnet mit weiteren Kundgebungen der "rechten Szene" bis ins kommende Jahr hinein. Von interessierter Seite wird Kandel als Fanal inszeniert und instrumentalisiert, längst auch andernorts.

Am Tag der Urteilsverkündung selbst aber finden keine Demonstrationen statt. Unter die wartenden Medienvertreter haben sich nur wenige Anwohner und Neugierige gemischt, die ihre Besorgnis gerne in jeden Block diktieren. Manche äußern Erleichterung über das Urteil ("Ich bin froh, dass das vorbei ist!"), andere hätten sich eine härtere Strafe gewünscht.

Unterdessen tritt der Strafverteidiger Maximilian Endler vor die Presse und bezeichnet das Urteil als "angemessen". Sein Mandant Abdul D. werde es akzeptieren und von weiteren Rechtsmitteln keinen Gebrauch machen.

Das genaue Alter von Abdul D. war nicht zu ermitteln, was zu einer Debatte über präzise und verlässliche Methoden der Altersfeststellung geführt hat.

Im Video: Minderjährige Flüchtlinge? Die fatale Alterslüge

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Als Abdul D. 2016 aus Afghanistan nach Deutschland kam, hatte er sein Alter mit 14 Jahren angegeben. Gutachter schätzten ihn auf mindestens 17,5 Jahre, wahrscheinlich sei er etwa 20. Nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" wurde der Angeklagte nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Die Staatsanwaltschaft forderte wegen Mordes und Körperverletzung aus dem niederen Beweggrund der Eifersucht eine Höchststrafe von zehn Jahren. Mia hatte sich zum Tatzeitpunkt von Abdul D. getrennt, ihr Vater hatte bereits Anzeige wegen Stalking erstattet.

Die Verteidigung plädierte auf eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten wegen Totschlags. Dem Angeklagten war als mildernder Umstand zugute gehalten worden, dass er gestanden und Reue gezeigt habe. Verteidiger Endler fand "das Verfahren sehr belastend. Worüber wir darin verhandelt haben, das sprengt die Vorstellungskraft."

Ob Staatsanwaltschaft oder Nebenkläger in Revision gehen werden, steht noch nicht fest. Bei einer abschließenden Pressekonferenz zeigte sich ein Sprecher im Verhandlungssaal eher zugeknöpft. Es sei dem Gericht darum gegangen, dass die Öffentlichkeit wenigstens mal "hier den Saal sehen" könne - der komplette Prozess hatte wegen der angenommenen Jugend des Angeklagten "zwingend" unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden.

Verbüßen wird Abdul D. seine Strafe voraussichtlich in der Justizvollzugsanstalt Speyer. Mit näheren Angaben konnte der Sprecher nicht dienen, das fiele nicht in die Zuständigkeit des Landgerichts: "Das gilt auch für die Frage der Abschiebung. Damit haben wir nichts zu tun".

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