Prozessauftakt im Mordfall Kandel "Das ist auch ein Stück Leitkultur"

In Landau hat unter massivem Polizeischutz der Prozess im Mordfall Kandel begonnen. Im Gegensatz zu den Debatten im Internet bleibt es vor Ort ruhig - was auch an der guten Arbeit des Rechtsstaats liegt.

Landgericht Landau
DPA

Landgericht Landau

Von , Landau


Wo immer die Hölle los ist, da ist auch an diesem Tag die Hölle los. Im Internet überschlagen sich die Kommentare. Der afghanische "Merkelgast" möge doch bitte "lebenslänglich im Knast verrotten, auch wenn er erst 13, 14 oder 15 Jahre alt ist" und dabei "entsprechend behandelt" und also verprügelt werden, wie es schon geschehen ist. Die Kanzlerin gehöre wegen "hunderttausendfachem Rechtsbruch" vor Gericht, der Islam nicht zu Deutschland und überhaupt ist alles "ÄTZEND". Man könnte meinen, der Bürgerkrieg wäre bereits ausgebrochen.

Vor Ort aber, in der echten Welt an diesem Montag - fast gar nichts. Nicht im südpfälzischen Kandel, wo am 27. Dezember in einem Drogeriemarkt die 15-jährige Mia offenbar aus Eifersucht erstochen worden ist und seitdem monatlich regelmäßig Rechtspopulisten ihre Aufmärsche organisieren.

Nicht einmal im nur wenige Kilometer entfernten Landau, wo Mias mutmaßlichem Mörder, dem afghanischen Asylbewerber Abdul D., der Prozess gemacht wird. Kaum mahlen die Mühlen, ist für politische Instrumentalisierung kein Platz mehr.

Dabei haben die Behörden mit dem Schlimmsten gerechnet. Die Straßen rings um das Landgericht sind abgesperrt, Polizei patrouilliert. Die Einlasskontrollen sind streng. Ein Spezialkommando hält sich in Bereitschaft, falls sie auch hier losbrechen sollte, die Hölle.

Nur ein Anwohner mit seinem Dackel

Die einzige Zusammenrottung vor der Freitreppe zum Gericht aber besteht aus Journalisten. Jeder Passant wird scharf ins Auge gefasst, ob's vielleicht ein Wutbürger ist. Aber: nur ein weiterer Anwohner, der seinen Dackel spazieren führt. Kameraleute hocken apathisch im Schatten und putzen ihre Objektive, Redakteurinnen telefonieren mit ihren Redaktionen. Nein, es gibt nichts zu berichten.

Die Öffentlichkeit ist von allen 13 Verhandlungstagen bis zum voraussichtlichen Urteil am 29. August ausgeschlossen. Wegen der großen Nachfrage gibt es am Morgen lediglich eine Pressekonferenz, auf der zwei Sprecher vor etwa 40 Journalisten verbreiten, was bereits bekannt ist. Beanstandet wird die "Prangerwirkung" der medialen Berichterstattung, "der Erziehungsgedanke steht im Vordergrund".

Ja, Abdul D. galt zum Zeitpunkt der Tat als minderjährig, weshalb das mildere Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen soll. Nein, das Alter ist nicht zweifelsfrei festgestellt, weshalb ein psychiatrischer Gutachter auch die Verhandlung begleitet - geschätzt wurde D. auf 17 bis 21 Jahre, gesichert ist nichts. Laut den Gerichtssprechern kann der Prozess auch neu aufgerollt werden, sollte sich herausstellen, dass Abdul D. älter als 18 ist. Und dann würde womöglich auch öffentlich verhandelt.

Nun hat der Prozess hinter zugezogenen Vorhängen begonnen. Es sollte ein voller Tag werden, mit Verlesung der Anklage und dem Hören von Zeugen und Sachverständigen. Auch der Angeklagte wollte sich, dem Vernehmen nach, zur Sache äußern. Zwei Frauen lassen sich mit einem selbstgemalten Schild ("SEK-Schutz für Mias Mörder. Wer schützt unsere Kinder?") fotografieren und ziehen wieder ab.

Irgendwann tritt Maximilian Endler vor die Presse. Der Strafverteidiger von Abdul D. erläutert, warum er eine Unterbrechung der Verhandlung bewirkt hat. Der Dolmetscher sei zunächst mit einstündiger Verspätung erschienen und anschließend nicht eben enthusiastisch bei der Sache gewesen.

Dreimal habe Endler ihn erfolglos aufgefordert, auch Formalitäten für seinen Mandanten zu dokumentieren: "Und dann hat er von sich aus gesagt, dass er keine Lust mehr hat." Daraufhin beantragte Endler die Berufung eines anderen Dolmetschers, der die afghanische Sprache Dari beherrscht.

"Entsetzliches Verbrechen"

Im Saal selbst sei es leer, so Endler, bis auf die direkten Beteiligten. Richter, Schöffen, Anwälte, die Eltern des Opfers und deren psychologische Betreuer. Der Angeklagte selbst "fühlt sich schlecht, auch weil er sich mit seiner Tat auseinandergesetzt hat". Endler bestätigt, dass es in der JVA Schifferstadt zu Übergriffen auf seinen Mandanten gekommen ist. Fragen zum Alter kann auch Endler nicht beantworten, hält aber das Gutachten für "angreifbar".

Die Ermittler gehen davon aus, dass D. das Mädchen bestrafen wollte, weil es sich von ihm getrennt hatte. Während die Staatsanwaltschaft Abdul D. konkret zur Last legt, "aus übersteigerter Eifersucht und Rache aufgrund seiner kulturellen Herkunft" gehandelt zu haben, sagt Endler, die kulturell bedingte "Sicht auf Frauen" sei im Gespräch mit seinem Mandanten kein Thema gewesen.

Anfeindungen von rechter Seite, sagt Endler, sei er - anders als die Eltern des Opfers - nicht ausgesetzt. Für seinen verzögernden Antrag auf Austausch des Dolmetschers habe er bei den Eltern, die auch Nebenkläger sind, um Verständnis geworben. Es gehe um ein "entsetzliches Verbrechen". Unabhängig davon dürfe der Angeklagte "ein faires Verfahren" erwarten, so Endler. "Das ist auch ein Stück Leitkultur."

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.