Kemptener Chef-Drogenfahnder vor Gericht "Ich habe ein Suchtproblem"

Der ehemalige Leiter des Rauschgiftdezernats der Kripo Kempten hortete große Mengen Kokain, konsumierte selbst reichlich und misshandelte im Rausch seine Ehefrau. Vor Gericht gibt er sich reuig - und gewährt tiefe Einblicke.

Armin N. vor dem Landgericht Kempten: "Alle erhobenen Vorwürfe sind zutreffend"
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Armin N. vor dem Landgericht Kempten: "Alle erhobenen Vorwürfe sind zutreffend"

Aus Kempten berichtet


Keine Kapuze, kein Aktenordner, kein anderer Schutz vor dem Gesicht: Armin N. versteckt sich nicht. Aufrecht betritt er den vollbesetzten Saal 169 des Landgerichts Kempten im anthrazitfarbenen Dreiteiler mit grau gestreifter Krawatte, farblich passender Brille, den Haarkranz um die Glatze abrasiert.

Etwa hundert Zuschauer fixieren ihn, beobachten jede seiner Bewegungen. Der ehemalige Kommissar verzieht keine Miene, er blickt stoisch geradeaus, geduldig lässt er sich die Handschellen abnehmen und minutenlang von allen Seiten fotografieren. Als die Fotografen und Kameraleute den Saal verlassen haben, schaut er ins Publikum, hebt die Hand zum Gruß und winkt Bekannten zu.

Der ehemalige Leiter des Drogendezernats der Kriminalpolizeiinspektion Kempten ist angeklagt wegen des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln. Zudem soll er seine Ehefrau schwer misshandelt, mit dem Tod bedroht und vergewaltigt haben. Ihre Schwester alarmierte die Polizei, die Armin N. am Morgen des 15. Februar 2014 um 2.48 Uhr auf der A 980 am Steuer seines Wagens stoppte - mit einem Blutalkoholwert von 1,49 Promille inklusive Spuren von Psychopharmaka.

Bei einer Durchsuchung stellten sie bei ihm 1,854 Kilogramm Kokain sicher.

Der 53-Jährige sitzt seit jener Trunkenheitsfahrt in Untersuchungshaft. Viel Zeit zum Nachdenken. Armin N. weiß, dass er sein berufliches Leben zerstört hat - und sein privates obendrein. Er hofft auf einen kurzen Prozess. So beginnt der Vorsitzende Richter der Großen Strafkammer den Auftakt am Montag damit, von mehreren Rechtsgesprächen zu berichten, die im Rahmen des sogenannten Täter-Opfer-Ausgleichs zwischen allen Verfahrensbeteiligten im Dezember und Anfang Januar stattgefunden haben.

Der Täter-Opfer-Ausgleich ist eine Möglichkeit, das Verfahren außergerichtlich beizulegen oder für den Täter eine Strafmilderung zu erlangen - entsprechendes Bemühen von Reue und Einsicht vorausgesetzt. Sollte es im Fall von Armin N. zu einer Verständigung kommen, wird er zu sechseinhalb oder sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Die Chancen dafür stehen gut. Armin N. hat seiner Ehefrau bereits 35.000 Euro Schmerzensgeld überwiesen. Er bereut und er zeigt Einsicht. Von der Lehne seines Stuhls weit abgerückt, aber kerzengerade sitzt er auf der Anklagebank und liest mit fester Stimme sein Geständnis ab. Er spricht von einem Verhalten, das er niemals mit seiner Person in Verbindung gebracht hätte. Es ist das Ende einer klassischen Beamtenlaufbahn im Dienst der bayerischen Polizei. Armin N. schluckt.

"Ich übernehme die volle Verantwortung."

Er beschreibt, wie er nach seinem Studium an der Polizei-Fachhochschule erst als Gruppenleiter arbeitete und 1993 zum Drogendezernat wechselte. Bis dahin sei er nicht mit Drogen in Berührung gekommen. Doch bereits 1994 sei ihm passiert, was einem Polizeibeamten nicht passieren dürfe: Er habe Ecstasy probiert, dann auch Kokain und Cannabis. "Sporadisch und gelegentlich" habe er bis 2007 Drogen konsumiert. Im Jahr 2000 hatte er die Leitung des Rauschgiftdezernats, das Kommissariat 4, übernommen.

Die ständige Präsenz von Drogen und "private Probleme" hätten dazu geführt, "dass ich nicht mehr widerstehen konnte". Kokain und auch Alkohol wurden seine verlässlichen und ständigen Begleiter. "Der Konsum steigerte sich erheblich", liest Armin N. ab. 2010 seien "in erheblichem Umfang" noch Medikamente hinzugekommen. Trotzdem: "Ich fühlte mich nicht süchtig."

Erst durch die Suchtberatung im Gefängnis sei ihm bewusst geworden, dass seine Gier nach dem Rausch zu Aggressionen geführt habe, "für die ich mich schäme".

Dazu dürften die Taten gehören, die Oberstaatsanwalt Michael Hauck angeklagt hat. Demnach soll Armin N. mehrfach seine Ehefrau verprügelt und gequält haben. Nach Ansicht des Anklägers würgte er sie mit dem Ellenbogen, drückte ihr ein Kissen aufs Gesicht, drohte, ihr die Kehle durchzuschneiden oder sie an einem Haken aufzuhängen.

Einmal floh die Frau auf den Balkon des gemeinsamen Hauses und brach sich auf der Flucht einen Lendenwirbel.

Aus dem Krankenhaus zurück, noch immer schwer angeschlagen, fiel Armin N. laut Staatsanwaltschaft im Kampfanzug und mit Erkennungsmarke um den Hals über sie her, versuchte, sie zu vergewaltigen.

"Mit tiefem Bedauern möchte ich mich bei Frau N. entschuldigen", sagt Armin N. vor Gericht. Das habe er ihr bereits in einem Brief mitgeteilt. "Alle erhobenen Vorwürfe sind zutreffend." Die Ehe sei "problematisch" gewesen, aber mit Rücksicht auf seine Ehefrau wolle er nicht näher darauf eingehen. Armin N. macht eine kurze Pause. "Ich hatte und habe ein Suchtproblem", sagt der ehemalige Polizeibeamte und Vater zweier Kinder. Er wolle in Zukunft jede Hilfe annehmen.

Armin N. hofft auf ein schnelles Ende des Verfahrens. Er wolle einen Schlussstrich unter diesen unwürdigen Lebensabschnitt ziehen. "Ich habe meine Kinder, Eltern und Kollegen zutiefst enttäuscht." Ihm sei bewusst, dass er "dem Ruf der Polizei, für die ich mit voller Überzeugung stand, geschadet habe".

"Nach vielem Kopfzerbrechen" könne er sich die verhängnisvolle Autofahrt im Rausch nur so erklären, dass er damals zu seiner Dienststelle fahren wollte, um sich dort mit seiner Dienstwaffe das Leben zu nehmen. Dort hortete Armin N. auch die Unmengen Kokain.

Eine zentrale Frage des Prozesses ist: Woher stammt das Koks?

Er habe die 1,854 Kilogramm Kokain im Laufe der Jahre gesammelt. Blöcke, von denen er etwas zum Konsum abschabte. Ursprünglich habe er es zu Schulungszwecken von der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt bekommen, sagt Armin N. am Montag. Er habe es weder aus anderen Quellen bezogen noch damit Handel betrieben oder Kontakte zu "Mafia-Kreisen" gepflegt.

Armin N.s Version der Herkunft des Kokains lässt sich schwer überprüfen: Ein wichtiger Zeuge wäre der Staatsanwalt, der im wesentlichen Zeitraum für die Abgabe des Stoffes zuständig war. Doch der Mann ist während der Ermittlungen gestorben.

Als die Beweisaufnahme am Montag beginnt, lehnt sich Armin N. erstmals an diesem Tag zurück, seine Haltung bleibt aufrecht. Er werde das tun, was er in seinem bisherigen Leben immer getan habe, hatte er am Ende seines Geständnisses angekündigt: "Ich werde für meine Fehler geradestehen."

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