Mord an 15-Jähriger Eltern verteidigen tödlichen Säureanschlag auf Tochter

In Kaschmir übergießt eine Frau ihre 15-jährige Tochter mit Säure - weil diese einen Jungen angeschaut hat. Das Mädchen stirbt unter Qualen, die Eltern zeigen keine Reue: "Ich habe ihr vorher gesagt, dass sie das nicht tun soll", sagt der Vater.

Von , Islamabad


Da stehen sie, die Eltern der 15-jährigen Anusha, Mohammed und Zaheen Zafar, in zwei benachbarten Zellen im pakistanischen Kaschmir und schauen unbewegt in die Kamera des BBC-Reporters. Die Frau trägt ein locker um den Kopf geschlungenes Tuch und einen orangefarbenen Sari, sie hält die Hände über dem Bauch verschränkt.

"Es war ihr Schicksal, auf diese Weise zu sterben", rechtfertigt die Inhaftierte ihre grausame Tat in einem Interview, das der britische Sender am Montag ausstrahlte. In der vergangenen Woche erwischten die Eltern ihre Tochter, wie sie einem Jungen hinterherschaute. Der Vater zerrte das Mädchen ins Haus, schlug es. Dann übergossen die Eltern gemeinsam die eigene Tochter mit Säure.

Das Mädchen habe geschrien und gebettelt, beschreibt die Mutter ihre Tat: "Sie (Anusha) sagte: Ich habe es nicht mit Absicht getan, ich werde es nicht mehr tun.'" Doch die Eltern kennen keine Gnade. "Es war ihr Schicksal, auf diese Weise zu sterben." Der Vater sagt im Interview, eine ältere Tochter habe schon einmal den Ruf der Familie in Misskredit gebracht, daher habe er so heftig reagiert. Später versuchte er, sich einem Wachmann gegenüber zu rechtfertigen: "Ich konnte nichts tun, ich habe versucht, die Säure abzuwischen."

Der Vater beschreibt die Ereignisse vor dem ungeheuerlichen Mord so: "Da kam ein Junge auf einem Motorrad. Sie sah sich zweimal nach ihm um. Ich hatte ihr vorher schon gesagt, so etwas nicht zu tun. So etwas gehört sich nicht. Die Leute reden schon über uns."

Nur weil sie sich also nach einem Jungen umschaute, muss Anusha sterben. Einen Tag lang lassen die Eltern sie im Haus leiden. Erst dann bringen sie das Mädchen in ein Krankenhaus, wo sie in einem "sehr kritischen Zustand" aufgenommen wird, wie ein Arzt lokalen Journalisten sagt. Mehr als 60 Prozent ihres Körpers wurden verätzt. Kurz nach ihrer Einlieferung erliegt Anusha ihren schweren Verletzungen. Auch die Mutter erleidet Verbrennungen am Arm.

Gewalttaten gegen Frauen sind im streng muslimischen Pakistan keine Seltenheit. Immer wieder werden hier Frauen verbrannt, verstümmelt, verätzt und getötet. Der Dokumentarfilm "Saving Face" berichtet eindrucksvoll über das Schicksal von Säureanschlagsopfern in Pakistan - der Streifen wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.

Laut Angaben von Menschenrechtsaktivisten wurden im vergangenen Jahr 943 Frauen ermordet, weil sie nach Ansicht von Angehörigen oder abgelehnten Verehrern Schande über diese gebracht hatten. Die Zahl der Taten überstieg jene aus dem Jahr 2010 offiziell um 100 Fälle, tatsächlich dürfte sie aber noch sehr viel höher sein, da viele Taten aus Scham nicht zur Anzeige gebracht werden.

Der Fall sei ein klassisches Beispiel dafür, wie ein Familienstreit in schreckliche Gewalt ausarte, sagte Zohra Yusuf, Vorsitzende der pakistanischen Menschenrechtskommission HRCP, dem britischen "Guardian". Wirklich entsetzlich sei, dass keines der Familienmitglieder Mitleid oder Reue zeige. "Gerechtigkeit für Frauen ist sehr, sehr selten."

In Kaschmir sollen solche Übergriffe seltener sein als in anderen Teilen des Landes. Laut Polizei ereignete sich das Verbrechen in einem abgelegenen Dorf im Distrikt Kotli. In der Region sei es der erste "Ehrenmord" gewesen, hieß es. Die älteste Tochter der Familie hatte die Polizei informiert. Sie hatte Verdacht geschöpft, nachdem man ihr verboten hatte, vor der Beisetzung das Gesicht von Anusha zu sehen.

Erst im März hatte die Regierung des von Pakistan verwalteten Teils Kaschmir Säureattentate unter Strafe gestellt. Sie können mit lebenslanger Haft geahndet werden.

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