Prozess gegen Kurienkardinal Pell Aus dem Vatikan auf die Anklagebank

George Pell wurde einst als Papst gehandelt, nun steht er wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht - als bisher ranghöchster katholischer Geistlicher. Was wird ihm vorgeworfen? Und wie reagiert der Vatikan?

George Pell 2008 beim Weltjugendtag in Sydney
REUTERS

George Pell 2008 beim Weltjugendtag in Sydney

Von , Sydney


Als der Kurienkardinal das Gerichtsgebäude in Melbourne verlässt, bewachen ihn rund zwei Dutzend Polizisten. Demonstranten halten Schilder, auf denen er mit Teufelshörnern zu sehen ist, auf anderen Plakaten steht: "Kindesmissbrauch ist ein Verbrechen".

Kardinal George Pell, 76, wird sich in einem Hauptverfahren wegen Missbrauchsvorwürfen verantworten müssen. Das hat am Dienstag Richterin Belinda Wallington entschieden. Es gebe genügend Anhaltspunkte, die einen solchen Schritt rechtfertigten, zu diesem Schluss kam sie nach einer wochenlangen Vorverhandlung.

Damit steht der bisher ranghöchste Vertreter der katholischen Kirche vor Gericht. Was genau wird Pell vorgeworfen? Und wie geht es nun weiter?

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Pell am Gericht in Melbourne, umringt von Polizei und Presse
DPA

Pell am Gericht in Melbourne, umringt von Polizei und Presse

Wer ist George Pell?

Seit Jahrzehnten hat George Pell ranghohe Ämter in der katholischen Kirche inne. 2014 ernannte Papst Franziskus ihn zum Finanzchef des Vatikans, Pell stand damit in der Hierarchie des Kirchenstaates auf Platz drei. Er ist zudem der ranghöchste katholische Geistliche Australiens und galt früher selbst als möglicher Papst.

Pell kam 1941 im australischen Ballarat auf die Welt, er wuchs in der Stadt im Nordwesten von Melbourne auf. 1966 wurde er zum Priester geweiht und 1987 zum Bischof. Ab 1996 war er Erzbischof von Melbourne, im selben Jahr gründete er die "Melbourne Response" zur Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen in der katholischen Kirche. 2001 wurde Pell zum Erzbischof von Sydney ernannt.

Im vergangenen Juni wurde Pell in seiner Heimat wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt. Kurz darauf ließ er sich als Finanzchef im Vatikan beurlauben und kehrte nach Australien zurück, um sich den Vorwürfen zu stellen.

Was wird Pell vorgeworfen?

Die Justiz hat sich bislang nicht im Detail dazu geäußert, was Pell vorgeworfen wird. Offiziell heißt es nur, es gehe um länger zurückliegende Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs. Sie reichen zurück in die Zeit, in der Pell in seiner Heimatstadt Ballarat noch einfacher Priester (1976-1980) und später dann Erzbischof in Melbourne (1996-2001) war.

Medien in Australien ist es per Gesetz verboten, über Einzelheiten der Vorwürfe zu berichten (mehr dazu erfahren Sie bei der australischen Ausgabe der "New York Times"). Bekannt wurde aber zum Beispiel eine Beschwerde, wonach Pell 1978 im Kino von Ballarat einen Jungen belästigt haben soll, als sich die beiden angeblich den Steven-Spielberg-Klassiker "Unheimliche Begegnung der Dritten Art" zusammen anschauten. Andere Vorfälle sollen sich offenbar auf einem Spielplatz, auf einem Altar, in einem Schwimmbad und auf einem Berg zugetragen haben.

Richterin Belinda Wallington in Melbourne entschied allerdings, dass nur in etwa der Hälfte der Fälle eine Anklage zugelassen wird. Andere Vorwürfe werden aus unterschiedlichen Gründen nicht verfolgt, etwa weil sie Zeugen als nicht glaubwürdig einstufte.

Pell hat sämtliche Vorwürfe stets zurückgewiesen. Als er am Dienstag vor Gericht erschien, plädierte er offiziell auf nicht schuldig.

Gerichtszeichnung
DPA

Gerichtszeichnung

Wie geht es jetzt weiter?

Pell wird sich vor einem Geschworenengericht verantworten müssen. Am 2. Mai fand die erste Anhörung vor der zuständigen Richterin Sue Pullen statt, der Termin dauerte etwa 15 Minuten. Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung waren sich einig, den Prozess gegen Pell in zwei Verfahren aufzuteilen.

Pells Anwalt Robert Richter argumentierte, die Vorwürfe gegen seinen Mandanten seien "völlig unterschiedlicher Natur" und teilweise auch 20 Jahre voneinander getrennt. Deshalb sei es vernünftig, wenn es zwei Prozesse gebe. In dem einen soll es also um die Vorwürfe aus Pells Zeit als Priester in Ballarat gehen; in dem anderen um die aus den Neunzigerjahren, als er Erzbischof in Melbourne war.

Verteidigung und Anklage gehen davon aus, dass beide Prozesse zusammen zwischen acht und zehn Wochen dauern werden. Am 16. Mai soll es eine weitere Anhörung geben.

Was droht Pell?

Je nach Ausgang des Verfahrens droht Pell, seine Freiheit, seinen Ruf und seine Karriere zu verlieren. Von seinem Posten als Finanzchef des Kirchenstaats ist er weiterhin beurlaubt. Es gilt als äußerst unwahrscheinlich, dass er das Amt wieder übernimmt. Derzeit ist Pell auf Kaution frei. Er musste aber seinen Reisepass abgeben und darf Australien nicht verlassen. Als Grund wurde Fluchtgefahr genannt.

Wie reagiert der Vatikan?

Der Vatikan zog zunächst keine weiteren personellen Konsequenzen. In einer Mitteilung von Sprecher Greg Burke heißt es: Vergangenes Jahr habe der Papst Pell als Finanzchef des Vatikans "eine Beurlaubung gewährt, damit er sich gegen die Vorwürfe verteidigen kann. Die Beurlaubung gilt weiterhin".

Mit Material der Agenturen

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