Urteil gegen Kemptener Chef-Drogenfahnder Späte Erkenntnis

Armin N. war Vorzeigepolizist, leitete das Rauschgiftdezernat. Doch dann begann er selbst, Drogen zu konsumieren. Schließlich schlug und vergewaltigte er seine Frau. Ein Gericht verurteilte ihn jetzt zu sechseinhalb Jahren Gefängnis und Entzug.

Ein Justizbeamter nimmt dem Ex-Drogenfahnder die Handschellen ab: sechseinhalb Jahre Haft
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Ein Justizbeamter nimmt dem Ex-Drogenfahnder die Handschellen ab: sechseinhalb Jahre Haft

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Auf dem Boden im Schlafzimmer lag ein 18 Zentimeter langes Küchenmesser, daneben Kissen und Decken, das Bett war zerwühlt, das Laken voller getrockneter Blutspuren, überall kleine Büschel schwarzer, langer Haare. Es war das Ende der letzten gemeinsamen Nacht des Ehepaares N. in seinem Haus in Moosbach-Sulzberg im Allgäu.

Während der Kriminaldauerdienst das Kampfgeschehen dokumentierte, saß der leitende Polizeibeamte Armin N. auf seiner Dienststelle, der Kriminalpolizeiinspektion Kempten. Allerdings nicht wie sonst als Leiter des Kommissariats 4, Rauschgiftdezernat, sondern als Tatverdächtiger. Er war betrunken und mit Schmerzmitteln und Kokain zugedröhnt. Seine Ehefrau lag zur selben Zeit im Krankenhaus, misshandelt, verängstigt, den Hals voller Würgemale.

Die Große Strafkammer des Landgerichts Kempten verurteilte nun den 53-jährigen Beamten zu einer Haftstrafe von sechseinhalb Jahren und ordnete an, dass er nach 15 Monaten Gefängnis in einer Entziehungsanstalt untergebracht wird. Der Vorsitzende Thorsten Thamm betonte in der Urteilsbegründung, dass die Kammer Armin N. vor allem die erhebliche Bruttomenge des Kokains sowie seine berufliche Stellung als Kriminalbeamter in leitender Funktion zu Lasten gelegt habe.

Was die gewalttätigen Übergriffe auf seine Ehefrau angeht, wertete das Gericht Armin N.s Geständnis zum Prozessauftakt sowie das bereits gezahlte Schmerzensgeld von 35.000 Euro, das im Rahmen eines sogenannten Täter-Opfer-Ausgleichs festgesetzt worden war.

Langersehnter Schlussstrich

Überraschenderweise hatte die Kammer die Öffentlichkeit vor der Urteilsverkündung doch zu den Plädoyers zugelassen, sie aber des Saales verwiesen, als es um den Vorwurf der Vergewaltigung ging. Richter Thamm sagte, diese Entscheidung sei schwierig gewesen und sprach von "Neuland". Laut Gesetz war ein Ausschluss zwingend.

Das Urteil war durch die Rechtsgespräche zuvor absehbar gewesen und dürfte für Armin N. der lang ersehnte Schlussstrich unter einem Lebensabschnitt sein, der ihn ruiniert hat. Oder wie es Armin N.s Verteidiger Wilhelm Seitz in seinem Schlussvortrag ausdrückte: "Er steht vor einem Scherbenhaufen."

Die Erkenntnis kam spät. 1993 wurde Armin N. Drogenfahnder, ein Jahr später fand er Gefallen an den verbotenen Substanzen seiner Klientel. 2007 lernte er seine zweite Ehefrau kennen. "Es war die intensivste Zeit meines Lebens", schrieb er ihr aus der Untersuchungshaft. In doppelter Hinsicht: Ab 2007 berauschte er sich regelmäßig, manchmal täglich mit Kokain, Alkohol und Medikamenten, wie er vor Gericht zugab. Im Rausch ging er auf seine Frau los, schlug sie, malträtierte sie. Zuletzt vergewaltigte er sie und drohte ihr, ihr "die Kehle durchzuschneiden".

Ausgerechnet Armin N., der Vollblut- und Vorzeigepolizist. Alle befragten Kollegen seien nach N.s Festnahme bestürzt gewesen, sagte die LKA-Beamtin, die im Fall N. die Hauptsachbearbeiterin war. Sie hätten betont, wie kompetent, angesehen und beliebt Armin N. gewesen sei. Dass er manchmal am Arbeitsplatz laut Techno-Musik hörte, dann wieder mit Klangschalen hantierte oder Entspannungsübungen am Schreibtisch machte, tat man als Marotte ab. Seine Ehefrau besuchte ihn ein-, zweimal pro Woche auf der Dienststelle. Hand in Hand schlenderten sie durch Kempten.

Drinnen und draußen

Der Mann, der seine Ehefrau in den eigenen vier Wänden in Todesangst versetzte und tief traumatisierte, hatte sich draußen immer im Griff. Selbst nach der Festnahme. "Ich traf auf einen Mann, der war sehr ruhig", erinnerte sich die LKA-Beamtin an die erste Vernehmung. Sie habe das Gefühl gehabt, er wolle sein Leben "aufräumen", und befürchtete, er wolle sich das Leben nehmen.

"Ich habe meinen Beruf und einiges mehr verloren", sagte Armin N. in seinem Geständnis vor Gericht. Wird das Urteil rechtskräftig, verliert er seine berufliche Existenz sowie die Pensionsansprüche. Noch wichtiger aber schien dem ehemaligen Polizeibeamten zu sein, dass er seine Strafe nicht in einer bayerischen Haftanstalt absitzen muss. Gleich zu Prozessbeginn hatte er darum gebeten. Zurzeit sitzt er in Baden-Württemberg ein.

Ungeklärt bleibt die Frage, woher Armin N. die 1,854 Kilogramm Kokain hatte, die in seinem Besitz gefunden wurden und von denen er sich jahrelang bediente. Oberstaatsanwalt Michael Hauck sagte in seinem Plädoyer, er halte Armin N.s Version für glaubhaft: Demnach will der Drogenfahnder das Rauschgift vor mehr als zehn Jahren für Schulungszwecke über die Staatsanwaltschaft Kempten aus der Asservatenkammer bezogen haben.

Das Urteil nahm Armin N. so auf, wie ihn eine Polizeiobermeisterin in der Tatnacht erlebt hatte - "sehr erhaben über die Situation, nicht ängstlich". Herr N. schien mit der Situation überhaupt nicht überfordert zu sein. "Er wirkte sehr gelassen."

insgesamt 31 Beiträge
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mikee81 09.02.2015
1. Hmm
Das ist ein armer Kerl, dem das Leben ganz schön den Bach runter ist. Obwohl er da komplett selber schuld ist. Man hat nicht in jeder Lebenslage die Wahl, beim Drogenkonsum hingegen hat man sie.
Arabidopsisthaliana 09.02.2015
2. 1,854 Kilogramm Kokain zu Schulungszwecken?
Über jedes Gramm Kokain muss in Deutschlands Behörden Buch geführt werden. Warum hat der Spiegel hier nicht nachgehakt-wenn der Richter die Ausführungen des Angeklagten glaubt, müsste der Zuständige für die Drogenausgabe (lässt sich in 5 Minuten in der Behörde ermitteln) zu 20 Jahrn Haft verurteilt werden.....
Justus Friedrich 09.02.2015
3. notwendige Konsequenz
Ich sehe hier keinen "Armen Kerl". Nüchtern betrachtet hat sich der Beamte ein durch Steuergelder finanziertes Doppelleben ermöglicht, zahlreiche "Arme Kerle" hinter Gitter gebracht (v.a. Jugendliche und Heranwachsende, die aufgrund vieler Ursachen schnell mal in das Mileu abrutschen). Seltsam ist nur, dass die Therapie erst nach 15 Monaten beginnen soll.
bambushaus 09.02.2015
4. Entzug
Erst Gefängnis, dann Entzug? Sollte das nicht anders herum laufen?
ein_stein 09.02.2015
5. Sehr schlechtes Urteil!
Bei Cannabis liegt die Grenze für Eigengebrauch bei wenigen Gramm, wohlgemerkt für ununiformierte Bürger! Der Typ aber hat 1,8 Kilo Kokain und das nennt day Gericht Eigengebrauch? Und dann misshandelt er auch noch seune Frau und sitzt dafür nur 6 Jahre? Wobei er ganz sichet weitaus früher raus kommt? Ich kann es nicht fassen, ehrlich!
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