Kriminalfall Peter Madsen Tod an Bord der "Nautilus"

Was geschah wirklich an Bord des U-Bootes "UC3 Nautilus"? Die Journalistin Kim Wall ist tot, ihre Leiche wurde zerstückelt - und der mutmaßliche Täter Peter Madsen spricht von einem ominösen Unfall. Eine Spurensuche.

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Aus Kopenhagen berichtet


Irgendwas ist da komisch, das weiß Peter Thompson gleich. Dänemarks Marine habe keine U-Boote mehr, hat man seiner Reisegruppe vor ein paar Stunden erklärt. Doch nun steht der Kieler Patentübersetzer mit seiner Frau am Heck des Kreuzfahrtschiffes "Aida Bella" und sieht beim Auslaufen aus dem Kopenhagener Hafen: ein schwarzes U-Boot.

Etwa 200 Meter von ihm entfernt zieht es im Abendlicht des 10. August eine weite Linkskurve. Im Turm des U-Bootes stehen eine Frau und ein Mann. "Mir erschien die Szene sehr relaxed", sagt Thompson. "Da habe ich meine kleine 'Lumix' mit 20-fachem Zoom rausgeholt und fotografiert."

Thompsons Bild der "Nautilus": Madsen (l.) und Wall (r.) stehen im Turm.
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Thompsons Bild der "Nautilus": Madsen (l.) und Wall (r.) stehen im Turm.

Wie besonders diese Aufnahme ist, wird schon einen Tag später klar, denn da ist das U-Boot in der Køgebucht gesunken, der Mann im Turm festgenommen und die Frau vermisst. Inzwischen steht fest: Kim Wall ist tot, und Thompson hat wahrscheinlich die letzten Bilder gemacht, auf denen die Journalistin lebend zu sehen ist.

Der Fall erregt weit über die Grenzen Dänemarks hinaus Aufsehen, er klingt wie für einen Skandinavien-Krimi erdacht: ein exzentrischer U-Boot-Konstrukteur, eine attraktive Frau, ein ungewöhnlicher Tatort, eine zerteilte, im Meer versenkte Leiche. Doch der Fall ist nicht ausgedacht, sondern traurige Realität.

Wenn man im Kopenhagener Hafengebiet nach Spuren sucht, mit Wegbegleitern des Verdächtigen Peter Madsen spricht, mit seiner Anwältin, dann wird der Fall nur noch unfassbarer: Was um Himmels Willen ist an Bord dieses U-Bootes geschehen?

Journalistin Wall: Offenbar Porträt über Madsen geplant
Kobenhavns Politi

Journalistin Wall: Offenbar Porträt über Madsen geplant

Kim Wall, 1987 im schwedischen Trelleborg geboren, aufgewachsen in Malmö, Abschlüsse an der London School of Economics und der Columbia University in New York, war für den Abend des 10. August mit Madsen verabredet. Dieser hat, zusammen mit Unterstützern, das U-Boot vor Jahren selbst gebaut und jüngst wieder instandgesetzt. Er ist der Einzige, der die rund 18 Meter lange "UC3 Nautilus" allein auf dem Meer steuern kann.

Madsen arbeitet seit Jahren auch an Raketen, mit denen er an den unteren Rand des Weltraums fliegen will. Reporterin Wall, die ihre Geschichten schon im "Guardian", dem "Time-Magazine", bei "Foreign Policy" und "Vice" untergebracht hat, scheint diese schillernde Figur fasziniert zu haben. Sie wollte offenbar ein Porträt über den Tüftler schreiben, auch wenn bisher kein Medienhaus bekannt ist, das ihr dafür einen Auftrag erteilt hat. Unüblich ist das nicht, Wall ist freie Journalistin. Und eine geschätzte dazu.

Madsen und Wall fahren am 10. August gegen 19 Uhr mit dem U-Boot von der Kopenhagener Insel Refshaleøen aufs Meer hinaus. Das ist die Szene, die Tourist Thompson beobachtet.

Als das U-Boot am Morgen des 11. August sinkt, ist Madsen allein an Bord und wird gerettet. Unmittelbar nach der Landung gibt er ein Fernsehinterview und wirkt dabei ausgesprochen gefasst. Zunächst behauptet der U-Boot-Kapitän, er habe Wall noch am vorherigen Abend, gegen 22.30 Uhr, wieder an Land abgesetzt, beim Restaurant "Halvandet" auf Refshaleøen. Das ist eine Lüge, wie sich später herausstellt. Der Tüftler spricht dann von einem Unfall an Bord, bei dem Wall gestorben sei. Er habe ihren Leichnam "bestattet".

"Halvandet": Madsen hatte zunächst behauptet, Wall hier an Land gesetzt zu haben.
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"Halvandet": Madsen hatte zunächst behauptet, Wall hier an Land gesetzt zu haben.

Am Morgen des 21. August findet ein Radfahrer am Südende der Insel Amager einen unbekleideten Torso - die DNA stimmt mit einer Probe von Kim Wall überein. Laut Ermittlern wurde der Körper so präpariert, dass er eigentlich auf dem Meeresboden bleiben sollte. Arme, Beine, Kopf sind abgetrennt und bis heute nicht aufgetaucht. Die Staatsanwaltschaft wirft Madsen jetzt vorsätzliche Tötung vor, er bestreitet das.

"Komplexe Persönlichkeit"

Benny Egesø hat viele Fragen und wenig Antworten. Er ist Madsens Halbbruder und hat mit seinem Stahlunternehmen Kecon auch dessen Arbeit finanziell unterstützt. "Ich habe so etwas nicht kommen sehen", sagt er am Telefon, hörbar um Fassung bemüht, "vor allem nicht von Peter, einem freundlichen und sanften Menschen."

Es gibt auch Leute, die Madsen anders beschreiben. Von seinem beeindruckenden Charisma ist stets die Rede - aber auch immer wieder davon, wie aufbrausend, nicht teamfähig und kompromisslos er sein könne. Aber nirgendwo ist zu hören, dass jemand Madsen einen Mord zutraut.

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"UC3 Nautilus": So sieht es in Peter Madsens U-Boot aus

Von einer "komplexen Persönlichkeit" spricht Madsens Biograf, der dänische Journalist Thomas Djursing. Der Bastler habe sich nach einer schweren Kindheit vorgenommen, "Freiheit in jeder Hinsicht" zu suchen. Djursing beschreibt einen "charismatischen, enthusiastischen und inspirierenden" Mann, jemanden mit einer "poetischen und künstlerischen Seite".

Halbbruder Egesø nennt Madsen einen "guten Menschen". Er sei immer stolz auf ihn gewesen. Aber dann gibt es da auch diese anderen Gedanken: "Ich zweifle an der Geschichte mit dem Unfall", sagt Egesø. "Es wäre dumm und blind, nicht daran zu zweifeln."

"Mein Mandant möchte seine Seite der Geschichte erzählen"

"Es ist fast unmöglich, in einem U-Boot einen tödlichen Unfall zu erleiden", sagt jemand, der Madsen aus dem U-Boot-Bau kennt. Dazu würde man in die Hauptschalttafel oder in das Hauptgetriebe greifen müssen. Und das tue niemand. "Ich weiß einfach nicht, wie man in einem in sich geschlossenen Zwei-Meter-Durchmesser-Stahlzylinder verunglücken sollte."

Die "Nautilus" im Kopenhagener Nordhafen: Hier wird das U-Boot von der Polizei untersucht
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Die "Nautilus" im Kopenhagener Nordhafen: Hier wird das U-Boot von der Polizei untersucht

Seit der Bergung untersucht die dänische Polizei das U-Boot in Kopenhagens Nordhafen. Abgesperrt ist die "Nautilus" nur mit einem einfachen Bauzaun, der mit rot-weißem Polizei-Flatterband versehen ist. Zwei Kriminaltechniker in blauen Overalls, ausgestattet mit Handschuhen, Mundschutz und Gummistiefeln, klettern aus dem Boot. Sie heben Gegenstände in Plastiktüten nach draußen und bringen sie zu einem blauen VW-Bus. In einem Gerichtsverfahren gegen Madsen könnte es auf jedes Indiz ankommen.

Der 46-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Laut der Zeitung "Ekstra Bladet" hat er um Verlegung in Einzelhaft gebeten - aus Angst um seine Sicherheit im Gefängnis. Vor Gericht soll er am 5. September das nächste Mal erscheinen. Dass er sich derzeit nicht äußere, habe mit den dänischen Behörden zu tun, erklärt seine Anwältin Betina Hald Engmark. "Mein Mandant möchte seine Seite der Geschichte erzählen. Aber Polizei und Staatsanwaltschaft haben das bisher nicht erlaubt."

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Tote Journalistin: Der Fall Kim Wall

Die Verteidigerin kennt - im Gegensatz zur Öffentlichkeit - Madsens ganze Version. Findet sie die Darstellung überzeugend? "Ich verteidige meinen Klienten auf die Art, wie er es möchte", erwidert sie auf diese Frage. "Aber jeder sollte sich daran erinnern, dass jedermann unschuldig ist, bis seine Schuld bewiesen wird."

Stille bei den meisten Unterstützern

Egal wie die Ermittlungen ausgehen werden: Mit dem Tod der Journalistin an Bord der "Nautilus" sind viele Träume gestorben. Allen voran die einer jungen, lebensfrohen Frau, die nun nicht mehr am Leben ist. Mit ihr sind auch die Träume ihrer Familie und ihres Freundes für ein gemeinsames Leben gestorben.

Ebenfalls gestorben sind die Träume der Menschen, die Madsen nahestanden. Seine Frau Sirid will sich nicht äußern. Von seinen früheren Unterstützern will kaum jemand reden, auch der schwerreiche Investor Georg Poul Artmann nicht. Dabei waren die Medien früher wichtig für Madsen und seine Anhänger, um weitere Sponsoren zu gewinnen. Doch das war in einer anderen Zeit.

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Peter Madsen: Raketenbau auf der Insel

Lars Wismann ist einer der wenigen Madsen-Finanziers, der sich noch äußern mag. Der Immobiliensachverständige hatte Madsens Frau im Frühjahr bei einer Studienreise nach Paris kennengelernt. Wenig später hatte sie ihn überzeugt, die Arbeit des Raketenforschers und U-Boot-Bauers zu unterstützen. Ehrensache für Wismann, der selbst einst bei der Marine diente und sein Büro mit haufenweise Ölgemälden diverser Schiffe vollgehängt hat.

Die Geschäfte gingen gut, sagt Wismann. Da müsse er nicht auf jede Krone schauen. Zur Belohnung gab es für ihn einen Besuch im U-Boot, allerdings vertäut an einem Pier auf Refshaleøen. "Der Traum von der Raketenforschungsanstalt ist mit dem U-Boot in der Køgebucht verschwunden. Heute ist das Geschichte für mich - und ganz wahrscheinlich auch für Peter Madsen."

Madsens Werkstatt, "Ship of Fools"
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Madsens Werkstatt, "Ship of Fools"

Wenn man sich bei Madsens Werkstatt umsieht, einem verrosteten Wellblechschuppen auf dem weitläufigen Gelände der früheren Werft Burmeister und Wain auf Refshaleøen, kann man das leicht glauben. Rund um das "RML Spacelab", so heißt Madsens Unternehmung offiziell, stehen in post-apokalyptischer Ödnis die rot lackierten Teile einer auseinandergenommenen Startplattform, ein aufgebocktes Boot ("Ship of Fools") - und viel Schrott.

Gute hundert Schritte nur sind es von Madsens Werkstatt zu seinen ehemaligen Kollegen von Copenhagen Suborbitals. Das ist das ursprüngliche Projekt, mit dem Madsen und der ehemalige Nasa-Mitarbeiter Kristian von Bengtson eine Eigenbau-Rakete entwickeln wollten. Madsen stieg im Streit aus, von Bengtson firmiert nur als Berater. Die anderen machen nun allein weiter, gesichert hinter Maschendrahtzaun und doppeltem Stacheldraht. Anfang September will man eine kleinere Rakete namens "Nexø 2" von der schwimmenden Plattform "Sputnik" aus in den Himmel über der Ostsee schießen.

Henssel mit Rakete: "Weil wir ins All wollen"
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Henssel mit Rakete: "Weil wir ins All wollen"

Im Inneren der Halle werkelt Rune Henssel. Im Moment sei er arbeitslos, deswegen habe er tagsüber Zeit, sagt er. Henssel ist einer von rund 50 unbezahlten Freiwilligen hier. Über Madsen will er unter keinen Umständen sprechen, über die eigenen Raketen sehr wohl. Wie hoch soll "Nexø 2" fliegen? "Mehr als zehn und weniger als 20 Kilometer", sagt er und zeigt stolz das weiße Geschoss und die signalrot lackierte Raketenspitze. "Wir wollen zeigen, dass Amateure einen Menschen ins All schießen und von dort auch wieder zurückholen können." Zumindest dieser Traum ist also noch nicht tot.

Noch ein paar Schritte weiter, am Rand von Refshaleøen, brennen Holzscheite in einem Eisenkorb. Vorwiegend junge Menschen stehen unter Glühlampenketten. "Baby Baby" heißt der Laden. An einem Tresen aus rohem Holz gibt es frische Austern. Doch die Leute hier sind keine Businessleute, wie es sie auf der Insel auch gibt. "Alternativ" trifft es wohl am besten, vielleicht kommen einige von ihnen aus den Wohnprojekten und Kommunen in der Nähe.

Bar "Baby Baby": Frische Austern am Holztresen
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Bar "Baby Baby": Frische Austern am Holztresen

Nur ein paar Meter gegenüber der Stelle, wo die "Nautilus" oft festgemacht war, schwimmt eine halbkugelförmige Sauna im Wasser. Immer wieder springen johlend ein paar überhitzte Besucher ins Hafenbecken.

Es ist eine lebensfrohe Atmosphäre. Kim Wall hätte sicher gut hierhergepasst - und möglicherweise wurde sie am Abend des 10. August auch hier erwartet. Eine Bedienung sagt jedenfalls, Kim Walls Freund sei an jenem Abend hier gewesen und immer beunruhigter geworden. Später habe er dann die Polizei verständigt.

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Seite 1
miram-m 26.08.2017
1. Mord oder Unfall
Wenn das stimmt, dass es sich hier um "einen ominösen Unfall" handelt, ändert nichts an der Tatsache: was danach geschah ist ein Verbrechen! Vertuschung, Zerstückelung... arme Familie und Freunde! Mein herzliches Beileid.
zack34 26.08.2017
2. Alkein schon die Tatsache, dass er stets neue Versionen
... dazu angibt (so ist zumindest den Medien zu entnehmen, die Polizei dabei als Quelle angeben), macht den Mann absolut unglaubwürdig. Arme Frau und ihre Familie...
Little_Nemo 26.08.2017
3. Nerd meets Girl? Oder zuviel Klischee um wahr zu sein`?
Das klingt tatsächlich alles sehr nach Skandinavien-Krimi. Wäre ein klassischer Fall für Sarah Lund, wenn die momentan nicht selbst genug an den Hacken hätte. Fehlt nur ein bisschen die Verstrickung der großen Politik. Allerdings gibt es in diesen Krimis auch immer viele unerwartete Wendungen. Im Moment scheint ja alles gegen Madsen zu sprechen, der sich in Ungereimtheiten verstrickt hat und allem Anschein nach der letzte war, der Kim Wall lebend gesehen hat. Aber wer weiß, vielleicht war es auch tatsächlich ein Unfall und Madsen war sich dessen bewusst, dass alles gegen ihn sprechen würde, und hat deshalb die Leiche so bestialisch entsorgt. Vielleicht hat sie Platzangst bekommen, ist beim Fluchtversuch über Bord gegangen und in die Schraube gekommen und hat dabei auch gleich den Untergang der Nautilus verursacht. Keine Ahnung ob das irgendwie möglich wäre. Es passieren ja mitunter die tollsten Sachen. Vielleicht gibt es aber auch noch eine weitere Person in diesem Spiel. Sieht momentan zwar nicht danach aus, kann aber wohl auch nicht völlig ausgeschlossen werden. Oder das alles ist nur eine dieser viralen Kampagnen um einen Film oder eine Serie zu promoten. Vielleicht gucke ich aber auch einfach zu viele Krimis und die scheinbar offensichtliche Lösung ist die richtige. Die dänischen Ermittler werden schon dahinter kommen.
ansprechpartner 26.08.2017
4. In finsterer Nacht....
...ich gehe mal mit der Aussage der Anwältin von Madsen, " Er ist unschuldig bis seine Schuld bewiesen ist." Sollte es einen Unfall gegeben haben, der mit dem Tod der Journalistin einherging und sie anschließend eine Seebestattung bekam, wer sollte ein Interesse daran gehabt haben den gefundenen Leichnam zu zerstückeln und so in Wasser zu bringen, das die Leichenteile nie gefunden werden sollen..... !
dislocation 26.08.2017
5.
Die Geschichte ist schon sehr strange, was ihn wohl dazu getrieben hat? Er war ja vorher nicht auffällig. Ich werde den Prozess auf jeden Fall verfolgen.
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