Prozess um Mord an Kim Wall Tödliche Fahrt auf der "Nautilus"

Auf seinem U-Boot soll Peter Madsen die Journalistin Kim Wall gefoltert und ermordet haben. Am Donnerstag kommt der dänische Tüftler vor Gericht. Warum musste die 30-Jährige an Bord der "Nautilus" sterben?

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Peter Madsen liebt die große Show: Vor Jahren bot er auf seinem U-Boot "Kraka" leicht bekleideten Artistinnen eines alternativen Kunstprojekts im Schein von Lichtinstallationen eine Bühne - während er das Boot im Steuerstand durch den Kopenhagener Hafen dirigierte.

Die Künstler, so zitiert Madsens Biograf Thomas Djursing den Tüftler, hätten verstanden, "dass Dinge ein Leben haben können". Auf die Inszenierung komme es an.

Am 11. August 2017 versuchte sich Madsen an einer Inszenierung von Leben und Tod: Seine größte Schöpfung, das 18 Meter lange U-Boot "Nautilus", war anscheinend aufgrund technischer Probleme in der Køge-Bucht südlich von Kopenhagen gesunken. Eine Crew zog Madsen aus dem Wasser, er reckte den Daumen in die Höhe. Alles okay, sollte das heißen.

Nur dass gar nichts okay war - und Madsen die Regie seiner Aufführung in den folgenden Tagen und Wochen komplett entglitt. Denn sehr wahrscheinlich sollte die Inszenierung des Untergangs einen brutalen Mord verdecken.

An diesem Donnerstag beginnt in Kopenhagen der Prozess gegen Madsen. An Bord der "Nautilus" soll der 47-Jährige die lebensfrohe, aufstrebende Journalistin Kim Wall missbraucht, getötet und zerteilt haben.

Stunden vor dem Untergang waren Madsen und Wall gemeinsam in See gestochen. Laut Anklageschrift traktierte er sie mit "mitgebrachten Messern und spitz zulaufenden Schraubenziehern". Walls Leichenteile versenkte er demnach im Øresund, ehe er die "Nautilus" auf den Grund der Køge-Bucht setzte. Als das U-Boot sank, war nur noch der Tüftler an Bord.

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Fall Peter Madsen: Die Todesfahrt der "Nautilus"

Nach seiner Rettung präsentierte Madsen immer neue Versionen dessen, was sich an Bord abgespielt haben soll - immer wieder wurde er von den Ermittlungsergebnissen widerlegt. Madsen bestreitet den Mordvorwurf, doch in Dänemark glaubt kaum jemand an seine Unschuld. Vor Gericht wird es vor allem auch um die Frage des Motivs gehen: Wie und warum musste Kim Wall sterben?

Traum vom perfekten Verbrechen?

Steen Lorck, der Madsens U-Boot jahrelang steuern durfte, glaubte von Anfang an nicht an ein Unglück. Kim Wall war als vermisst gemeldet worden, daher hatte die Küstenwache überhaupt nach der "Nautilus" gesucht. Als Lorck seinen alten Chef nach dessen Rettung von angeblich defekten Ballasttanks erzählen hörte, ahnte er Schlimmes. Madsen habe ihm mal gesagt, "er habe den Traum, das perfekte Verbrechen zu begehen", erzählte Lorck in einer Doku des dänischen Fernsehsenders TV2. Er habe dies jedoch als Spinnerei abgetan.

Tatsächlich fehlten der Polizei am Anfang Beweise gegen Madsen. "Wir werfen ihm das ultimative Verbrechen vor, ohne eine Leiche zu haben", konstatierte Chefermittler Jens Møller Jensen.

Chefermittler Jens Møller Jensen
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Chefermittler Jens Møller Jensen

Madsen behauptete zunächst, er habe Wall auf Refshaleøen abgesetzt, jener hippen Industriebrache, auf der sie beide lebten. Die Polizei hatte schnell Zweifel und nahm ihn fest. Bei der ersten Anhörung zur Untersuchungshaft sprach Madsen auf einmal von einem Unglück: Eine Luke sei Kim Wall auf den Kopf gefallen. Anschließend habe er sie "auf See bestattet".

Als Radfahrer im Süden der Insel Amager einen angeschwemmten Frauentorso fanden, geriet auch diese Version ins Wanken. Arme, Beine und der Kopf waren bewusst abgetrennt worden.

Peter Madsen lebte vom Ruf als Underdog, der Meere und Weltraum bezwingt. "Amateur zu sein heißt, die Dinge zu machen, weil man sie nicht sein lassen kann", sagte er einmal. Dieses Credo ging bei Madsen mit teils riskanten Methoden einher - etwa als ein aufwendiger Raketentest fehlschlug, weil er sich beim Triebwerk auf einen billigen Fön aus dem Supermarkt verlassen hatte.

Auch sein Versuch, im Fall von Kim Walls Verschwinden keine Spuren zu hinterlassen, misslang. An Bord der "Nautilus" fand die Polizei Blut und Kleidung. Und auch die restlichen Leichenteile wurden sichergestellt. Laut Ermittlern hatte Madsen sie in Plastiktüten gepackt und mit Metallstücken beschwert.

Mehr als hundert Tage lang, bis tief in den Herbst, kreuzten Polizisten in Booten regelmäßig mit schwedischen Leichenspürhunden an Bord über den Øresund. Die Hunde schnüffelten Quadrat für Quadrat die Wasseroberfläche ab. Wo sie anschlugen, gingen Taucher ins Wasser - bis alle Leichenteile geborgen waren. Am Schädel der Journalistin fanden die Ermittler schließlich "keine Fraktur" und auch "keine Anzeichen auf andere stumpfe Gewalt". So war auch Madsens Unfallversion nicht mehr glaubhaft.

Stichwunden im Unterleib

Walls Unterleib wies zahlreiche Stiche und Schnitte auf. Die genaue Todesursache ist auch nach der Obduktion noch offen. Die Rechtsmediziner legen sich nur insoweit fest: Sie könne erdrosselt oder ihr könne die Kehle aufgeschnitten worden sein. Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen entfuhr es laut "Jyllands Posten" während einer Anhörung: "Wenn nicht Peter Madsen Kim Wall zerteilt hat, wer hat es dann getan?" Fast schon zynisch legte er demnach nach: "Gibt es ein russisches U-Boot, das beigedreht hat?"

Kim Walls Lebensgefährte hatte seiner 30-jährigen Freundin und Madsen zum Abschied noch zugewinkt. Die schwedische Journalistin, die unter anderem für den "Guardian" arbeitete, wohnte laut TV2 erst seit ein paar Monaten mit ihrem dänischen Partner auf Refshaleøen - in unmittelbarer Nähe zu Peter Madsen.

Peter Madsen (Archiv)
AP/ Ritzau

Peter Madsen (Archiv)

Sie wollte über ihn schreiben, persönlich kannten sie sich offenbar nicht. Als er sie nach einer E-Mail-Anfrage kurzfristig auf sein U-Boot einlud, sagte sie zu. Wall, die mit ihrem Freund nach Peking umziehen wollte, verzichtete dafür laut der TV2-Doku sogar auf ihr eigenes Abschiedsfest.

Im Prozess sind 37 Zeugen geladen, das Verfahren wird für die vielen erwarteten Medienvertreter per Kamera in einen Nebenraum übertragen.

Über ein mögliches Motiv Madsens ist nichts bekannt. Die Staatsanwaltschaft berichtete bei einer Anhörung vor dem Kopenhagener Amtsgericht von Hinrichtungsvideos auf seinem Rechner. Die Filme, in denen Frauen zu Tode gequält werden, sind laut Staatsanwaltschaft echt. Der Erfinder indes verwies auf Praktikanten, die Zugang zu dem Rechner gehabt hätten.

"Wir bekommen nie die Geschichten zu hören, die sie gerne erzählt hätte"

Die Zerteilung der Leiche hat Madsen inzwischen eingeräumt, zur Todesursache präsentierte er zwischenzeitlich noch eine weitere Version: Während er im Turm gestanden habe, könne Wall unten erstickt sein. Seit dem 15. Oktober schweigt der mutmaßliche Mörder beharrlich. Seine Anwältin Betina Hald Engmark reagierte nicht auf Anfragen.

Kim Walls Mutter, Ingrid Wall, sagte bei einer Trauerstunde an der Columbia-Universität in New York: "Viele Fragen sind noch offen, aber wir und der Rest der Welt bekommen Kim nicht zurück. Unsere Reise endet hier und wir bekommen nie die Geschichten zu hören, die sie gerne für uns erzählt hätte."

Madsen droht lebenslange Haft - das heißt in Dänemark durchschnittlich 14 Jahre Gefängnis. Rechtspsychologen halten ihn für haftfähig. Die Anklage hat zusätzlich noch eine Sicherungsverwahrung beantragt.

Der Prozess könnte für lange Zeit Madsens letzte große Inszenierung werden.

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