Kampf um Rehabilitierung Jesu Der Anwalt des Allmächtigen

Die Strafe war unrechtmäßig, der Richter nicht zuständig: 2000 Jahre nach der Kreuzigung Jesu Christi will ein Anwalt aus Kenia den wohl berühmtesten Strafprozess der Geschichte neu aufrollen - und Pontius Pilatus, die Republik Italien und den Staat Israel vor Gericht zerren. Was treibt den Mann?

Anwalt Dola Indidis: "Ein Fehler bleibt ein Fehler, auch nach 2000 Jahren"
RNS/ Fredrick Nzwili

Anwalt Dola Indidis: "Ein Fehler bleibt ein Fehler, auch nach 2000 Jahren"

Von Rainer Leurs


Hamburg - Er hatte sich die Sache so einfach vorgestellt. "Welchen von diesen beiden wollt ihr, dass ich euch freilasse?", fragte der Präfekt des Kaisers in die Menge, denn eigentlich hatte Pontius Pilatus keine große Lust, den Mann aus Nazareth hinrichten zu lassen. Weil aber der Mob tobte und den Nazarener am Kreuz sehen wollte, war Pilatus fein raus: "Ich bin unschuldig am Blut dieses Gerechten; sehet ihr zu!", deklamierte er und wusch sich die Hände. Fall erledigt.

Kaum zwei Jahrtausende ist das mittlerweile her, und wie sich zeigt, hat sich Pilatus womöglich verkalkuliert: Ein ehrgeiziger Rechtsanwalt aus Kenia will den Strafprozess gegen Jesus Christus neu aufrollen. Dola Indidis heißt der Mann, der in Medien weltweit für diese Meldung sorgt: Da kämpft einer für die Rehabilitierung Christi - und bemüht dabei die Bibel als Entlastungszeugen.

"Ein Fehler bleibt ein Fehler, auch nach 2000 Jahren", sagt Anwalt Indidis, den SPIEGEL ONLINE in einer Verhandlungspause übers Mobiltelefon erreicht. Rechtlich vorgehen will er unter anderem gegen den ehemaligen römischen Kaiser Tiberius, gegen Pontius Pilatus selbst, außerdem gegen einige jüdische Hohepriester und König Herodes. Nicht zu vergessen: die Republik Italien sowie den Staat Israel.

Steinigung statt Kreuzigung

Seine Argumente dabei: Pilatus sei als Richter nicht zuständig gewesen, außerdem hätte er Jesus während der Verhandlung vor Übergriffen des Mobs schützen müssen. "De facto war es ein Fall von Lynchjustiz", sagt der Kenianer. Auch die Art der Hinrichtung hält er für unrechtmäßig. "Die Kreuzigung war eine römische Methode. Das Gericht saß aber in Galiläa, hätte also dortiges Recht anwenden müssen. Das hätte bedeutet, den Delinquenten zu steinigen."

Vor dem Obersten Gericht in Nairobi reichte Indidis bereits einen Strafantrag in der Angelegenheit ein - und wurde abgewiesen. Nach eigener Aussage hat er deshalb jetzt eine Petition an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag geschickt. Dass keiner der Prozessbeteiligten mehr am Leben ist (jedenfalls nicht im engeren Sinne), ficht den Juristen nicht an: "Wenn man feststellt, dass die Justiz einen Fehler gemacht hat, dann gehört dieser Fehler korrigiert", sagt er.

Blöd nur, dass die Richter in Den Haag offenbar wenig Lust haben, den Fall des Heilands neu zu verhandeln. Der Internationale Gerichtshof sei ausschließlich für Streitigkeiten zwischen Staaten zuständig, lässt ein Sprecher naserümpfend wissen. Nicht einmal den Eingang von Indidis' Petition mag er bestätigen. "Vielleicht hat sie jemand weggeschmissen", sagt er. "Wir bekommen hier jeden Tag eine Menge verrücktes Zeug. Kommentieren werden wir das nicht."

Zumindest ein bisschen Bewunderung für den Kollegen aus Kenia bringt Reinhard Merkel auf, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Uni Hamburg. Selbstverständlich wisse Indidis, dass sein Anliegen aussichtslos sei. Was der Mann betreibe, sei vielmehr eine geschickte Art der PR. "Es geht ihm um den Verblüffungseffekt, der ein weltweites Echo erreicht. Und wenn es ein verlegen lächelndes ist."

Die Rehabilitierung Jesu als Marketingmasche für die eigene Anwaltskanzlei? Indidis will davon nichts wissen. "Ich lasse mich nicht entmutigen von Leuten, die nicht meine Meinung teilen", sagt er. "Wenn man von etwas überzeugt ist, dann muss man dafür einstehen." Dann lässt er sich entschuldigen: Indidis muss zurück in den Gerichtssaal. Es gibt noch mehr Fälle, für die es sich zu kämpfen lohnt.

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