Urteil im Prozess um Angriff auf Fußballer Großkreutz "Zu 150 Prozent!"

Wegen Schlägen und Tritten gegen Kevin Großkreutz hat das Amtsgericht Stuttgart Freiheitsstrafen gegen zwei Jugendliche verhängt. Der Fußballer blieb dem Prozess fern - das lieferte reichlich Diskussionsstoff.

DPA

Von , Stuttgart


"Zu 150 Prozent!" Der Verteidiger wird laut, als er erfährt, dass der Zeuge Kevin Großkreutz bereits zum zweiten Mal nicht vor Gericht erscheint. Einen wie seinen Mandanten, meint der Anwalt, hätte man in so einem Fall doch mit ziemlicher Sicherheit vom Fußballplatz in den Gerichtssaal gekarrt. Was der Verteidiger nicht sagt, aber meint: Bei einem wie dem Fußballstar Kevin Großkreutz, dem Weltmeister? Da passiert nichts.

Tatsächlich blieb Großkreutz dem Prozess am Amtsgericht Stuttgart fern. Allerdings war er auch nicht Angeklagter, sondern Zeuge. Das Verfahren richtete sich gegen einen 17- und einen 19-Jährigen, die zugegeben hatten, Großkreutz im Februar in Stuttgart übel verletzt zu haben - und dafür nun zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden: zwei Jahre und neun Monate für den Jüngeren, ein Jahr und sieben Monate für den Älteren.

Auch wenn der Prozess ohne einen Auftritt des Zeugen Großkreutz endete, wäre es zweifellos ein interessanter Anblick gewesen, wenn Beamte rund 400 Kilometer gefahren wären, um Großkreutz vom Trainingsplatz bei seinem aktuellem Klub Darmstadt 98 zu holen und ins Amtsgericht nach Stuttgart zu bringen. Vielleicht sogar ähnlich interessant wie das, was Großkreutz, 29, als geladener Zeuge zur Aufklärung der Geschehnisse in der Nacht zum 28. Februar hätte beitragen können.

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Zum zweiten Mal war Großkreutz nicht nach Stuttgart gereist. Vor gut einer Woche legte er ein Attest vor für Montag und Dienstag, den Tag des Prozessauftakts. Am Sonntag zuvor hatte er in der zweiten Liga 90 Minuten für Darmstadt gespielt. Mittwochs stand er wieder, geheilt vom attestierten Infekt, auf dem Trainingsplatz.

Für den zweiten Verhandlungstag erreichte das Amtsgericht Stuttgart kein Fax aus Darmstadt. Nur die späte Erklärung des Klubs: Großkreutz habe seine Ladung nicht erhalten. Anscheinend hatte auch niemand in seinem Umfeld die Nachrichten gelesen.

So wartete die Gerichtssprecherin am Morgen - bis sie übermittelt bekam, Großkreutz stehe in Darmstadt auf dem Trainingsplatz. Das hielt die Vorsitzende Richterin Muriel Leonhard nicht davon ab, um 11.21 Uhr - "der Form halber" - den Zeugen Großkreutz aufzurufen. Die Tür zum Saal 1 des Stuttgarter Amtsgerichts blieb zu. Auch um 12:01 Uhr, als sich die Groteske wiederholte.

Verteidigung wittert Zweiklassenjustiz

Staatsanwaltschaft und Verteidigung brachten ein Ordnungsgeld für den abwesenden Großkreutz ins Spiel. Der Maximalbetrag von tausend Euro stand im Raum. Die Vorsitzende Richterin sah sich jedoch "leider" gezwungen, dieses abzulehnen, da eine förmliche Empfangsurkunde nicht vorliege. "Und dass er es wohl aus den Medien erfahren hat, das reicht in diesem Fall nicht."

Die Verteidigung vermisste zudem ein Ermittlungsverfahren gegen Großkreutz. Dieses wäre nach den Zeugenaussagen in der Vorwoche, die nahezu einhellig Großkreutz als Eskalierer identifiziert hatten, einzuleiten gewesen, so ein Verteidiger. Ein Zeuge hatte unter anderem von einem Schlag des Fußballers gesprochen. Die Richterin sagte, Großkreutz habe sich nicht diplomatisch verhalten.

Voraussichtlich hätte ein Ermittlungsverfahren wenig Folgen für den Sportler. Aber auch hier vermutete die Verteidigung eine Zweiklassenjustiz. "Bei einem dieser Jungs wäre das doch sofort eingeleitet worden", so der Verteidiger des 19-jährigen Angeklagten, der wie der 17-jährige Mitangeklagte in der vergangenen Woche ein Geständnis abgelegt hatte. Das wirkte sich strafmildernd aus, schützte die vorbestraften Jugendlichen aber nur bedingt. Bei beiden bezog das Gericht die bereits zu verbüßenden Strafen in die Festlegung des Strafmaßes ein.

Der ältere Angeklagte, zur Tatzeit 18 Jahre, hatte den mutmaßlich schwer alkoholisierten Großkreutz mit einem Faustschlag zu Boden gestreckt, der 17-Jährige hatte mit einem Fußtritt gegen den Kopf des Fußballers wohl dafür gesorgt, dass Großkreutz erst im Krankenhaus wieder zu sich kam - mit einer Jochbeinprellung.

Entscheidende Eskalation

Ohne Großkreutz wurde an diesem zweiten Verhandlungstag manche Frage diskutiert, die sich der Fußballer mit einem Erscheinen vielleicht hätte ersparen können. Warum geht ein 29-Jähriger mit 17-Jährigen auf Oberstufenpartys? Was bringt ihn dazu, den Jugendspielern seines damaligen Klubs VfB Stuttgart das Rotlichtmilieu der Stadt zu zeigen? Einer der VfB-Jugendspieler sagte im Prozess aus, er habe an diesem Abend zum ersten Mal Alkohol getrunken. Und, ja, Großkreutz habe den Abend mit einer SMS an die Spieler der U17 initiiert.

Am Rand des Rotlichtviertels traf Großkreutz samt Entourage auf eine andere Gruppe. Es kam zum Streit, der aber schließlich beigelegt schien. Was bewog Großkreutz, die Angeklagten laut Zeugenaussagen noch einmal zu provozieren - die wohl entscheidende Eskalation, die sich auch auf das Strafmaß auswirkte? Diese Fragen wecken Zweifel an Großkreutz' Urteilsvermögen - mehr noch als vergangene Eskapaden wie eine Pinkel-Posse in einer Hotellobby und ein Döner-Wurf. Die Zeit des Fußballers beim VfB war nach der nächtlichen Auseinandersetzung jedenfalls vorbei.

Am Ende bleibt: Im Saal 1 des Stuttgarter Amtsgerichts wurde die Geschichte eines mit der Professionalität ringenden Fußballers weitergeschrieben, während der in Darmstadt von nichts wissen wollte und seiner Arbeit nachging - scheinbar ganz professionell.

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