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Vorwurf der Vergewaltigung: Freispruch für Karl Dall

Aus Zürich berichtet

Karl Dall: Es werde immer etwas "kleben bleiben" Zur Großansicht
DPA

Karl Dall: Es werde immer etwas "kleben bleiben"

Noch einmal musste sich Karl Dall den Ereignissen einer unangenehmen Hotelnacht in Zürich stellen - am Ende ging es gut für den Komiker aus. Das Gericht sprach ihn vom Vorwurf der Vergewaltigung und versuchten Nötigung frei.

Karl Dall steht leicht gebückt am hölzernen Pult im Saal 31 des Züricher Bezirksgerichts, zum braunen Sakko trägt er eine schwarze Hose, weißes Hemd und Wildlederschuhe. Als "bekannter deutscher Showstar" stellt sich der Comedian vor, aber seine Entertainerqualitäten sind an diesem Dienstag kaum gefragt.

Ob er Medikamente nehme, fragt ihn Richter Roger Weber zu Beginn des Prozesses, in dem sich der 73-Jährige wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung und versuchten Nötigung verantworten muss. "Ja, ziemlich viele", entgegnet Karl Dall, bis zu zehn Pillen täglich. Die Hälfte habe er heute schon genommen, fügt er hinzu und lächelt. Es ist einer der wenigen Momente, in denen eine Gefühlsregung in seinem Gesicht auszumachen ist. Die meiste Zeit des mehr als elfstündigen Prozesses schaut der gebürtige Emdener in Akten, die vor ihm auf dem Tisch liegen.

Auch als Richter Weber das Urteil spricht, verzieht Dall keine Miene: Das Gericht weist den Vorwurf der Vergewaltigung und versuchten Nötigung zurück. Die Beweislage reiche "bei Weitem" nicht für eine Verurteilung, es gebe "viele Ungereimtheiten" in der Darstellung der Schweizer Journalistin.

"Alle Register gezogen"

Es werde immer etwas "kleben bleiben", hatte Dall Wochen vor dem Prozess gesagt. Sollte er damit Recht behalten, wird sich der 73-Jährige die Frage stellen müssen, ob er daran selbst einen gewissen Anteil hat. Dalls Ausführungen seien deutlich besser als die der Klägerin, sagt Richter Weber, aber auch sie seien "nicht frei von Fantasiesignalen".

Er habe Anja Maria S. nicht vergewaltigt und auch keinen Geschlechtsverkehr mit ihr gehabt, beteuert Dall am Dienstag. Warum aber sagte er auf Tonbandaufnahmen, die die Frau bei dem Treffen mit Dall heimlich machte, dass die Schweizerin eine "Granate im Bett" sei? Warum erzählte er ihr, dass der Geschlechtsverkehr mit ihr für ihn ein "sehr angenehmes Empfinden" gewesen sei? "Du warst mein erster Rückfall", sagte Dall auf den im Gerichtssaal wörtlich zitierten Aufnahmen, eigentlich habe er nach einer Prostata-Operation mit gewissen Sachen abgeschlossen gehabt.

Dalls Begründung: Er habe in jener Nacht vom 5. auf den 6. September 2013 in der Suite des Renaissance Zürich Tower Hotel gemerkt, dass die Frau "auf Schmeicheleien besonders angesprungen ist". Er habe "alle Register gezogen, um diese Frau loszuwerden". Zwar habe er sie zunächst in der Nacht mit auf sein Zimmer genommen, so Dall. Er habe dies aber nur getan, weil sie nach einem gemeinsamen Ausflug zu einem Casino sehr müde gewesen sei und ihm versichert habe, dass sie noch im Lauf der Nacht von einem Kollegen abgeholt werde.

Ihm sei dann schnell klar geworden, dass diese Einladung ein Fehler gewesen sei. Von "penetranter Zudringlichkeit" der Schweizerin spricht Dall vor Gericht. Die Frau habe ihm signalisiert, "den Rest des Lebens" mit ihm verbringen zu wollen. Ihm sei es deshalb nur noch darum gegangen, dass der Gast das Zimmer verlässt.

"Erotomane Wahnsymptomatik"

Einen E-Mail-Austausch mit der Frau, in dem er ihr am 26. August 2013 dem Gericht zufolge schrieb, dass er nach ihren "ersten geilen Nachrichten" onaniert habe, hat Dall nach eigenen Angaben zum Zeitpunkt des Treffens im Hotel längst gelöscht. Irgendwann sei dieser Austausch für ihn "ätzend" gewesen, sagt Dall, der seit 43 Jahren verheiratet ist. "Kinderkram" nennt er die Mails heute. Die Initiative der schlüpfrigen Nachrichten sei allein von Anja Maria S. ausgegangen, so Dall. Die Frau behauptet das Gegenteil.

Für die Journalistin sind die Stunden im Gerichtssaal mindestens so unangenehm wie für Dall. Die Sitzung muss sogar ein Mal unterbrochen werden, weil die 43-Jährige in Tränen ausbricht. Vor den Zuhörern im zwischenzeitlich voll besetzten Saal wird eine unangenehme Vorgeschichte der Frau ausgebreitet: Wie sie sich eine Vorstrafe einhandelte, weil sie einst einen Schweizer Politiker mit Anrufen und SMS bedrängte und ihm sexuelle Nötigung vorwarf. Wie ein psychiatrisches Gutachten vor Jahren zu dem Ergebnis kam, die Frau leide unter einer "obsessionellen Zwangssymptomatik" - auch von einer "erotomanen Wahnsymptomatik" ist demnach in dem Gutachten die Rede.

Und dann ist da noch die Episode mit Udo Jürgens. Der Sänger räumte gegenüber der Polizei einst ein, zwei Mal intimen Kontakt mit Anja Maria S. gehabt zu haben. Dann sei die Frau für ihn aber zur "Hölle auf Erden" geworden. Von ständigen Anrufen der Frau berichtete Jürgens demnach den Beamten - und von ihrer angeblichen Drohung, sich auf einem seiner Konzerte zu erschießen. "Ich hatte viele verrückte Fans, aber sie hat alles geschlagen", lautet ein Satz von Jürgens, den Richter Weber zitiert. Sie habe Udo Jürgens nie belästigt, sagt Anja Maria S. vor Gericht, sie sei auch keine Stalkerin.

"Krank vor lauter Liebeskummer"

Die Vorgeschichte der Klägerin sei kein Grund, ihre Vorwürfe gegen Dall für "eine Novelle oder ein Märchen" zu halten, sagt Staatsanwalt Edwin Lüscher. Er hält Dall für schuldig und forderte zwei Jahre auf Bewährung für den Comedian wegen Vergewaltigung und versuchter Nötigung.

Die Beweislage in dem Prozess: mehr als schwierig. Es stand Aussage gegen Aussage, es gab keine Zeugen. Die Wäsche, die die Frau in der besagten Nacht trug, wusch sie anschließend. Ein Umstand, der die Beweisführung nicht unbedingt erleichtere, sagt Richter Weber zu Anja Maria S. Die Frau bleibt vor Gericht bei ihrer Version: Dall habe sich in der fraglichen Nacht in dem Hotelzimmer mit den Worten "Ich will dich jetzt ficken" auf sie gelegt und vergewaltigt. Wie "ein Tier" sei Dall damals plötzlich gewesen. Später habe er sie zu nötigen versucht, die Sache nicht öffentlich zu machen.

In einer SMS an einen Kollegen hatte Anja Maria S. vor ihrem Treffen mit Dall geschrieben, sie könne sich Sex mit dem Comedian vorstellen. Sie sei "krank vor lauter Liebeskummer", schrieb sie bei anderer Gelegenheit.

Es spreche alles dafür, dass sich die Frau in Dall verliebt habe und dann enttäuscht gewesen sei, dass es nicht so lief, wie sie es sich wünschte, bilanzierte der Richter. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, ein Berufung ist möglich. Anja Maria S. nimmt den Richterspruch am Dienstag reglos hin.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Na Gott sei Dank
schlagerparade 09.12.2014
mehr ist da nicht zu zu sagen.
2. Nein, nicht erster Klasse!
caruso2 09.12.2014
Es ist kein Freispruch erster Klasse. Ein Freispruch erster Klasse ist es, wenn die Frauen die solche hanebüchenen Vorwürfe Monate nach der "Tat" erheben, zur Verantwortung gezogen würden. Da dies selten der Fall ist, weil die falsche Beschuldigung schwer zu beweisen ist und weil für Männer eine Kollektivschuld in Sachen Gewalt und Vergewaltigung gilt, wird es kaum einen Freispruch erster Klasse für einen Mann in Sachen Vergewaltigung geben. Daher sollten solche Klagen gar nicht mehr zugelassen werden, wenn sie so lange her sind und es keine echten Beweise mehr gibt, z. B. Spermaspuren etc.
3. seit 1943 verheiratet
Mario V. 09.12.2014
Nicht schlecht für jemanden, der erst 1941 geboren wurde. Ansonsten hört sich die Vergewaltigungsstory nicht sehr glaubwürdig an. Was genau passiert ist, werden aber wohl kaum mehr als die zwei beteiligten Personen wissen bzw. erfahren.
4. der Hohn in diesem Wahnprozess
der_meier 09.12.2014
ist das Verhalten des Staatsanwalts, dem öffentlichen Ankläger. Wie er bei solch einer Beweislage überhaupt Anklage erhebt und damit Gefahr läuft, einen offenkundig völlig Unschuldigen zu beschädigen. Der Mann gehört auf die Anklagebank. Verantwortungslosigkeit allererster Klasse. Amtsmissbrauch?
5. Freispruch erster Klasse?
kimchi 09.12.2014
Auch wenn die Strafprozessordnung keine unterschiedlichen Freisprüche kennt, inoffiziell wäre ein Freispruch aus Mangel an Beweisen zumindest in Deutschland ein Freispruch zweiter Klasse. Man kann nur hoffen, dass die Überschrift die rechtliche Situation in der Schweiz kennzeichnet, sonst wäre es peinliche Praktikantenqualität, die der Spiegel hier abliefert.
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