Missbrauch in Wiener Heimen: Kinder wurden Opfer systematischer Gewalt

Wiener Heimkinder sollen bis vor wenigen Jahrzehnten immer wieder Opfer von gewalttätigem Missbrauch geworden sein. Das berichtet eine Kommission österreichischer Historiker. Die Befunde seien "eine historische Katastrophe". Seit 2010 hatten sich etwa 1100 Betroffene gemeldet. 

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Ehemaliges Kinderheim in Wien: Schon 2011 schockierten Berichte von Missbrauchsfällen

Wien - Bis vor wenigen Jahrzehnten herrschte in Kinderheimen in der österreichischen Hauptstadt Wien ein Regime der Gewalt und des Schreckens. Dieses Fazit zieht der Bericht einer Untersuchungskommission, der am Mittwoch vorgestellt wurde. Der Historiker und Kommissionsvorsitzende Reinhard Sieder nannte die Befunde "eine historische Katastrophe von eigentlich unglaublichen Ausmaßen".

Die Forscher hatten seit 2010 unter anderem ausführlich mit 20 früheren Heimkindern gesprochen. Untersucht wurden städtische, private und konfessionelle Heime, in die das Wiener Jugendamt im Zeitraum zwischen 1950 und 1979 regelmäßig Kinder schickte. Körperliche und seelische Misshandlungen gehörten demnach in den großen Kinderheimen zum Alltag.

Die Heime seien "totale Institutionen" gewesen, in denen alle Lebenstätigkeiten der Gruppe kontrolliert worden seien, heißt es in dem Bericht. Etwa die Hälfte der Erzieher habe keine oder nur eine minimale Ausbildung gehabt. Das übermäßig strikte Festhalten an einem totalen Regelwerk führte im regulären Betrieb der Heime systematisch zu Nötigungen und Misshandlungen.

Systematische Herabwürdigung

So sei es den Kindern ab mittags verboten gewesen, Wasser zu trinken, um nächtliches Bettnässen zu unterbringen. Dies "zwang die Durst leidenden Kinder, heimlich Wasser zu trinken, und sei es aus der Klomuschel", heißt es in einem Auszug aus dem 500 Seiten langen Dokument, den die österreichische Zeitung "Der Standard" veröffentlichte. Und weiter: "Das Gebot, das zugeteilte Essen aufzuessen, führte zum verbotenen Erbrechen, das ein neuerliches Gebot, das Erbrochene aufzuessen, nach sich zog."

Gewalt und Selbstjustiz sei in den Heimen gängig gewesen, darunter Strafen wie das Eintauchen des Kopfes in die Kloschüssel, das Hinunterstoßen über Treppen, das schwere Verprügeln, beispielsweise mit Reitgerten, Hosengürteln und Linealen. Auch psychisch seien die Kinder durch systematische Herabwürdigung misshandelt worden.

Ehemalige Heimkinder berichteten zudem von sexualisierter Gewalt, die sowohl von Erziehern, Hauspersonal als auch von stärkeren Kindern ausgeübt wurde und von den Heimangestellten beobachtet oder geduldet wurde. Weltliche wie geistliche Erzieher hätten sogenannte Prüfungen der Geschlechtsorgane durchgeführt. Einige der Betroffenen berichteten von der erzwungenen Befriedigung des Täters und Vergewaltigungen.

Taten bleiben ohne juristische Folgen

Von der Wiener Bevölkerung sei das Leid der Kinder ignoriert worden, heißt es in dem Bericht. Jugendstadtrat Christian Oxonitsch zeigte sich erschüttert über den 500 Seiten umfassenden Bericht: "Es sind unfassbare, es sind erschütternde Geschichten, die man hier lesen kann", sagte er der österreichischen Nachrichtenagentur APA

Schon im vergangenen Jahr war ein schockierender Bericht aus einem Wiener Kinderheim an die Öffentlichkeit gekommen. Die Stadt hatte damals eingestanden, dass es in den Heimen sadistische Erziehungsmethoden gegeben hätte.

Seit 2010 können ehemalige Heimkinder in Wien therapeutische Unterstützung oder finanzielle Hilfe beantragen. Bislang meldeten sich rund 1100 Menschen, die in den Heimen Gewalt erlitten, fast die Hälfte von ihnen auch auf der sexuellen Ebene.

Die Fälle in dem Bericht bleiben laut der Kommission allesamt ohne juristische Folgen: Die Straftaten sind verjährt.

usp/dpa

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