Lebensbeichte Warum machten Sie als jüdischer, schwuler Mann bei den Neonazis mit, Herr Wilshaw? 

Kevin Wilshaw war 40 Jahre lang in der britischen Neonazi-Bewegung aktiv - obwohl er jüdischer Abstammung und schwul ist. Wie kam er dazu?

Hendrik Buchheister

Aus London berichtet


Er kennt eine Kneipe um die Ecke, keine fünf Minuten Fußweg von der U-Bahn-Station Baker Street, nicht viel los zur Mittagszeit. Dort könnte man hingehen. Doch er hat ein bisschen Angst, dass seine Vergangenheit am Tisch sitzt, an der Theke steht oder mitten im Gespräch zur Tür hereinkommt. Er zögert.

Kevin Wilshaw war Neonazi, mehr als 40 Jahre lang. Als Teenager trat er der rechtsextremen National Front bei, Mitte der Siebzigerjahre war das. Später wurde er Mitglied der British National Party und engagierte sich in verschiedenen Splittergruppen. Er saß drei Monate im Gefängnis, weil er in einer Moschee randalierte. Noch vor gut einem Jahr hat er bei einer Neonazi-Kundgebung an einem College am Stadtrand von London gesprochen. Im Moment läuft ein Verfahren gegen ihn wegen Hetze im Internet.

Kevin Wilshaws Geschichte ist die Geschichte einer gigantischen Selbstverleugnung. Denn seine Mutter war Jüdin. In seinen Adern fließt jüdisches Blut, wie er es selbst formuliert. Und er ist schwul. Er war ein jüdischer, schwuler Neonazi. Gerade ist er aus der Bewegung ausgestiegen - und will über seine Geschichte sprechen. Irgendwo, wo nicht viel los ist.

Die Kneipe um die Ecke ist allerdings auch beliebt bei den Hooligans des FC Chelsea, unter denen es Neonazis gibt. Er fürchtet ein wenig, auf Freunde von früher zu treffen, die jetzt nicht mehr seine Freunde sind.

Nach ein paar Sekunden des Zögerns beschließt er, dass es schon gehen wird. It'll be alright.

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Ex-Neonazi Kevin Wilshaw: Der Aussteiger

Wilshaw, 58 Jahre alt, graues Haar, Schnurrbart, eine Lederjacke, die stark nach Lederjacke riecht, setzt sich an den Tisch und bestellt ein Wasser. "Ich schäme mich. Nicht nur wegen des Schadens, den ich anderen zugefügt habe, sondern weil ich etwas anderes mit meinem Leben hätte anstellen können", sagt er. Seine Stimme ist klar und fest.

Er ist aufgewachsen in einer ländlichen Gegend in der Grafschaft Cumbria, Nordwest-England, vor allem weiße Bevölkerung. Sein Vater war Polizist, konservativ, ein gewalttätiger Alkoholiker. Wilshaw berichtet, dass seine beiden Geschwister und er regelmäßig verprügelt worden seien. Dass er sich der National Front anschloss, lag vor allem daran, dass er auf der Suche nach Anschluss und Kameradschaft war, dass er ein bisschen Abenteuer in seinem Leben brauchte und wohl auch gegen seinen Vater rebellieren wollte.

Er ging auf Demonstrationen, die ihn an Orte brachten, die für ihn die große, weite Welt bedeuteten: nach Birmingham oder Manchester. Ende der Achtzigerjahre zog er nach London. Er verkaufte rechte Zeitungen und lieferte sich Auseinandersetzungen mit Linken. "Es war eine lebhafte Zeit. Ich mochte den Nervenkitzel", sagt er.

Seine Eltern haben am Anfang noch versucht, ihm diesen "Nervenkitzel" auszureden. Als sie sahen, dass das nicht funktionierte, wurde sein Engagement in der Neonazi-Bewegung totgeschwiegen. Es wurde nicht mehr über Politik gesprochen.

Den Widerspruch, der sein Leben war, hielt Wilshaw aus, indem er verallgemeinerte. Er konnte gegen "die Juden" hetzen, dachte dabei aber nicht an seine Mutter und seine eigene Herkunft. Und er konnte gegen "die Schwulen" sein, dachte dabei aber nicht an sich. Er wurde zu einer gespaltenen Persönlichkeit.

Marsch mit der National Front 1983
Hope not hate

Marsch mit der National Front 1983

Er spricht davon, dass er drei verschiedene Leben hatte. Sein normales, bürgerliches Leben, in dem er seinem Job in der Lebensmittelbranche nachging, sein politisches Leben als Neonazi - und sein Leben in der Schwulen-Szene. Er wusste schon früh, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. In seiner Zeit in London ging er am Abend in Schwulen-Bars und am Tag darauf wieder zu rechten Demonstrationen. "Das muss man sich mal vorstellen", sagt er und lacht. Er spricht mit viel Abstand über sich. Wie über eine andere Person.

Mit der Zeit bekam er zu spüren, dass sich das eigene Schwulsein und der Schwulenhass der Neonazis nicht trennen lassen. Seine Orientierung wurde bekannt in der Bewegung, er wurde beleidigt. Tunte, Schwuchtel, solche Sachen. Als sich der Hass, den er propagierte, gegen ihn selbst richtete, begriff er, dass er falsch lag mit seinem Hass. Erst dann. Eine egoistische Sichtweise, sagt er.

Außerdem hat ihn die Ermordung der Labour-Abgeordneten Jo Cox durch einen Rechten im Juni des vergangenen Jahres schwer mitgenommen. Er hatte das Gefühl, dass es zu weit geht. Dass etwas außer Kontrolle geraten ist. "Widerlich. Damit will ich nichts zu tun haben", sagt er. Er gibt an, gegen Gewalt zu sein und nur einmal jemandem einen Stuhl über den Kopf gehauen zu haben, zur Verteidigung.

Wilshaw nahm Kontakt auf zu einem früheren Bekannten aus der Neonazi-Bewegung, der die Seiten gewechselt hat und für die Organisation "Hope not hate" arbeitet. Sie leistet Aufklärung über rechte Strukturen in Großbritannien und hilft Menschen dabei, ein neues Leben anzufangen. Beim Gespräch in der Kneipe in der Nähe der U-Bahn-Station Baker Street ist auch ein Vertreter von "Hope not hate" dabei, als eine Art Pressesprecher. Er ordnet Wilshaws Aussagen ein und bremst ihn, wenn er seinen Wohnort verraten will, denn der muss geheim bleiben. Wer nach 40 Jahren aus der Neonazi-Bewegung aussteigt, lebt riskant.

Sein altes Leben hat er verkauft. Sammler hätten ihm Tausende Pfund für Hakenkreuz-Fahnen, Stahlhelme, eine Hitler-Büste und SS-Uniformen gezahlt, sagt er. Es gebe einen florierenden Markt für solche Dinge. Er hat eine Synagoge besucht, zum ersten Mal überhaupt, und dort ein Gebet für seine Mutter gesprochen, die vor acht Jahren gestorben ist. Sie hat seine Verwandlung nicht mehr erlebt. Auch sein Vater ist tot.

Wilshaw hofft, dass er ein Dasein in der Anonymität führen kann, irgendwann, in absehbarer Zeit. "Ich will mich irgendwo einschließen mit meinen CDs und einer Flasche Whisky", sagt er. Aber erstmal ist er eine Person der Öffentlichkeit. Er gibt viele Interviews über sein widersprüchliches Leben, über ein Leben als schwuler Neonazi mit jüdischen Wurzeln und über seinen Ausstieg aus der Bewegung. Er will sich engagieren gegen Rassismus und Ausgrenzung. Vielleicht sieht er das als seine Pflicht an. "Die meiste Zeit meines Lebens stand ich aus den falschen Gründen in der Zeitung", sagt er.

Er weiß, dass er die verlorenen Jahre nicht zurückbekommt. Aber er versucht, zumindest ein bisschen Wiedergutmachung zu leisten.



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