Kinderehen in Deutschland "Viele der Mädchen sind massiv traumatisiert"

In Deutschland leben mehr als tausend Mädchen in Kinderehen. Sie sind abhängig vom Ehemann und haben oft keine Möglichkeit, sich zu entwickeln, berichtet Myria Böhmecke von "Terre des Femmes".

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Alle sieben Sekunden heiratet irgendwo auf der Welt ein Mädchen unter 15 Jahren - oft einen deutlich älteren Mann. Das ist das Ergebnis einer Studie der Kinderschutzorganisation Save the children.

"Kinderehen sind der Anfang eines Teufelskreises aus Benachteiligungen, der Mädchen die grundlegenden Rechte auf Bildung, Entwicklung und Kindsein verwehrt", sagte Geschäftsführerin Susanna Krüger.

Auch in Deutschland gibt es viele Fälle von Kinderehen. Laut Zahlen des Bundesinnenministeriums sind 1475 ausländische Minderjährige als verheiratet registriert - darunter mehr als 1100 Mädchen. Betroffen sind vor allem Syrer (664), Afghanen (157) und Iraker (100).

Schon 2011, also Jahre bevor die Flüchtlingszahlen stark gestiegen sind, kam eine Studie des Bundesfamilienministeriums zu dem Ergebnis, dass in Deutschland mehr als 3000 Menschen zwangsverheiratet waren, oder kurz vor einer solchen Ehe standen. 30 Prozent der Betroffenen waren minderjährig, fast alle hatten einen Migrationshintergrund und waren weiblich.

Nun will die Bundesregierung Ehen von Minderjährigen grundsätzlich verbieten. Myria Böhmecke von Terre des Femmes unterstützt den Vorstoß. Im Interview erklärt sie, wie sehr die Betroffenen unter der Zwangsehe leiden.

Zur Person
  • Myria Böhmecke, 42, ist seit 2010 Referentin für "Gewalt im Namen der Ehre und Zwangsheirat" bei der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes". Die studierte Pädagogin hat jahrelang als Beraterin gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Warum werden überhaupt Kinderehen geschlossen?

Böhmecke: Es gibt verschiedene Gründe. Mädchen, die einen Freund haben, gelten in manchen Kulturen als unehrenhaft. Sie werden daher möglichst früh verheiratet, nach dem Motto: je früher sie Hausfrau und Mutter werden, desto besser. Die Eltern der Mädchen, die nach Deutschland fliehen, sehen die Zwangsehe auch als Schutz: Sie stellen ihrer Tochter so einen Mann an die Seite, der auf sie aufpasst. Möglicherweise fließt sogar Brautgeld, das die Flucht nach Europa auch für die Familie der Braut ermöglicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr leiden die Betroffenen?

Böhmecke: Sie haben oft keine Möglichkeit, sich zu entwickeln, müssen tun, was der Mann sagt. Die Mädchen sind von ihrem Ehemann abhängig. Häufig erwarten die Männer, dass ihre Frauen die Ausbildung abbrechen und schnell schwanger werden. Sie sollen nur noch Ehefrau sein.

SPIEGEL ONLINE: Was ist, wenn sich die Mädchen wehren?

Böhmecke: Dann müssen sie mit Drohungen und Übergriffen rechnen. Ich kenne den Fall einer 17-Jährigen, die mit ihrem Cousin und ihrem Bruder aus dem Libanon nach Deutschland kam. Der Bruder zwang sie, den Cousin zu heiraten. Sie bekam Morddrohungen, weil sie sich widersetzte. Viele der Mädchen fügen sich, denn die Eltern, Schwiegereltern und der Partner setzten sie unter Druck.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn es gelingt, die Ehe aufzulösen: Wie sind die langfristigen Folgen?

Böhmecke: Viele der Mädchen sind durch jahrelange Misshandlungen massiv traumatisiert. Außerdem leidet ihre Gesundheit: Eine frühe Schwangerschaft mergelt die Körper aus. Zudem ist es für eine Frau ohne Ausbildung schwer, einen Job zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es in Deutschland wegen der Zuwanderung mehr Zwangsehen?

Böhmecke: Tatsächlich gibt es mehr Fälle, das merken wir in unserer Beratungsstelle. Das liegt vermutlich an der Zuwanderung. Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von dem Vorschlag, die Ehe unter 18 Jahren grundsätzlich zu verbieten?

Böhmecke: Diesen Vorstoß unterstützen wir. Wir haben dazu im Mai eine Petition mit knapp 110.000 Unterschriften an das Bundesjustizministerium übergeben. Denn die rechtliche Lage ist bisher kompliziert, es gibt viele Ausnahmen. Zwischen 14 und 17 Jahren liegt es grob gesagt im Ermessen der Gerichte, ob die im Ausland geschlossene Ehe zulässig ist. Die Mädchen müssen sich einem Verfahren stellen und gegen die eigenen Familienmitglieder aussagen. Das könnte man ihnen ersparen - wenn es ein generelles Verbot gäbe.



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