Prozess gegen Peter Madsen "Pervers und schwer sexuell abweichend"

In Dänemark hat der Prozess um den Tod der Journalistin Kim Wall begonnen. Der Angeklagte Peter Madsen verteidigt seine falschen Angaben nach der Festnahme: Er habe die Angehörigen schonen wollen.

DPA

Von , Kopenhagen


Kurz vor ihrem Tod schrieb Kim Wall ihrem Freund noch eine SMS: "Ich lebe übrigens noch - aber wir gehen runter! Ich liebe dich!!!!!! Er hat Kaffee und Kekse mitgebracht."

"Er", das ist Peter Madsen.

"Wir gehen runter". Damit war vermutlich das Abtauchen in einem U-Boot gemeint, Kim Wall war an der Seite von Madsen mit dessen selbst gebauter "Nautilus" in See gestochen.

"Ich lebe übrigens noch". Das muss ein Scherz gewesen sein, denn wie hätte sie ahnen können, dass sich das gleich ändern würde?

Kim Wall starb irgendwann zwischen dem 10. und 11. August 2017 an Bord der "Nautilus". Peter Madsen soll sie missbraucht, ermordet und zerteilt haben, deshalb hat an diesem Vormittag im Amtsgericht Kopenhagen der Prozess gegen ihn begonnen.

Zu Beginn der Verhandlung hält Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen anatomische Skizzen eines weiblichen Körpers in die Höhe. Die sind eigentlich schwarz-weiß, doch nun voller roter und blauer Striche. Jeder Strich steht für eine Stichwunde. Es ist ein fürchterlicher Atlas der Gewalt, für den Madsen verantwortlich sein soll.

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Kopenhagen: Der Prozess gegen Peter Madsen

Der Angeklagte spricht vor Gericht weiter von einem Unglück. Wall sei im Inneren des U-Bootes erstickt, sagt er. Der 47-Jährige macht dafür defekte Ventile und einen laufenden Motor verantwortlich, die hätten zu einem Unterdruck an Bord der "Nautilus" geführt. Nachdem er für den Abschluss eines Tauchgangs an Deck gegangen sei, habe er die Luke nicht mehr öffnen können.

Es ist Madsens dritte Version der Geschehnisse. Erst hatte er behauptet, er habe die schwedische Journalistin an Land abgesetzt. Später sagte er, ihr sei eine Luke auf den Kopf gefallen. Jetzt flüchtet er sich in technische Details.

"Ich hielt das dann für eine gute Idee"

"Ich habe die Welt und die Angehörigen schonen wollen", rechtfertigt Madsen die verschiedenen Versionen. "Von der Leiter fallen und eine Luke auf den Kopf bekommen wäre also besser?", fragt Staatsanwalt Buch-Jepsen. "Absolut, weil sie sofort bewusstlos geworden wäre."

"Aber warum haben Sie Kim zerteilt?" Madsen sagt, er habe 50 Minuten lang versucht, die Leiche in einem Stück von Bord zu bringen. Stundenlang sei er mit dem U-Boot umhergefahren, ehe er sich an Bilder von Amputationen bei Soldaten in Kriegsgebieten erinnert habe. "Ich hielt das dann für eine gute Idee."

Aber lassen sich die vielen Einstiche in Kim Walls Körper, all die roten und blauen Striche, durch Leichenschändung erklären?

Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass Wall Opfer eines brutalen Fetisches geworden sein könnte. Laut Buch-Jepsen suchte Madsen noch in der Nacht vor der Tat im Internet nach Enthauptungsvideos. Auf dem Film, den er sich um 0.35 Uhr anschaute, wird dem Ankläger zufolge einer Frau langsam der Kopf abgetrennt. 19 Stunden später stachen Madsen und Wall in See.

Bereits während der Untersuchungshaft hatten zwei Oberärzte und ein Rechtspsychologe Madsen narzisstische und psychopathische Züge attestiert. Er sei "pervers und schwer sexuell abweichend", zitiert Staatsanwalt Buch-Jepsen nun aus dem Gutachten. War Madsen auf der Suche nach dem nächsten Kick? Der Angeklagte weist eine Verbindung zwischen Walls Tod und seinem Sexualleben entschieden zurück.

Er rutscht nervös auf dem Stuhl herum

"Ich kann nicht leugnen, dass ich Lust auf viele sexuelle Kontakte habe, aber ich habe kein Interesse an Sadomaso-Spielen", sagt Madsen. Er rutscht nervös auf dem Stuhl herum, die Beine unter der Sitzfläche verschränkt. "Der Anteil promisker Damen ist in diesen Milieus aber höher, und die kann man dort leichter kennenlernen." Die Foltervideos hätten ihn nur emotional, nicht aber sexuell angesprochen.

Und Kim Wall? "Zu keinem Zeitpunkt gab es sexuelle Aktivität mit ihr", sagt Madsen. Außer einem kurzen geschäftlichen Nachrichtenaustausch gibt es laut Staatsanwaltschaft keine Hinweise darauf, dass er und Kim Wall sich vorher kannten.

Nachdem Madsen vom sinkenden U-Boot in der Køge-Bucht gerettet worden war, fanden Polizisten in seiner Unterhose Spermaspuren. "Bei mir nicht unüblich", sagt Madsen nun vor Gericht. Als der Staatsanwalt von ihm wissen will, ob er durch das Zerlegen der Leiche erregt worden sei, reagiert er ungehalten. "Nein. Sie tun mir leid, dass Sie so was fragen."

Die Verteidigung beschränkt sich zunächst darauf, den Ermittlern angebliche Fehler nachzuweisen. Madsens Anwältin Betina Hald Engmark wirft der Anklage etwa vor, dass die Rechtsmediziner keine genaue Todesursache mehr feststellen konnten. Für eine vorsätzliche Tötung gebe es keine Beweise. Die einzelnen Leichenteile hatten die Ermittler erst nach und nach aus dem Øresund gefischt.

Videoaufnahmen zeigen, wie sich Taucher an einer Schnur zu Kim Walls Arm am Meeresboden vortasten. Ihre Eltern müssen das im Gerichtssaal mitansehen. Und sie müssen ertragen, dass der Mann, der ihre Tochter getötet haben soll, sein Leid klagt. "Es gibt nichts Schlimmeres für jemanden wie mich, als mit zwei Personen in See zu stechen und mit einer wiederzukommen", sagt Madsen. Er habe für den Bau von Raketen, U-Booten und anderen verrückten Sachen gelebt und nun alles verloren.

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