"Killer-Kinder" in Mexikos Drogenkrieg Im Rausch des Todes

Edgar Jiménez Lugo ist 14 Jahre jung - und ein Mörder: Der Junge enthauptete im Auftrag eines mexikanischen Drogenkartells vier Menschen. Nun steht er vor Gericht. Die Geschichte eines Kindes, das zum Killer wurde.

REUTERS

Aus Mexiko-Stadt berichtet


Als der Staatsanwalt die Vorwürfe verliest, bleibt der Angeklagte teilnahmslos. "Keine Reue, keine Scham, kein Ausdruck von Frust, keine Regung", wundert sich ein anonymer Beobachter in den Medien. "Er saß einfach da, als ginge ihn das alles nichts an." Seit dieser Woche richtet die mexikanische Justiz hinter verschlossenen Türen über Edgar Jiménez Lugo, den Jungen, der schon als Kind zum Killer wurde und abscheuliche Morde im Auftrag der Drogenkartelle begangen hat. Und die Mexikaner verfolgen den Prozess mit einer Mischung aus Schaulust und Schaudern. Denn der Täter ist erst 14 Jahre alt.

Drogenschmuggel, unerlaubtes Tragen schwerer Waffen, Mitglied in einer kriminellen Vereinigung, organisiertes Verbrechen, Entführung, Folter und Mord. Die Staatsanwaltschaft hat gegen ein Kind alle Schwerverbrechen zur Anklage gebracht, die das mexikanische Strafgesetzbuch bereithält. Verfahren wie diese sind fast alltäglich im bizarren mexikanischen Drogenkrieg, dem in einer unendlichen Spirale aus Blei, Blut und Brutalität in fünf Jahren 40.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Aber nie waren die Täter so jung.

Der extrem brutale Kampf der Kartelle um Routen, Reviere und Rauschgift hat alle Arten von Grausamkeiten hervorgebracht: Köpfe, die auf Tanzflächen geworfen werden, Leichen, in Säure aufgelöst, Tote, die von Brücken baumeln, Massenhinrichtungen.

Cuernavaca ist Urlaubsziel - und Drogenhochburg

Aber ein Kind, das für die Kartelle tötet, ist eine neue grausige Facette dieses Konflikts, der die mexikanische Gesellschaft immer weiter zersetzt. Kaum etwas ist bisher bekannt über Kinder und Jugendliche, die sich lieber dem organisierten Verbrechen anschließen, als zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen. Oft ist der Narco-Nachwuchs auf der Suche nach Anerkennung, Nervenkitzel, Geld - und im Fall von Edgar vielleicht auch ein bisschen Zugehörigkeitsgefühl.

Als Edgar, der seit seiner frühen Kindheit den Spitznamen "El Ponchís" trägt, am 2. Dezember 2010 am Flughafen der Millionenstadt Cuernavaca festgenommen wird, gesteht er, seit seinem elften Lebensjahr auf der Lohnliste einer Drogenbande zu stehen. Für umgerechnet 350 Euro im Monat hat er für die Mafias gefoltert und seine Opfer im wahrsten Wortsinn einen Kopf kürzer gemacht.

Die Ermittler waren dem Jungen und seiner Bande seit Ende Oktober auf der Spur, nachdem diese mit ihren Horror-Taten im Internet prahlten. Im Netz waren Fotos von "El Ponchís" zu sehen, wie er jemandem den Hals durchschneidet, ein Sturmgewehr der Marke AK-47 in die Kamera hält, das liebste Werkzeug der mexikanischen Narcos. In einem Video sieht man ihn, wie er einen an einer Brücke aufgehängten Mann mit einem Holzschläger traktiert, auf dem "CPS" steht, die Abkürzung für "Cártel del Pacífico Sur", das Kartell des Südpazifiks.

Das CPS ist eine Zelle des äußerst brutalen "Beltrán-Leyva-Kartells", das im nordmexikanischen Bundesstaat Sinaloa beheimatet ist. In Cuernavaca kämpft das CPS mit der Mafia "Familia Michoacana" um die Vorherrschaft. Cuernavaca, eine Stunde südlich von Mexiko-Stadt gelegen, ist eine beliebte Sommerfrische der Hauptstadtbewohner. Ein lukrativer Markt für jede Art von Drogen. Dem Kampf zwischen den Kartellen um die Stadt fielen alleine vergangenes Jahr mehr als 300 Menschen zum Opfer.

Wie viele davon Edgar Jiménez und seine Bande auf dem Gewissen haben, wird man wohl nie erfahren. Jahrelang verschleppten die Kartell-Kids ihre Opfer in ein Haus in einem Vorort von Cuernavaca. CPS-Graffitis an den Häuserwänden wiesen die Bleibe als eine der Folterkammern des Kartells aus.

"Ich weiß es, aber ich habe keine Angst"

Als Soldaten Edgar gemeinsam mit seiner Schwester festnehmen, führen sie ihn unter Verletzung all seiner Rechte wartenden Journalisten vor. Ein Video zeigt, wie die Reporter einen verunsicherten Jungen mit kurzen lockigen Haaren und ausdruckslosem Gesicht in die Ecke treiben: "Wie viele Menschen hast Du getötet, wie hast Du es gemacht, was hast Du empfunden, warum hast Du es getan?"

Der Junge antwortet knapp und präzise: "Vier, ich habe sie enthauptet, es fühlte sie hässlich an. Sie haben mich gezwungen, sie hätten sonst mich umgebracht. Ich habe mich mit Marihuana betäubt, damit ich nichts merke."

"El Ponchís" erzählt den Reportern auch seine kurze Lebensgeschichte: Er wurde in San Diego in Kalifornien als Kind von Mexikanern geboren. Der Vater unbekannt, die Mutter selbst im Drogenmilieu, lässt die sieben Geschwister im Stich. "Meine Eltern sind tot", sagt "El Ponchís" den Reportern. So muss es sich für ihn anfühlen. Die Großmutter versucht, ihn in Mexiko großzuziehen, aber er bricht die Schule ab, bleibt Analphabet, treibt sich auf den Straßen rum.

Ins Drogenmilieu sei er reingerutscht, als er selbst von Schergen des CPS entführt und zum Morden gezwungen wurde, behauptet Edgar. Am Ende fragt ihn ein Reporter: "Weißt Du, was Dir jetzt bevorsteht"? "Ich weiß es, aber ich habe keine Angst."

Acht Monate später sitzt der 14-Jährige in einem braunen T-Shirt, Jeans und Turnschuhen in einem Saal des Jugendgefängnisses von Cuernavaca. Zugelassene Prozessbeobachter versorgen die Presse mit spärlichen Details.

66 Zeugen, darunter Entführungsopfer und Angehörige der Ermordeten haben die Staatsanwälte als Zeugen der Anklage geladen. Edgars Pflichtverteidiger hingegen haben nicht einen Entlastungszeugen aufgeboten. Kein Angehöriger kommt zum Prozessauftakt. Niemand leistet ihm Beistand.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
mytilus54 22.07.2011
1. Niemand will!
Wenn die angrenzenden USA als primäres Zielland des mexikanischen Drogenhandels auch nur peripheres Interesse an dessen Eindämmung hätten, dann wäre es vermutlich eine Kleinigkeit, selbst eine so lange Grenze zu Mexiko rund um die Uhr lückenlos und effektiv zu überwachen. Vielleicht könnten sie sich Anregungen aus Unterlagen der ex DDR besorgen? Und ein an der Grenze zu Mexiko eingesetzter Soldat ist um Längen billiger als einer in Afghanistan. Kommen keine Drogen mehr nach USA rein, dürfte die Schmuggelkette rückwärts ziemlich versiegen bis zum Haschischbauern, der sein Zeug nicht mehr los wird.
Cheese 22.07.2011
2. --
Und das alles in einem Land, das so viele unverschämt reiche Menschen beherbergt, unter ihnen Carlos Slim, den reichsten Mann der Welt. Geld gibt´s genug in Mexiko, nur sehr konzentriert in wenigen Händen. Niedrige Steuern für Reiche und ein nicht vorhandener Wohlfahrtsstaat sind wohl doch nicht so toll... Tja, liebe FDP-Wähler, das erwartet uns, wenn wir den Gedanken "Der Staat darf nicht länger Wohlfahrtstaat sein" voll ausleben. Freut Euch schon drauf, Eure Eigenheime mit Mauern und Stacheldraht zu umgeben, Euren eigenen Sicherheitsdienst zu bezahlen... Das wird fein.
saako 22.07.2011
3. in brit. SF schon länger vorweggenommen
3 jahre! na, da wird er viele nachfolger finden ...
ratxi 22.07.2011
4. Grenzwertig
Zitat von mytilus54Wenn die angrenzenden USA als primäres Zielland des mexikanischen Drogenhandels auch nur peripheres Interesse an dessen Eindämmung hätten, dann wäre es vermutlich eine Kleinigkeit, selbst eine so lange Grenze zu Mexiko rund um die Uhr lückenlos und effektiv zu überwachen. Vielleicht könnten sie sich Anregungen aus Unterlagen der ex DDR besorgen? Und ein an der Grenze zu Mexiko eingesetzter Soldat ist um Längen billiger als einer in Afghanistan. Kommen keine Drogen mehr nach USA rein, dürfte die Schmuggelkette rückwärts ziemlich versiegen bis zum Haschischbauern, der sein Zeug nicht mehr los wird.
Guten Morgen. Die Grenze ist über 3000km lang und pro Jahr gibt es allein über 200 Millionen legale Grenzübertritte. Man muss nicht besonders rechnen können, um zu verstehen, dass es unmöglich ist, die Grenze lückenlos zu machen. Dazu müssten täglich 600 tausend Menschen intensiv untersucht werden. Noch Fragen?
leser_81 22.07.2011
5. Kinder als Killer
Warum nicht ? Wenn Kinder keine so behütete Kinderheit hatten wie die meisten von uns in Deutschland, bei der die schlimmsten Erfahrungen waren, dass uns der Vater mal den Hintern gehauen hat, können auch Kinder zu Killern werden. Wenn Kinder eine Entsprechende Veranlagung haben und von Klein an nicht anderes als Drogen, Gewalt, Armut und Tod kennen ist das für mich nicht überraschendes, dass auch ein 14 Jähriger zum Killer gemacht werden kann. Schaut euch doch einmal die Kindersoldaten aus Afrika an. Diese Kinder fangen an zu töten sobald Sie eine Waffe halten können. Dies ist dann schon meistens viel früher als mit 14 Jahren. Wenn Sie in einem Umfeld aufwachsen das nichts als Gewalt kennt, früh von den Eltern getrennt werden, sie dem Einfluss einer Gang oder einer kriminellen Organisation ausgesetzt werden, unter extremen Gruppenzwang gesezt und mit Drogen willig gemacht werden kann man auch Kinder zu guten Killern und Soldaten ausbilden. Es ist pervers aber es ist so. Insofern überrascht mit das alter dieses "Killers" nicht.
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