Mordprozess gegen US-Abtreibungsarzt: Dr. Gosnells Horrorkabinett

Von , New York

Ein Arzt aus Philadelphia steht vor Gericht: In seiner Abtreibungsklinik sollen grausige Zustände geherrscht haben. Kermit Gosnell werden Morde an Babys und an einer Patientin zu Last gelegt. Schon instrumentalisieren US-Abtreibungsgegner den Fall für ihre Sache.

Kermit Gosnell: Haarsträubende Details in der Anklageschrift Zur Großansicht
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Kermit Gosnell: Haarsträubende Details in der Anklageschrift

Der Bericht umfasst 261 Seiten, plus 20 Seiten Anlagen. Das Coverfoto zeigt ein Eckhaus mit der Adresse 3801-05 Lancaster Avenue. An der Backsteinwand sind diverse Dienstleistungen annonciert: "Zahnpflege, Familienplanung, Familienpraxis, Gynäkologie & Geriatrie, Physiotherapie." Vor der Tür steht ein Fahrrad.

Doch besagter Bericht eines großen US-Geschworenengerichts, einer sogenannten "Grand Jury", enthüllt: Hinter den Backsteinmauern verbarg sich offenbar ein Horrorkabinett. Buchstäblich: Das Wort "Horror" kommt in der Justizakte dreimal vor.

Das Eckhaus steht im Westen Philadelphias, in einem Armenviertel. Vier Jahrzehnte lang befand sich dort die "Women's Medical Society", eine private Abtreibungsklinik. Deren Gründer und Chefarzt Kermit Gosnell, 72, behandelte Hunderte schwarze, mittellose Frauen. Bis er 2010 seine Zulassung verlor und ein Jahr später angeklagt wurde - wegen Mordes an sieben Babys und einer Patientin: Er soll Föten im dritten Trimester vorzeitig, doch lebendig zur Welt gebracht, kaltblütig getötet und dann einfach "weggeworfen" haben.

Seit Mitte März stehen Gosnell und eine Kollegin in Philadelphia vor Gericht. Die Details des Verfahrens sind so haarsträubend, dass Richter Jeffrey Minehart allen Beteiligten einen Medien-Maulkorb verpasst hat. Am Montag hielten Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Schlussplädoyers, ab diesen Dienstag sollen die Geschworenen beraten. Bei einem Schuldspruch droht Gosnell die Todesstrafe.

Obwohl seit 1973 legal, bleibt die Abtreibung in den USA hoch umstritten. Weshalb dieser Fall - den viele vor allem linke US-Medien lange ignorierten - die Debatte neu angeheizt hat.

"Sprache kann seine barbarische Natur nicht angemessen beschreiben"

Abtreibungsgegner sehen ihn als Fanal gegen Schwangerschaftsabbrüche, die sie generell wieder verbieten wollen. Befürworter als Omen dafür, was Frauen droht, die keinen legalen oder finanziellen Zugang zu Abtreibung haben.

Freilich geht es hier ja gar nicht um legale Eingriffe. Hier geht es, glaubt man der Justiz, um reine Profitgier, Scharlatanerie und Mord.

"Meine Kenntnisse der englischen Sprache können die barbarische Natur von Dr. Gosnell nicht angemessen beschreiben", sagte der Bezirksstaatsanwalt Seth Williams. Gosnells Anwalt Jack McMahon dagegen erklärte seinen Mandanten - der vor Gericht schwieg - zum Opfer journalistischer wie politischer Vorverurteilung: "Wem", fragte er die zwölf Geschworenen, "werden Sie glauben?"

Die Chancen, dass sie Gosnell glauben, stehen schlecht. Acht seiner Ex-Mitarbeiter bekannten sich vorab schuldig und wurden zu Kronzeugen. Als Einzige mitangeklagt ist Gosnells Kollegin Eileen O'Neill, die überdies gar keine richtige Ärztin gewesen sein soll.

Die Justiz bezeichnet Gosnells Klinik als "House of Horrors". Bei einer Razzia im Februar 2010 fanden das FBI und die US-Drogenfahndungsbehörde DEA sie "verdreckt" und "unhygienisch" vor, es stank nach Urin, auf dem Boden war Blut. Dutzende Frauen seien dort von ungeschulten Sprechstundenhilfen "infiziert, sterilisiert, dauerhaft verstümmelt, an den Rande des Todes" gebracht worden.

"Die Tötungen wurden Routine"

Die Anklage listete ursprünglich sieben Babys, die auf grausige Weise gestorben seien: Gosnell habe ihnen nach der Frühgeburt mit Scheren das Genick durchgeschnitten. Dem Grand-Jury-Bericht zufolge waren es noch mehr: "Diese Tötungen wurden derart Routine, dass sie keiner mehr exakt beziffern konnte." Die Staatsanwaltschaft vermutet Hunderte solcher Taten, aber nur sieben werden im Prozess verhandelt. Richter Minehart reduzierte die Fälle schließlich auf vier.

Ein weiteres Todesopfer ist eine 41-jährige Immigrantin aus Bhutan, die kein Englisch sprach: Sie starb demnach 2009 während einer Abtreibung an einer "tödlichen Mischung aus Demerol, Promethazin und Diazepam" - eine Kombination aus Betäubungsmitteln, verabreicht von "inkompetenten" Helferinnen.

Eine davon war eine damals 15-jährige Schülerin, die nun als Zeugin der Anklage auftrat. Sie habe gesehen, wie sich mindestens fünf abgetriebene Babys noch bewegt und sogar "gekreischt" hätten. Eins sei so groß gewesen, dass Gosnell gelacht habe: "Dieses Baby kann mit mir nach Hause laufen."

Seit Jahrzehnten gab es immer wieder Beschwerden über die Gosnells Praxis, ohne dass die Behörden etwas unternahmen. Die Grand Jury verurteilte auch dieses "bürokratische Nichtstun" in ihrem Bericht: "Niemand handelte, weil die betroffenen Frauen arm waren und schwarz, weil die Opfer Säuglinge waren und weil das Thema der politische Spielball Abtreibung war."

Anders gesagt: Die Mitverantwortlichen werden niemals vor Gericht kommen.

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